Bald schöner Warten in neuen Bushaltestellen?

23-22176994.jpg
1 von 2

von
21. Mai 2008, 10:02 Uhr

Warin - Wind pfeift um die Ohren, Regen tropft von allen Seiten – bei schlechtem Wetter auf den Schulbus zu warten, ist im nordwestmecklenburgischen Cramon alles andere als ein Vergnügen. Dort, wo dicke Spezialscheiben einen geschützten Unterschlupf bieten sollen, ist nichts in der Metallverankerung zu finden. Die Diebe gingen professionell vor, bauten eines nachts die getönten bruchfesten Scheiben fachgerecht aus. Auf dem Schaden von mehr als 1500 Euro bleibt die Gemeinde sitzen. Und die hat inzwischen kapituliert: „Es lässt sich einfach keine Versicherung finden, die ein Wartehäuschen versichert“, sagt Bürgermeister Ulrich Lückstädt. Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholungstat.

Scheibenlos, beschmiert, zerkratzt, verdreckt – viele Wartehäuschen fristen ein trauriges Dasein. Eine unschöne Vorstellung, es darin 43 Stunden aushalten zu müssen. So lange warten Pendler jährlich im Schnitt auf öffentliche Verkehrsmittel, wenn man ihnen die Ergebnisse einer Studie zugrunde legt, etwa fünf Minuten vor dem Bus am Haltepunkt zu sein.

Haltestellen-Gespräche auf Augenhöhe

Viele Städte und Kommunen haben bereits reagiert, ersetzten marode Steinbauten, teils noch Relikte aus DDR-Zeiten, etwa durch kleine Fachwerk- oder Ziegelhäuschen, muschelähnliche oder gläserne Unterschlüpfe oder verpassten ihnen neue Anstriche und Bänke.

Zeitgemäßes Warten sieht jedoch anders aus. Das findet zumindest eine Hand voll Studenten der Hochschule Wismar. Wie, das zeigten sie gestern den beiden Geschäftsführern der Personenverkehr GmbH Müritz. Sigrid Leder und Detlef Woiwode hatten die Wismarer im vergangenen Jahr beauftragt, neue Designs für die 120 Haltestellen an einer ihrer regionalen Buslinie zu entwerfen. Die Vorgabe: Keine Luxusschlösser, sondern erschwingliche und umsetzbare Unterstände, die Einheimische, Pendler und Touristen gleichermaßen ansprechen. Modelle erleichtern die Vorstellungskraft. Während sich die einen an heutigen Glasvarianten orientieren, setzen andere auf Solarzellen oder mehrere Ebenen.

So wie Lars Gehlau. Der angehende Produktdesigner ist aus dem Häuschen: Sein Entwurf schaffte es unter die besten drei. Geht es nach dem 25-Jährigen, warten Fahrgäste unter einem beigen Betondach. Abgerundete Ecken, dunkle Holzelemente und eine breite Glasfront verleihen seinem Entwurf ein modernes, unverwechselbares Aussehen. Eine kleine Solaranlage auf dem Dach könnte Energie für elektronische Anzeigetafeln liefern.

Oberste Prämisse für Gehlau: Den Fahrgast aus der Anonymität zu holen. Deshalb hat er sein Wartehäuschen in verschiedene Ebenen unterteilt. Ganz gleich, ob die Wartenden stehen, auf der Bank sitzen oder an einer leicht geneigten Holzfläche lehnen – sie befinden sich alle auf Augenhöhe. Das soll die Kommunikation erhöhen, erklärt er. Wo der gemeine Mecklenburger doch auch so viel spricht. „Eine Herausforderung mit offenem Ausgang“, räumt denn auch Gehlau ein.

Klinkenputzen fürs nötige Kleingeld
So weit die Pläne, so gut. Die eigentliche Arbeit fängt jedoch erst jetzt an, sollen sie kein Modell bleiben. Kleine Nachbesserungen, etwa ein stärkerer Farbbezug zum markant-orangenen Bus der besagten Strecke oder größere Sichtfenster, sind dabei jedoch das geringste Problem.

Noch ist unklar, wie viel Geld in die neue Designlandschaft fließen müsste. „Wir werden uns jetzt für die besten drei Modelle Kostenvoranschläge einholen“, skizziert Detlef Woiwode das weitere Vorgehen. Eine Größenvorstellung hat er nicht, hofft aber auf Preise, die aktuellen Häuschen ähneln. Ein herkömmlicher Glasunterstand kostet unseren Recherchen zufolge etwa 5000 Euro.

Wie teuer es auch wird: Der Verkehrsbetrieb als Ideengeber wäre aus dem Schneider. Ihm gehören nämlich nur die Haltestellen-Pfähle und die Fahnen. „Eigentümer der Bushäuschen sind die Gemeinden“, sagt Sigrid Leder. Die wissen bislang noch nichts von der anstehenden Klinkenputzerei.

Wenn Sigrid Leder das Gespräch mit ihnen sucht, hat sie aber konkrete Finanzierungspläne im Gepäck, lassen sich für den Bau doch diverse Fördertöpfe aus Land, Bund und EU anzapfen. Das soll die Gemeindechefs wohlwollend stimmen. Angst, dass Vandalen die Arbeit zunichte machen könnten, haben die Geschäftsführer nicht. „Mutwillige Zerstörungen kommen an unseren Haltestellen kaum vor“, rühmt sich Sigrid Leder.

Das würden auch die Kollegen in Schwerin gern von ihren Fahrgastunterständen – so die offizielle Bezeichnung – behaupten. Doch wie in anderen größeren Städten sind Wartehäuschen auch hier ein großes Sorgenkind des Nahverkehrs. Vor einigen Jahren peppten professionelle Graffiti-Sprayer diverse Haltepunkte künstlerich auf. Die Vandalen hielt das nicht ab, sagt Lothar Matzkeit, Abteilungsleiter Technik. In der Konsequenz werde das Projekt nicht weiterverfolgt.

Die ersten Häuschen, so Detlef Woiwodes Ziel, könnten an der Müritz schon Ende des Jahres stehen.
In Cramon soll fürs erste Holz oder Ähnliches für den nötigen Schutz der Wartenden sorgen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen