Ausbruch mit Schuss

Hubschrauber vor Rühn-Pustohl: Die Suche blieb ohne Erfolg. Foto: Frank Pubantz
Hubschrauber vor Rühn-Pustohl: Die Suche blieb ohne Erfolg. Foto: Frank Pubantz

Ein 42-jähriger Häftling ist gestern Justiz und Polizei in Bützow entwischt. Der Schweizer überrumpelte zwei Beamte auf dem Weg vom Gefängnis zum Krankenhaus, wo er operiert werden sollte. Viele Indizien deuten darauf hin, dass der Ausbruch geplant war: Der Häftling konnte entkommen, obwohl er durch Handschellen in der Bewegung eingeschränkt ist. Auf einem Parkplatz verlor sich seine Spur. Das Justizministerium vermutet, dass der Geflohene einen Helfer hatte. Es untersucht jetzt auch, ob die Beamten der Anstalt Fehler gemacht haben.

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05. August 2008, 08:39 Uhr

Bützow - Gestern 7.10 Uhr in Bützow: Ein Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) überrumpelt auf dem Weg zur Warnow-Klinik zwei Beamte. Der 42-Jährige soll operiert werden. „Ein geplanter, kleiner Eingriff“, erklärt Klinik-Chef Thomas Blum. Seit ein paar Jahren verfügt das Krankenhaus über eine gesonderte Station für Häftlinge. Doch da kommt der 42-Jährige nie an. Er rempelt die beiden JVA-Beamten beim Aussteigen aus dem Auto an und türmt. Ein Warnschuss fällt, der Gefangene flieht unbeeindruckt weiter. Zwei Kilometer verfolgen ihn die Beamten, dann ist er in einem Wald verschwunden. Er ist an den Händen vor dem Bauch mit Metallschellen gefesselt.

Der Flüchtige stammt aus der Schweiz. Wegen Steuerhinterziehung und Schmuggels, verurteilt vom Landgericht Rostock, sitzt er in der größten Haftanstalt des Landes. Das Urteil: vier Jahre, neun Monate. In 903 Tagen wäre er wieder draußen gewesen, bei guter Führung vielleicht früher. Er sollte bald der Schweizer Justiz überstellt werden.

Fährtenhund „Blade“verliert die Spur

Schock liegt über der Klinik. Der Schuss sorgt für Aufregung bei Personal und Patienten. Kurz darauf rollt eine große Suchaktion an. Die Polizei setzt einen Hubschrauber mit Wärmebild-Kameras ein. „Er sucht die Maisfelder und den Uferbereich der Warnow ab“, erklärt Einsatzleiter Norbert Niessen, Bützows Polizeichef. Immer wieder kreist der Hubschrauber über Häusern und Kleingärten. In Richtung Südwesten muss der Häftling verschwunden sein. Das ist sich Doreen Witt, Hundeführerin der Rostocker Polizei, sicher. Mit ihrem Schäferhund „Blade“, benannt nach Vampirjäger Wesley Snipes im gleichnamigen Film, folgt die junge Frau der Fährte. Der Hund könne gezielt dem Geruch eines Menschen nachspüren. Auf einem Parkplatz in der Pustohler Chaussee braucht „Blade“ eine Pause. Er trinkt Wasser aus einem Napf und verschwindet im Dienstfahrzeug. Immer mehr Polizisten rücken an, am Ende sind es 86. Eine Spezialeinheit ist dabei in grüner Kampfmontur. Alles Männer, sie lachen, ein normaler Einsatz. Einer raucht voller Genuss einen Zigarillo. Weniger fröhlich blicken Augen aus einem Bus mit Polizei-Schülern.

Dann geht die Suche weiter. Doreen Witt lässt ihren Hund in einer Tüte mit persönlicher Kleidung des Geflohenen schnüffeln, dann rennt „Blade“ wild in Richtung Ufer des Langen Sees, wechselt die Richtung, dreht wieder um, zieht sein Frauchen auf eine viel befahrene Straße, läuft zwischen Müllcontainern umher. Nach zehn Minuten steht der Hund wieder auf dem Parkplatz. Doreen Witt gibt die Suche auf, sie streichelt den Hund liebevoll. „Vermutlich ist der Gefangene hier abgeholt worden“, sagt ein Polizist. Ein Komplize? Eine geplante Tat? Möglich, bestätigt das Justizministerium. „Es sieht nach einem Helfer aus“, so Sprecher Torsten Diedrichsen. Jedenfalls führt die Fährte nicht weiter. „Das sagt mir der Hund“, so Doreen Witt.

Viele Bützower verfolgen die Polizei-Aktion. So richtig verängstigt wirkt wegen des entflohenen Häftlings allerdings niemand. „In meiner Kindheit ist so was oft passiert“, sagt Anwohner Willi Westphal und schmunzelt. Dennoch durchsucht er alle seine Gebäude auf dem Grundstück. Sicher ist sicher. Zwei Männer laden seelenruhig Kaninchen-Buchten von einem Lkw, ein anderer wässert seinen Garten.

Falsche Spuren am Fluss und in Nachbar-Dörfern
Wo kann der Flüchtling sein? Die Polizei weiß es nicht. Ihr Problem: Das Gebiet bietet viele Verstecke. Im Schilf, in Maisfeldern, in unzähligen Gartenhäusern. Gegen 10.50 Uhr dann ein Hinweis. Jemand hat Kleidung am Ufer der rund 200 Meter entfernten Warnow gefunden. Ist der Flüchtige gefasst? „Noch ist er weg“, sagt der Einsatzleiter. Beamte laufen zum Fluss; der Hinweis entpuppt sich als falsche Spur. Wieder warten. Ratlosigkeit.

Gegen 11.30 Uhr herrscht erneut Aufregung. Jemand hat einen Mann auf einem Fahrrad gesehen, auf den die Beschreibung passt. Die Polizisten springen in ihre Autos, im Eiltempo geht es über die Dörfer: Rühn, Zernin, Warnow... Der Hubschrauber sucht aus der Luft. Die Polizei kreist und kreist.
Um 13 Uhr bricht der Einsatz-Leiter die Suche ab. „Wir haben überhaupt keine Anhaltspunkte mehr“, erklärt Norbert Niessen. Eine Fahndung nach dem Flüchtigen läuft.

Wie aber konnte der Gefangene überhaupt entkommen? Justizsprecher Torsten Diedrichsen kündigt eine Untersuchung an. Bei solchen Transporten müssten Beamte „äußerste Aufmerksamkeit“ walten lassen. „Es sieht sehr nach Überrumplung aus“, so Diedrichsen. „Das war kein korrektes Verhalten der Beamten.“

In moderne Technik der Haftanstalt hatte das Land in zurückliegenden Jahren viel investiert. Der letzte Ausbruch liegt fünf Jahre zurück. Damals kletterten zwei Männer mit einer Leiter über die Mauer. Seit Jahresbeginn hat die Haftanstalt immer mehr neue Gefangene: Die mit langen Strafen werden nach Waldeck verlegt, die bis zu Sechsjährigen nach Bützow. So will es das neue Justizkonzept. Darin liegt eine gewisse Brisanz. Auch das wissen Justiz-Mitarbeiter: Gefangene, die länger sitzen, sind meist ruhig und wollen Haftvorteile. Das höhere Aggressionspotenzial haben Insassen mit kurzen Strafen, die das Eingeperrtsein nicht verkraften.

Einen Tag vor dem Ausbruch des 42-Jährigen besuchte übrigens Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) die Bützower Anstalt. Thema: Sicherheit.

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