Auswege aus der Isolation

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12. Juni 2008, 10:24 Uhr

Schwerin - Neben Krebs gehört die Demenz im Alter zu den am meisten mit Ängsten behafteten Krankheitsbildern. Vergesslichkeit, Verhaltensauffälligkeiten und Gedächtnisstörungen sind Symptome, die auf eine Demenzerkrankung hinweisen können. Wer diese Anzeichen bei sich beobachtet, hat das Schicksal Prominenter wie Ronald Reagan oder Harald Juhnke vor Augen – und igelt sich in aller Regel zuerst einmal mit seinen Befürchtungen ein. „Es ist sehr schwierig, die Erkrankung zu akzeptieren – für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen, denen die Veränderung des Erkrankten schließlich auffällt“, weiß Ute Greve, die in Schwerin das landesweit einmalige Zentrum Demenz leitet.

Pflegende reiben sich in der Betreuung auf
Immer wieder sitzen ihr und ihrer Kollegin Antje Doliff Menschen gegenüber, die sich bereits jahrelang in der Pflege eines demenzkranken Angehörigen aufgerieben haben. Hilfe suchen sie häufig erst, wenn sie selbst am Ende ihrer Kräfte sind und/oder wenn sie ihren Angehörigen in eine stationäre Einrichtung geben müssen.

Gerade in den Anfangszeiten des Zentrums – die Kontakt und Informationsstelle für Demenzkranke und ihre Angehörigen gibt es seit Oktober 2006 – existierten nur sehr wenige niedrigschwellige Betreuungsangebote, auf die die Beraterinnen zur Entlastung der Angehörigen verweisen konnten.
Mittlerweile hat das von Pflegekassen, Land und dem Augustenstift als Träger finanzierte Modellprojekt erste Früchte getragen. Nicht zuletzt, weil das Zentrum selbst diverse Betreuungs- und Entlastungsmöglichkeiten für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Neben monatlichen Informationsabenden zum Thema Demenz sind es vor allem die wöchentlichen Termine, zu denen die Mitarbeiterinnen des Zentrums gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern Demenzkranke bis zu drei Stunden lang betreuen, und die stundenweise Entlastung in der häuslichen Pflege, die von Angehörigen Demenzkranker dankbar angenommen werden.

Für die Entlastungspflege haben die Mitarbeiterinnen des Zentrums bereits eine Reihe ehrenamtlicher Helfer gewonnen und geschult. „Viele von ihnen haben schon vorher mit Demenzkranken zu tun gehabt“, so Ute Greve. Die Erklärung ist einfach: Wer selbst einmal einen demenzkranken Angehörigen betreut hat, weiß besonders gut, wie wichtig es ist, einmal entlastet zu werden und dadurch Zeit für sich selbst zu bekommen.

Ganz neu ist das Angebot des Zentrums Demenz, Angehörige zu schulen. Der erste Kurs hat gerade in dieser Woche begonnen. Während die Erkrankten in der Betreuungsgruppe gut aufgehoben sind, wird ihren Angehörigen an vier Vormittagen nicht nur das Krankheitsbild selbst erläutert. Die Schulungsteilnehmer bekommen auch Informationen über Möglichkeiten des Umgangs mit dem Erkrankten, über Hilfen, die beantragt und Vorsorgemöglichkeiten, die genutzt werden können.

Ganz wichtig: Austausch mit anderen Angehörigen
„Vor allem aber geben die Kurse den Angehörigen die Möglichkeit, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen“, betont Ute Greve. Dabei würden dann auch ganz unterschiedliche Lebensmuster aufeinander prallen: Die Frau, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren könnte, ihren Mann „ins Heim abzuschieben“ käme in der Gruppe vielleicht ins Gespräch mit einer anderen, die bereits einen Schritt weiter sei. Diese Frau fragt sich möglicherweise, was ihrem Mann wirklich gut tut und kommt zu dem Schluss, dass es für ihn jetzt besser wäre, wenn er nach Jahren, in denen sie ihn zu Hause betreut hat, in eine geschützte Umgebung ziehen würde.

Ute Greve und Antje Doliff würden selbst nie die Empfehlung für eine ganz bestimmte Betreuungs- oder Wohnform geben. „Die Entscheidung darüber, was im Einzelfall das Richtige ist, können nur die Angehörigen treffen“, betont die Leiterin des Zentrums. Grundsätzlich sind die beiden Frauen der Auffassung, dass es für Demenzkranke am besten ist, so lange wie möglich in ihrem gewohnten Zuhause zu bleiben. Angehörigen sollten in dieser Zeit aber unbedingt Hilfe annehmen, appellieren sie. Wer sich im Zentrum Demenz beraten lässt, bekommt deshalb jede Menge Informationen über entlastende Betreuungsangebote und Tages- und andere Pflegeeinrichtungen in Schwerin und Umgebung, die sich auf Demenzranke spezialisiert haben.

Ab Juli bessere Leistungen aus der Pflegeversicherung
Geht es nicht mehr anders, können die Beraterinnen aber auch Heime nennen, in denen es spezielle Bereich für Demenzkranke gibt. All diese Angebote werden zurzeit in Broschürenform in einem „Wegweiser Demenz“ zusammengefasst, den das Zentrum zusammen mit der Hochschule Neubrandenburg Mitte Juli herausgeben wird.

Ab Juli, wenn die Leistungen der Pflegeversicherung für Demenzkranke spürbar verbessert werden, erwarten sich die beiden Frauen einen neuen Beratungsschub. „Dann werden nicht nur die Geldleistungen für die niedrigschwelligen Betreuungsangebote zur zeitweisen Entlastung der pflegenden Angehörigen angehoben“, erklärt Antje Doliff. „Erstmals können dann auch diejenigen Demenzkranken davon profitieren, denen noch keine Pflegestufe zuerkannt wurde.“

Perspektivisch wollen die Mitarbeiterinnen des Zentrums Demenz auch die niedergelassenen Ärzte in ihre Arbeit einbeziehen. „Bisher haben wir noch nicht offensiv für uns geworben, weil wir erst einmal die entsprechenden Angebote aufbauen wollten“, erläutert Ute Greve. Dennoch haben in den ersten Monaten dieses Jahres schon fast so viele Menschen im Zentrum Demenz Rat gesucht wie im gesamten Vorjahr. Und angesichts der zunehmenden Zahl alter und damit auch demenzkranker Menschen wird auch das noch lange nicht das Ende sein.

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