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Autorin Judith Zander wird für Debütroman geehrt : Beatles als Soundtrack für Bresekow

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So leicht gewöhnt man sich nicht an Lob und Preis. Beides ist Judith Zander schon reichlich zuteil geworden, seit ihr Debütroman "Dinge, die wir heute sagten" veröffentlicht wurde.

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erstellt am 22.Jul.2011 | 08:19 Uhr

So leicht gewöhnt man sich nicht an Lob und Preis. Beides ist Judith Zander schon reichlich zuteil geworden, seit ihr Debütroman "Dinge, die wir heute sagten" veröffentlicht wurde. Doch die 30-Jährige bleibt betont ruhig: "Über Preise denke ich wenig nach", sagt die gebürtige Anklamerin. Der von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft vergebene Uwe-Johnson-Förderpreis immerhin, dessen Juroren ihr Buch unter den Prosa-Debüts der vergangenen zwei Jahre einhellig und unangefochten vorn sahen, sei "ein sehr schöner Preis, und sehr überraschend".

Uwe Johnson gehört zu jenen Autoren, die der mittlerweile in Berlin heimischen Literatin wichtig sind. "Ich lese ihn gern, habe aber nicht alles von ihm gelesen", sagt Judith Zander, die den für seine konsequenten Erzählstrukturen gerühmten Preis-Namensgeber sehr bewundert für die stimmige Kombination von Formalität und Inhalt. "Das mag schwierig wirken, geht aber nie zu Lasten der Verständlichkeit", stellt sie fest.

Ihr Roman entwirft die Geschichte eines vorpommerschen Dorfes namens Bresekow in vielstimmiger Erzählweise, wie sie auch Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" eigen ist. "Aber er ist ja längst nicht mehr der Einzige, der solche Form wählte", wiegelt sie allzu vordergründige Vergleiche ab.

Weitere Querverbindungen - wie die Tatsache, dass Uwe Johnson, geboren 1934 im pommerschen Cammin (heute Kamien Pomorski), seine ersten zehn Lebensjahre in Anklam verbrachte, wo auch Judith Zander aufwuchs, oder der Umstand, dass in ihrem Buch der irische Germanist Michael als Kurzzeit-Besucher in Ostvorpommern nach möglicher Wirkung eines Uwe Johnson forscht - sollten nicht verleiten, daraus die Entscheidung für die Uwe-Johnson-Förderpreisträgerin zu erklären. Ihr Buch, erstmals aufgefallen durch die Vorstellung eines Ausschnitts bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, ist einfach in der Substanz seines Inhalts und der Beherrschung seiner Form das herausragende Prosa-Debüt der jüngsten Zeit. Im "Zentrum des Nichts" verortet Judith Zander jenes Bresekow, eines Nichts, "das sich kurz hinter Berlin auftut und bis Rostock nicht aufhört. Ein hässliches Endlein der Welt, über das man besser den den Mund hält."

Was es dennoch alles zu sagen gibt über Bresekow und seine Menschen, wird aufgerührt durch den Tod der alten Anna Hanske und den Besuch ihrer Tochter Ingrid, die vor vielen Jahren fortging, nach Berlin und schließlich nach Irland. Die Sehnsucht, hier herauszukommen, und der Druck, zu bleiben, gehören zum Bresekower Mikrokosmos genauso wie Verschüttetes und Verdrängtes, alte Geschichten und neue Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen. Ingrids aus Gegenwart und Erinnerung verflochtene Lebensbilanz ist eine der Erzählstimmen, die ein mehrere Generationen umfangendes Netz knüpfen von der greisen Nachbarin über die "Mittelalten" mit ihren gebrochene Biografien bis zu den Jugendlichen, die das Nichts auf der Elpe, dem früheren LPG-Gelände, auszuhalten versuchen - oder wie die Mädchen Romy und Ella verzaubert sind von Ingrids Sohn Paul, der wie der junge McCartney aussieht.

In Songtexten der Beatles fand Judith Zander nicht nur den Titel, sondern auch den Soundtrack ihres Romans. "Ich weiß nicht, wie sie da hineinkamen. Irgendwann waren sie da, und ich fand, dass sie zur Geschichte und zu den Figuren passten", erklärt die Autorin. Passagen aus "Let It Be" oder "Blackbird", "Octopus Garden" oder "Hello Goodbye" machen John & Paul ebenso zu gleichrangigen Kommentatoren des Geschehens, wie sich "Die Gemeinde" gleich dem Chor im antiken Drama mit schlaglichtartigen Anmerkungen in breitem Platt zu Wort meldet.

In der Vielzahl der Stimmen beeindruckt, wie jede ihren eigenen Erzähl-ton aufweist, die alte Frau von nebenan wie die Bengels von der Elpe, die frustrierte Lehrerin wie der debile Henry. Auch hier ist für die Autorin schwer zu beschreiben, wie sich das jeweils Originäre herstellen lässt: "Vielleicht muss man mit diesen Stimmen aufgewachsen sein", mutmaßt Judith Zander. Stoff und Sprache hätten sich halt angesammelt und konnten im Schreibprozess abgerufen werden: Ich konnte mir die Leute vorstellen, hörte sie sprechen - ohne dass jemals etwas eins zu eins abgebildet worden wäre." Dass sich Menschen aus ihrer vorpommerschen Heimat wiederzuerkennen glauben, konnte dennoch nicht ausbleiben. Pikierte Reaktionen haben die Autorin selbst nicht erreicht; ihre Eltern indes, die noch in Anklam leben, wurden mehrfach darauf angesprochen: "Ich bin weit weg; sie müssen es ausbaden, wenn sich Leute porträtiert fühlen…"

Viel zu düster werde das ländliche Ostvorpommern da gezeichnet, ist ein ebenfalls erwartbarer Einwand - einer, wie ihn selbst TV-Krimis einstecken müssen. Das muss Literatur dürfen, zumal wenn sie gespeist ist aus dem,

was - so Judith Zander - "man pathetisch Heimat nennen kann". Jene Heimat als Nährboden ihres Buches zu sehen, erscheint der Autorin ein wenig "schmarotzerisch". Doch ebenso notwendig war, was sie "Differenzerfahrung" nennt: "Ohne aus Vorpommern wegzugehen, hätte ich das nicht schreiben können, ich brauchte den Abstand."

Als Lyrikerin längst namhaft, setzt Judith Zander nun mit ihrem ersten Roman Maßstäbe.

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