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Baustart für Nordeuropäische Erdgasleitung in MV : Aufmarsch der Riesen

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Pipelines sind sein Geschäft: Ob Große oder kleine, für Gas, Öl oder Chemikalien - Manfred Klingelhöfer hat sie alle gebaut. Doch was er seit einigen Wochen in MV vorbereitet, "das ist nicht alltäglich."

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erstellt am 14.Apr.2011 | 08:50 Uhr

Schwerin | Pipelines sind sein Geschäft: Große, kleine, kurze, lange, für Gas, Öl, Chemikalien, in Deutschland, in Europa, in Nordafrika - Manfred Klingelhöfer hat sie alle gebaut. Seit fast zwei Jahrzehnten ist der Hesse auf den Pipeline-Baustellen zuhause. Doch was er seit einigen Wochen in Mecklenburg-Vorpommern vorbereitet, "das ist nicht alltäglich", sagt der 43-jährige Bauleiter. "Ein anspruchsvoller Auftrag." Quer durch Norddeutschland ziehen die Energieunternehmen Wingas, E.on Ruhrgas und Gasunie eine der größten Gaspipelines Europas, 440 Kilometer lang, eine Milliarde Euro teuer - gestern war offizieller Baustart für die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL) nahe Sülstorf südlich von Schwerin.

Aufmarsch der Maschinenriesen auf der derzeit größten Baustelle in MV: Die mächtigen blauen Tatra-Transporter kennen keine Pause. Unentwegt karren sie die Stahlrohre über den welligen Ackerboden auf die 36 Meter breite Trasse - Rohr für Rohr, eins nach dem anderen, insgesamt 24 000 Einzelröhren für die 440 Kilometer lange Leitung. "Wenn es gut läuft, schaffen wir 500 bis 600 Meter am Tag", meint Klingelhöfer und zeigt auf einen der kräftigen Seitenkrane, der mit einem pneumatischen Hebekissen eines der 18 Meter langen und 15 Tonnen schweren Rohre mit Leichtigkeit auf den Boden hievt und die Stahlriesen wie eine Perlenkette in der mecklenburgischen Weite aufreiht.

Nicht weit entfernt stöhnt der wohl kräftigste Eisenbieger des Landes. Die 85 Tonnen schwere Biegemaschine Model "Big Bend" unter Volllast: Die Rohre müssten entsprechend des Höhenprofils angepasst werden, erklärt Klingelhöfer. Für "Big Bend" kein Problem - bis zu 15 Grad könne die Maschine die Stahlrohre aus 2,2 Zentimeter dickem Stahl krümmen.

Der Bau der Pipeline gerät zur Materialschlacht: 30 so genannte Seitenbäume, Rohrleger, 45 Bagger bis zu 70 Tonnen schwer, Rohrtransporter, Spezial- und Autokrane - der italienische Pipelinebauer Bonatti, der zwischen der A 14 und der Landesgrenze zu Niedersachsen den Stahlstrang durch die Landschaft zieht - einen von drei Abschnitten in MV - , fährt auf, was der Fuhrpark hergibt. Im Mai rücken auch noch die Schweißraupen an, kündigt Wingas-Sprecherin Antje Knollmann an. Dann würden die einzelnen Röhren zu bis zu 1,5 Kilometer langen Strängen miteinander verbunden, bevor sie einen Meter unter die Erde verlegt werden. "Das ist wie eine große Teigrolle, die in die Form kommt", beschreibt Knollmann. Da werde das mächtige Stahlrohr "erstaunlich elastisch".

Zeitdruck an der Trasse: An allen Abschnitten werde derzeit mit den Arbeiten begonnen, erklärt Wingas-Oberbauleiter Michael Muth - Arbeit für bis zu 1000 Bauleute eineinhalb Jahre lang. Sie sollen eine der größten Lücken im westeuropäischen Leitungsnetz schließen. 20 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas im Jahr - ein Fünftel des deutschen Gasbedarfs - sollen einmal durch die Pipeline bis in den Speicher im niedersächsische Rehden strömen - und von dort aus Kunden in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Großbritannien versorgen. Spätestens wenn im Herbst 2012 auch der zweite Strang der Ostseepipeline in Lubmin russisches Erdgas für Europas Brenner an Land bringt, soll auch an der Nordeuropäischen Erdgasleitung die letzte Schweißnaht gezogen sein.

Hunderte Meter vor Klingelhöfers Bautruppe sind die Arbeiten indes fast abgeschlossen. Dort führen Spezialisten des Munitionsbergungsdienstes ihre Ortungsgeräte über jeden Quadratmeter der Gas-Trasse - und sind fündig geworden. 5000 Infanterie-Patronen, 200 Granaten, Waffen, Zünder, Handgranaten, Hilfsbomben - auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers, in dem deutsche Soldaten zum Kriegsende festgehalten seien "sehr viel" noch funktionsfähige Kampfmittel gefunden worden, erklärt Bergungsspezialist Burkhard Pohl - "ganze Gruben voll". Ende April werde aber alles beseitigt sein.

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