„Auf einmal ein Nichts“ - Ölpreise treiben Wolfgang Schramme in die Pleite

Ein Bild aus besseren Tagen: Elf Transporter und vier Lastkraftwagen gehörten zur Spedition von Wolfgang Schramme
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Ein Bild aus besseren Tagen: Elf Transporter und vier Lastkraftwagen gehörten zur Spedition von Wolfgang Schramme

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10. Juli 2008, 06:57 Uhr

Wie es weitergehen soll? Wolfgang Schramme kann nur noch mit den Schultern zucken. „Das schlimmste ist, dass du auf einmal ein Nichts bist“, meint der 53-Jährige aus Klein Niendorf im Landkreis Parchim resignierend. Schramme, ein Tatmensch, der zupacken kann – noch vor einem halben Jahr war er ein angesehener Unternehmer. Einer auf den Verlass war, einer der auch bei seiner eigenen Geburtstagsfeier die Gäste sitzen ließ, um einen Transportauftrag zu erfüllen, einer, der auch nachts um 24 Uhr eine Fahrt annahm. Jetzt bleibt ihm nur die Erinnerung.

Immer wieder führt Schrammes Blick auf die Fotos an der Wand in seinem Arbeitszimmer. Ein Flotte weißer und gelber Transporter und Lastwagen, aufgereiht auf dem Hof der Schramme Spedition in Parchim. Ein Bild aus besseren Tagen. Doch seit sich die Kraftstoffpreise unaufhaltsam in die Höhe schrauben, sind die längst vorbei. Schrammes Transport- und Kurierservice ist pleite. Die explodierenden Kraftstoffkosten haben den Klein Niendorfer vom erfolgreichen Unternehmer zum Sozialfall gemacht.

Auftraggeber zahlen pünktlich, aber schlecht
Der Unternehmer ist einer von den Spediteuren, Bus- und Taxiunternehmen, die die Turbulenzen auf den internationalen Ölmärkten mit voller Wucht erwischt haben. „Das kann doch keiner mehr bezahlen“, bringt Schramme die Preistreiberei der Spekulanten an den Rohstoffmärkten auf die Palme. „Und keiner weiß, wie es weitergehen soll.“

Binnen eines dreiviertel Jahres seien die monatlichen Spritkosten für seine Flotte von einst 7000 auf 17 000 Euro gestiegen. Nur seine Auftraggeber – ein Paketdienst und eine große Spedition aus Parchim – wollten davon nichts wissen. Trotz der immer höher steigenden Kosten gaben sie nicht mehr für ihre Transportaufträge aus. Eine bessere Bezahlung: Fehlanzeige.

„Da führte kein Weg rein“, ist Schramme noch heute sauer. „Sie haben pünktlich gezahlt, aber schlecht.“ Als am Ende die Unternehmenskasse vorn und hinten nicht mehr reichte und die Tankkarten gesperrt waren, blieb ihm nur die Gewerbeabmeldung und der Gang zum Insolvenzverwalter.

Dabei hatte der gelernte Schlachter noch vor fünf Jahren zwar große, aber keine übertriebenen Hoffnungen in seine Firma gesetzt – damals, als er nach einer dreijährigen Umschulung zum Kaufmann und fast unzähligen Bewerbungsversuchen als 48-Jähriger sein eigener Chef wurde. „Entweder Arbeitsamt oder täglich eine Büchse Bier“, skizziert Schramme seine damaligen Aussichten. Beides wollte er nicht und stieg mit einem Fahrzeug ins Transportgeschäft ein.

Arztbesuch scheitert am Geldmangel
Aus einem Transporter wurden zwei, drei ... elf und vier Lastwagen. „Die Aufträge wurden immer mehr, die Paketlieferungen immer größer – Arbeit für 15 Beschäftigte“, blickt Schramme zurück. „Wir wollten einfach unser Auskommen, mehr nicht“, erzählt er. Morgens um 5.30 Uhr in der Firma, abends um 22 Uhr zu Hause, in 17 Jahren gerade einmal eine Urlaubsfahrt: „Arbeit habe ich nie gescheut.“

Umsonst. „Jetzt bin ich am Ende“ – Firma weg, ein riesiger Berg Schulden. Wie er die nächste, dringend notwendige Öllieferung bezahlen soll, weiß Schramme schon lange nicht mehr. Inzwischen traue er sich nicht einmal mehr zum Arzt. Zehn Euro Praxisgebühr, 40 Euro Zuzahlung für Medikamente: „Das kann ich mir bei 237,33 Euro Arbeitslosengeld II nicht mehr leisten“, sagte der 53-Jährige.

Bank drängt zum Hausverkauf
„Das ist schon bitter genug.“ Doch was die Bank jetzt von ihm verlange, das ist für den sonst selbstbewusste Wahl-Mecklenburger kaum verkraftbar. Bausparvertrag, das Haus als Sicherheit: Nahezu ihr gesamtes Vermögen haben die Schrammes in ihre Firma gesteckt, um sie am Laufen zu halten. Selbst Schrammes Mutter trat seinerzeit als Bürge auf, damit der Sohn als Jungunternehmer einen Kredit bekam.

Jetzt ziehen die Banken allerdings alle Register. Ein Kreditinstitut drängt inzwischen darauf, sein Haus zu verkaufen. Vor fast 20 Jahren hatte Schramme das weiße Massivhaus gebaut. „Ich kenne fast jeden Stein“, sagt der Niendorfer. Für Schramme steht fest: „Ich gehe hier nicht weg. Die bekommen mich nur mit den Füßen zu erst aus dem Haus.“

Schrammes Schicksal droht offenbar noch vielen in der Branche. „Kein Einzelfall“, weiß auch Norbert Voigt, Chef des Landesverbandes des Verkehrsgewerbes in Neubrandenburg. Erst im Mai zwangen die hohen Spritkosten einen Spediteur in Brüel, sein Geschäft aufzugeben.

In den letzten Wochen hätten mindestens vier Spediteure ihr Gewerbe abmelden müssen, weiß Voigt. Inzwischen geht in der gesamten Wirtschaft die Angst um. Insgesamt könnten die Rekordölpreise sogar gut 50 000 Firmen in Gefahr bringen, ergab eine Umfrage im Mittelstand.

Bei Wolfgang Schramme macht sich Resignation breit. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll“, sagt er und schwankt zwischen Traurigkeit und Galgenhumor. In der Regalwand hinter ihm stehen noch immer meterweise Aktenordner seiner alten Firma. „Muss ich zehn Jahre aufbewahren“, erklärt er. Bis dahin bleibt ihm nur die fast täglichen Mahnbescheide, Zwangszustellungen oder Inkasso-Forderungen abzuheften. „Ich gehe nur noch mit Schrecken zum Briefkasten.“

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