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Depeche Mode + Erasure : Auf gemeinsamen Abwegen

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Für ihre Fans gehört DeMo zur Familie - so das Fazit der Hörbuchbiografie "Depeche Mode - Die Audiostory". Die Freude ist entsprechend groß, wenn verloren geglaubte Mitglieder wieder im Kreise der Gruppe zu sehen sind.

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erstellt am 11.Mär.2012 | 05:54 Uhr

Berlin | Für ihre Fans gehört Depeche Mode zur Familie - so zumindest lautet das Fazit der Hörbuchbiografie "Depeche Mode - Die Audiostory". Also ist die Freude entsprechend groß, wenn verloren geglaubte Mitglieder wieder im Kreise der Gruppe zu sehen sind. Die Kollaboration von Ex-Bandchef Vince Clarke und dem amtierenden Kopf Martin Gore unter dem Namen VCMG ist dabei nicht die erste, die in den vergangenen Jahren für Furore sorgte. Keyboarder Alan Wilder - seit 1995 nicht mehr dabei - trat 2010 bei einem Konzert als Stargast auf. Wilder und Clarke lieferten außerdem im vergangenen Jahr Remixe für eine Compilation ab. Mit VCMG schlägt die Depeche-Mode-Familie nun ein ganz neues Kapitel auf: ein gemeinsames Nebenprojekt.

Per E-Mail soll Clarke bei Gore angefragt haben, ob er denn nicht Lust auf ein rein instrumentales Elektroalbum habe. Ja, soll Gore gesagt haben, aber nur, wenn es ohne Zeitdruck ablaufe. Die digitale Vernetzung hat es am Ende möglich gemacht, eine gemeinsame Platte zu machen, ohne sich dazu auch nur einmal im Studio treffen zu müssen.

Elektronisch übersetzter Disco-Soul

Dateien wurden hin- und hergeschickt, bis beide Seiten mit dem Ergebnis zufrieden waren. Und es müssen unglaublich viele Dateien gewesen sein, denn das Album "Ssss" ist eine außerordentlich spannende und vielschichtige Ansammlung von Tanzbrettern geworden. Die Songs - oder besser - die Tracks auf "Ssss" dürfen mit Fug und Recht zeitgemäß genannt werden, auch wenn Clarke und Gore die Grundlagen zu dieser Art elektronischer Musik schon vor 30 Jahren mit Depeche Modes Debüt "Speak & Spell" gelegt haben. Die Beats und Bässe funktionieren nach drei Dekaden immer noch genauso.

Lediglich bei Stücken, die man eher Gore als Clarke zuschreibt, werden neuere Einflüsse von Electroclash bis Minimal deutlich, während bei Clarke noch immer der Disco-Soul der 70er-Jahre den Grundton angibt - elektronisch übersetzt natürlich.

Mehr als nur eine Randnotiz wert ist der Weg der Veröffentlichung der VCMG-Stücke. Es sagt einiges über den Zustand der Musikindustrie aus, wenn langersehnte Kollaborationen zweier weltbekannter Elektropioniere nur als Download und Vinylschallplatte für Sammler und DJs erscheinen. Keine der Singles wurde als CD auf den Markt gebracht - nur das Album steht als Silberling im Laden. Dass CD-Singles ohne hohe Chartplatzierung am Ende meist mehr kosten als einspielen, ist zwar schon länger bekannt. Neu und erschreckend ist aber, dass selbst Schwergewichte wie Depeche Mode davon betroffen sind.

Man merkt "Ssss" an, dass es ohne vordergründige Gewinnabsicht produziert wurde. Keine Marktanalyse oder Zielgruppenstrategie hätte das Album gerechtfertigt - umso erfreulicher, dass es trotzdem erscheint. Sicher, Clarke und schon gar nicht Gore müssen sich je wieder Gedanken um ihren Finanzstatus machen und können sich daher einen Plus-Minus-Null-Exkurs wie VCMG leisten. Mit dieser konsequent marktfernen Produktion aber machen sie Musik wieder zu dem, was sie eigentlich sein sollte: Kunst.

Wahrscheinlich hätte kein Major Label der Welt für VCMG Geld ausgegeben. Das Indielabel Mute aber hat es sich geleistet, weil es von Anbeginn in erster Linie auf die Kunst und erst in zweiter Instanz auf den monetären Gewinn gesetzt hat. Das mag zunächst idealistisch klingen, führte letztlich aber auch zum finanziellen Erfolg: Mute Records konnte sich im vergangenen Jahr vom EMI-Konzern, der das Label ein paar Jahr zuvor geschluckt hatte, wieder freikaufen. Natürlich muss auch Mute Geld verdienen, aber in moderaterem Umfang - nicht wie ein Industriebetrieb, eher wie eine mittelgroße Manufaktur.

VCMG betreten mit "Ssss" kein musikalisches Neuland - die Zeiten, in denen Depeche Mode und Erasure klangliche Standards definiert haben, sind schon lange vorbei. Was Clarke und Gore mit "Ssss" aber produziert haben, ist eine der sehr raren Dance-Platten, die auch auf Albumlänge funktionieren. Wobei es für die Fans am Ende egal gewesen wäre: Hauptsache, Clarke und Gore machen überhaupt etwas zusammen.

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