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24. November 2017 | 02:51 Uhr

Auf Wunsch durch den Schlamm

vom

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erstellt am 04.Jun.2010 | 08:51 Uhr

Ribnitz-Damgarten | Fahrsicherheitstraining im Gelände: Schlamm spritzt in den offenen Wagen, Dreck knirscht zwischen den Zähnen, als das Fahrzeug durch knöcheltiefe Pfützen fährt. Der braune Modder ist Zeugnis der vergangenen Nacht, in der es hier regnete. Ich sitze am Steuer eines russischen Militärjeeps, Baujahr Ende 40er-Jahre. Es gilt, den "GAZ 69" (für Gorkovsky Avtomobilny Zavod) durch enge Kurven, steile Hügel und schlammige Untergründe zu bugsieren. Neben mir sitzt Torsten Meier, Experte und Ausbilder für Geländefahrten und Bergung.

Servolenkung ist hier ein Fremdwort

In Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten, einem ehemaligen Militärflugplatz am Saaler Bodden, befindet sich das Übungsgelände für Abenteuer wie dieses. Drei Ausbilder und Berater aus dem Sicherheitsbereich nutzen es heute: Stefan Schreiber, Erika Zienert und Peter Sebastian Orlowski. Sie alle arbeiten als Personenschützer in In- und Ausland, fahren auf Kundenwunsch prominente Unternehmer und Staatsmänner von A nach B und wollen testen, wie und mit welchem Wagen sie sich im Gelände am besten bewegen können.

Bernd Brückner, ehemaliger Leibwächter von Erich Honecker und heute Chef der Sicherheitsschule "Bildungsinstitut Brückner" mit Sitz unter anderem in Rostock, hat den Trainingstag organisiert. Die Fahrt durch das verschlungene Gelände ist holprig. Servolenkung, Anti-Blockiersperre und Differenzialsperre sind hier Fremdwörter. Das Auto ist funktional - perfekt geeignet für Geländefahrten. Doch die Fahrt ist körperlich anstrengend.

Während ich den russischen Jeep mit aller Kraft durch die engen Kurven lenke, kommt mir der Spruch in den Sinn, den Ausbilder Meier zuvor gebraucht hat: "Bei dem Wagen bekommt der Begriff Kraftfahrer eine tiefere Bedeutung." Immer wieder klopft mir Meier auf die Finger, weil ich das Lenkrad nicht mit beiden Händen festhalte. Das Fahrgefühl meines Kleinwagens steckt mir wohl noch im Blut. Plötzlich schiebt sich der Wagen die schlammige Wand hoch, ich habe die Kurve verpasst und trete verzweifelt auf die Bremse. Wir stehen - abgesoffen und im steilen Winkel zur Fahrbahn. Meier lacht, die Situation hat er schon hundertmal erlebt.

Rückwärtsgang rein, die Tour geht weiter. Bei dem Gelände hebt es mich - trotz niedriger Geschwindigkeit immer wieder aus dem Sitz. Anschnallen hat mir der Experte verboten, es würde meine Bewegungsfreiheit zu stark einschränken.

Herkömmliche Geländewagen schaffen das Terrain nur mit Mühe. Bernd Brückner und Zweigstellenleiter Alfredo Neumann von der Sicherheitsschule Brückner haben ihre "Dienstwagen" mitgebracht - zwei Mercedes, eine M-Klasse und eine G-Klasse. Brückner: "Normalerweise sind wir mit diesen Fahrzeugen unterwegs, jetzt wollen wir sehen, wo die Grenzen liegen." Und die sind schnell erreicht. Die G-Klasse, eigentlich für Geländefahrten geeignet, ist fast zu breit für die schmalen Kurven. Meier prognostizierte schon vor dem Test: "Die G-Klasse macht zwar einen repräsentativen Eindruck, aber da ist schon wieder so viel Klimbim dran." Zum Beispiel die Trittleisten. Es sitzt sich bequem, komfortabler im G-Modell. Doch allein der große Radabstand erweist sich als Nachteil. Nur mit Mühe übersteht der Wagen die Tour. Noch schlechter schneidet die M-Klasse ab.

Ein Loch im Reifen und durchgefallen im Test

Das Auto setzt selbst bei kleinen Hügeln auf. Das Ende vom Lied: Ein Loch im Reifen und im Test durchgefallen.

Für Erika Zienert und Stefan Schreiber sind die Touren abseits der Straße eine wichtige Erfahrung. Die beiden arbeiten in der Lichtagentur Berlin, bieten Begleit- und Limousinenservice an. Meistens kutschieren sie ihre Kunden dabei auf Asphalt, sagt Schreiber, der 45-jährige Inhaber der Agentur. Aber es könne schon vorkommen, dass jemand zur Jagd im Wald chauffiert werden möchte und dazu einen Wagen bereitstellt. "Nach diesem Tag können wir nun einschätzen, ob das Fahrzeug überhaupt geeignet ist."

Peter Sebastian Orlowski, Ausbilder für Schutz und Sicherheit in Schleswig-Holstein, wurde bereits mehrfach für gefährliche Jobs im Ausland gebucht, vor allem im Nahen Osten und Asien. Schon öfter war der 38-Jährge dann auch im Gelände unterwegs, zum Beispiel im thailänischen Dschungel. Zu seinem derzeitigen Auftrag möchte er aber nichts sagen - aus Sicherheitsgründen.

Torsten Meier, der auch Schulungen für Bundeswehrsoldaten leitet, hat heute noch mehr zu bieten. Er lächelt verschmitzt, winkt mich auf den Beifahrersitz und Erika Zienert und Stefan Schreiber auf die Ladefläche des 50 PS starken GAZ. Meier tritt aufs Gaspedal und der Wagen heizt davon. Durch hügeliges Gelände, bergauf, bergab, durch Pfützen und Schlammlöcher. Der Griff vor mir wird mein Retter. Auch Stefan Schreiber und Erika Zienert hält es nur schwer auf der Ladefläche.

Doch Meier, der seinen Worten nach mit einem Ferrari und einem Porsche nichts anfangen kann, nimmts gelassen. Er kennt die Wegstrecke und vor allem die Leistung des Wagens ganz genau. "Ich habe mich schon immer für Technik interessiert", sagt er. Er ist der Vereinsvorsitzende des Technikmuseums Pütnitz, in dem Vereinsmitglieder in drei Flugzeughallen ihre Sammlung an Fahr- und Flugzeugen aus den ehemaligen Ostblock-Staaten zeigen.

Ohne Flaschenzug keine Chance

Den drei Sicherheitsberatern, die im Falle eines Einsatzes in unbekanntes Gelände fahren müssen, rät Meier grundsätzlich: Auf alles vorbereitet sein, wachsam bleiben, die Gegebenheiten auskundschaften und vor allem eine gute Ausrüstung mit dabei haben. "Gerade, wenn man nur ein Fahrzeug hat, kann es schwierig werden, wenn man stecken bleibt", sagt Torsten Meier. Die drei Teilnehmer sollen heute lernen, wie sie möglichst effektiv einen Geländewagen aus dem Morast ziehen. Für Übungszwecke eignet sich das angrenzende Waldgebiet nahe der Russenkasernen hervorragend.

Die simulierte Situation: Der Personenschützer ist mit dem prominenten Kunden auf unbefestigten Wegen unterwegs, plötzlich bleibt das Fahrzeug in einem Schlammloch stecken. Hilfe kann nicht angefordert werden. "Die Ausrüstung ist deshalb umso wichtiger", erklärt Meier, nachdem er den Jeep in ein knietiefes Wasserloch festgefahren hat. Er holt Ketten, Bergungsseile, Gurte und ein paar Seilwinden von der Ladefläche. "Die sind leicht verstaut und sollten immer mitgeführt werden."

Die Aufgabe: Mit Hilfe eines Flaschenzuges den Jeep aus dem Schlammloch befreien. Die Vorrichtung müssen die Teilnehmer selbst bauen. Einfacher gesagt, als getan. Torsten Meier: "Bei schlüpfrigem Untergrund kriege ich die Kraft nicht auf die Räder übertragen. Die Kraft, die mir zur Verfügung steht, kann ich durch die Rollen zusätzlich verdoppeln."

Die Funktion eines Flaschenzuges kenne heute kaum jemand, bedauert er, während die anderen drei mit ihrem Werk beginnen. Besonders bei jungen Bundeswehrsoldaten sei die Unkenntnis groß. "In der Schule wird es irgendwann in der 8. Klasse im Physikunterricht nur theoretisch erklärt, das merkt sich natürlich niemand", sagt der Spezialist, der auf die Praxis besonders viel Wert legt. "Man muss es selbst ausprobieren, sonst versteht man es auch nicht."

Das fehlende Wissen wird auch Stefan Schreiber, Erika Zienert und Peter Sebastian Orlwoski zum Verhängnis. 20 Minuten beratschlagen die Sicherheitsleute, wie die Seilwinden und die Gurte am besten zu verwenden sind.

Am Ende machen sie es doch verkehrt

Dann machen sie es doch verkehrt. Für Meier kein Malheur. Er macht vor, wie es funktioniert. Drei Seilwinden an die Stoßstange, zwei an den Stamm zweier Bäume, das Seil durchgefädelt - fertig ist der Flaschenzug. Mit einem Ruck kann das ein-Tonnen-schwere Fahrzeug aus dem Loch gezogen werden. Für die drei Teilnehmer endet der Tag mit der Übergabe ihrer Urkunden und der wichtigen Erfahrung, ihre Kunden sicher durch das Gelände manövrieren zu können - auch dann, wenn das Fahrzeug im Schlamm stecken bleibt.

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