Besonders ältere Menschen sind gefährdet

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23. Februar 2010, 09:34 Uhr

Rostock | 23 Menschen haben 2008 in Rostock Selbstmord begangen. Das sind seit 2003 erstmals wieder mehr als 20 Todesfälle durch vorsätzliche Selbstbeschädigung - so der juristische Begriff. "Gründe für einen Suizid sind selten Lebenskrisen allein", sagt Privatdozentin Dr. Jacqueline Höppner, kommissarische Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Rostock in Gehlsdorf. Gerade einmal fünf bis zehn Prozent der Selbsttötungen werden aus einer solchen Situation heraus begangen. Hingegen seien häufig psychische Erkrankungen Ursache von Suiziden. Dazu gehören psychotische, depressive und Abhängigkeitserkrankungen. Auch chronische Schmerzen und gehäufte körperliche Erkrankungen spielen oft eine Rolle bei Suizidgefahr. Höppner betont: "Der Wunsch zu sterben ist nicht die Krankheit selbst, sondern ein Symptom."

Statistisch gesehen werden die meisten Selbstmorde durch Erhängen vollzogen. In etwa der Hälfte der Fälle greifen die Lebensmüden auf diese Methode zurück. Etwa 20 Prozent wählen den Tod, indem sie aus dem Fenster springen. Zwölf Prozent nehmen eine Überdosis an Medikamenten ein. "In der Wahl der Suizidmethode unterscheiden sich Männer von Frauen. Männer greifen eher zu härteren Methoden", erklärt Höppner. "Der Freitod eines Menschen ist für die Hinterbliebenen sehr erschreckend. Die Ursachen und Motive sind für sie häufig völlig unbegreiflich. Der Suizid eines Angehörigen hinterlässt viele Fragen, die oft nicht beantwortet werden können."

Eine intensive Betreuung sei nach einem solchen tragischen Ereignis wichtig. Auch wenn etwa 80 Prozent der Betroffenen ihre Suizidabsicht im Vorfeld äußern, so kommt es doch eher selten vor, dass sie direkt mit ihren Angehörigen über die gravierenden Probleme sprechen: "Sie wollen ihre Familien und Freunde schonen, sie nicht mit ihren Problemen belasten, erleben sich häufig als Last und tragen sich mit Schuldgefühlen", so Höppner. Die hohe Risikogruppe seien Menschen im höheren Lebensalter, die vereinsamt leben und an vielen körperlichen Erkrankungen leiden. Ebenfalls als Risikogruppe sind Menschen mit psychischen Erkrankungen einzustufen, besonders wenn sie zusätzlich unter einer schwierigen Lebenssituation leiden zum Beispiel allein sind, keine berufliche Perspektive haben, an Schmerzen leiden oder mit Schlafstörungen zu kämpfen haben. Präventiv wirken ein enges familiäres Umfeld, berufliche und soziale Einbindung. "In MV ist die Selbstmordrate relativ hoch", berichtet Höppner. Erfahrungsgemäß nehme die Häufigkeit von Suiziden im Frühling und Sommer zu. In diesem Punkt unterscheidet sich Rostock nicht von anderen Regionen. "Ein Großteil von suizidgefährdeten Menschen kann jedoch rechtzeitig in fachspezifische Therapie vermittelt werden."

Die Aufmerksamkeit für dieses Problem sei bei Ärzten, aber auch in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren gestiegen. Durch Aufklärung zum Beispiel über Depressionen sei die Chance größer, dass Suizidgefährdungen auch durch Laien schneller erkannt werden. "Wir können den meisten Patienten durch die medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung der psychischen Grund erkrankung helfen", sagt Höppner. Tendenziell sei die Rate der Suizide in den vergangenen zehn Jahren rückläufig. "Dass sich das Risiko in einer Wirtschaftskrise erhöht, ist theoretisch denkbar." Berufliche und soziale Probleme seien ein Risiko für die Entwicklung depressiver Störungen, somit auch für Suizidgedanken. "Oft wird die eigene Existenz infrage gestellt. Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle treten auf."

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