zur Navigation springen
Übersicht

19. November 2017 | 00:23 Uhr

Beruf: Illusionen erzeugen

vom

svz.de von
erstellt am 11.Okt.2010 | 10:13 Uhr

Altstadt | Für Ulrich Altermann ist es der schönste Beruf, den er sich vor stellen kann: Theatermaler. Der Chef des Malsaals des Mecklenburgischen Staatstheaters schwärmt besonders von der Vielfalt der Arbeitsaufgaben: 20 mal 10 Meter sind die großen Bilder, die er und seine Kollegen malen, und sie imitieren täuschend perfekt hell erleuch tete Schlösser oder opulente Privat bibliotheken, abendliches Straßenleben oder dunkle Wälder. Derzeit entsteht im Malsaal gerade der Schlossgarten, in dem eine Prinzessin mit einer goldenen Kugel spielen soll, die ihr in den Brunnen fällt. Es ist einer der sechs Prospekte - der Hintergründe - die für das Weihnachtsmärchen "Der Froschkönig" gebraucht werden.

Voraussetzung: Gefühl für Perspektive und Raum

"Räumliches Sehen ist in diesem Beruf ganz wichtig. Man muss ein Gefühl für Perspektive und Raum haben, damit das Produkt stimmt", erzählt Altermann über seinen Beruf. Man brauche aber auch die Vorstellung vom Ergebnis. Das sei entscheidend für Material imitation. Der Mamorbrunnen für den Froschkönig beispielsweise sei natürlich nicht aus Mamor, sondern aus Holz. "Er wird aber verblüffend echt wirken", verspricht der geschickte Kunsthandwerker. Dabei kann er sich auf seine langjährigen Erfahrungen stützen. Und die Theatermaler können jedes Material imitieren, von Stuck bis Wurzelholz dekor. Zu den Meisterstücken der Illusion gehört sicher der monumentale Kunstkasten, der 2009 Bühne und Zuschauertribünen der Schlossfestspiele umhüllte. Das bis zu 14 Meter hohe, insgesamt 1500 Quadratmeter große Zeitenfries des international renommierten Installationskünstlers Jörg Herold, das im Volksmund nur "rostige Blechkiste" genannt wurde, war nämlich gar nicht aus Metall, sondern aus Plaste.

"Wer Theatermaler werden möchte, sollte unbedingt rechtzeitig ein Praktikum machen, um herauszufinden, ob er für diesen Beruf auch geeignet ist", sagt Altermann. Denn künstlerisches Talent allein reiche nicht, ebensowenig wie nur handwerkliche Fähigkeiten. "Theatermaler ist ein sehr komplexer Beruf, der ein hohes Allgemeinwissen, Geschichts- und Kunstgeschichtskenntnisse voraussetzt ebenso wie Theaterwissen, Geschmack und ästhetisches Empfinden." Selbstverständlich würden zeichnerisches Können und Kreativität vorausgesetzt, aber auch eine hohe Disziplin und Teamgeist. "Anders als ein freischaffender Künstler arbeiten wir nach Vorgaben", erläutert Altermann. "Wir setzen die Idee des Regieteams um, wir sind das Bindeglied. Wir kopieren und projezieren Bilder, was übrigens eine hohe Disziplin erfordert, haben dafür dann aber durchaus kreativen Spielraum. Das ist mehr als Handwerk. Wir sind Künstler und Kunsthandwerker zugleich."

Genau das erläutert der Malsaalchef auch den Praktikanten, die sich für den Beruf interessieren. Und er arbeitet sie ein. Anhand von Modellen und Figuren können sich interessierte junge Leute im perspektivischen Sehen und Zeichnen ausprobieren, in Büchern Eckpunkte der Anatomie und textilen Faltenwurf studieren, sich mit unterschiedlichen Materialien und Farben anfreunden und je nach Arbeitslage auch an der Anfertigung von Kulissen und Prospekten für aktuelle Inszenierungen mitwirken.

Wer Theatermaler werden möchte, kann eine Ausbildung an der einzigen Berufsschule dieser Art in Deutschland in Baden-Baden beginnen oder ein Fachhochschulstudium in Dresden aufnehmen. Dort hat auch Ulrich Altermann seine berufliche Laufbahn begonnen. "Die Aufnahmeprüfungen sind aber hart, darüber muss sich jeder Bewerber im Klaren sein", betont der Profi, der in Baden-Baden oft in der Prüfungskommission sitzt. Eine Chance habe nur, wer auf praktische Erfahrungen aus Zeichenzirkeln und Praktika verweisen und aussagekräftige Bewerbungsmappen vorlegen kann, das dreitägige Vormalen besteht und dabei soziale Kompetenzen erkennen lässt.

Tina Jungheinrich, die Jüngste im Malsaal-Team des Staatstheaters, war erfolgreich und ist glücklich, diesen Beruf gewählt zu haben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen