Auf den Spuren der Militärs

Erst die Russen, dann die Nationale Volksarmee und sogar die Bundeswehr: Nur wer genau hinsieht, erkennt die Reste der Schießplätze, der Raketenstellungen, Bunker und Kasernen in der Rostocker Heide. Vieles ist abgetragen und zugewachsen. Doch militärische Altlasten gibt es immer noch.

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28. April 2008, 07:47 Uhr

Rostock - Der letzte Schuss fiel am 21. Dezember 1999. Danach zog sich die Bundeswehr aus den verbleibenden Teilen des „Sperrgebiets Rostocker Heide“ zurück. Einst hatte sich die Volksarmee auf gewaltigen 2600 Hektar – fast der Hälfte des jetzigen Stadtwaldes – ein militärisches Eldorado geschaffen. Raketenbasis, Schießplatz für Artillerie und Panzerkorps, Kasernen und Bunker. Wald wurde großflächig gerodet für mehrere geheime Militärflächen, die größte bei Hinrichshagen für das Artillerie-Regiment 8/16 Rostock.
Verrostete Waffen
zeugen aus der NVA-ZeitDoch als das Militär ging, blieben die Probleme. Stadtförster Jörg Harmuth erinnert sich genau an seine ersten Schritte im Sperrgebiet. Schützenpanzer standen noch in den Unterständen, die Schießanlagen waren funktionsfähig, allenthalben Munitionsreste auf dem Boden. Verrostete Panzerfäuste des Typs RPG 7 sind im Köhlerhof ausgestellt und zeugen aus der Zeit, als das Militär in der Heide Hausherr war.
„Wir hatten damals die Wahl: Entweder lassen wir das Areal, wie es ist und sperren es ab. Oder wir machen etwas daraus“, blickt Förster Harmuth zurück. Das Zauberwort: Renatuierung. Dank großzügiger Finanzspritzen aus Brüssel wurden ab 1994 die NVA-Liegenschaften Stück für Stück abgetragen. Bis heute sind dafür insgesamt 1,8 Millionen Euro geflossen und 40 500 Tonnen militärische Altlasten – Beton, Asbest, Elektronik, Waffen – aus dem Wald geschafft worden. Mehrere zehntausend Gemeine Kiefern, Stieleichen, Rotbuchen und Fichten hat das städtische Forstamt gesetzt – sozusagen als Starthilfe für die Natur. Die hat sich ihr Recht zurückerkämpft. „Wer nicht weiß, dass er auf einem ehemaligen Schießfeld steht, wird es nicht unbedingt erkennen“, sagt Harmuth. Für Spaziergänger ist der Wald ein Wald. Nur ein Blick aus der Vogelperspektive verrät aus der Anordnung von Wegen, Gräben und freien Flächen: Hier befand sich in den 60ern die Raketenstellung der Luftverteidigungsbrigade Sanitz.
Letzter spektakulärer
Fund im NovemberEingeweihte wissen es. So wie Götz Thomas Wenzel. Der Bunker-Archäologe und Gutachter aus Eichenthal an der A20 streift gerne durch die Rostocker Heide. Was andere nicht sehen, falle ihm auf, sagt der 50-Jährige. Zuletzt im November, als er in der Nähe von Markgrafenheide in einem abgesperrten Waldgebiet eine NVA-Granate entdeckt. Wenige Tage später rückt der Munitionsbergungsdienst an und findet auf dem ehemaligen Schießplatz weitere fünf Panzer- und eine Exerziergranate. Wenn die Spezialisten noch intensiver gesucht hätten, wären sie sicher auf mehr gestoßen. Denn die eingezäunten fünf Hektar sind die einzige ehemalige Militär-Liegenschaft in der Hansestadt, die noch nicht beräumt ist. 1996 und 1997 wurden die umliegenden 30 Hektar Quadratmeter für Quadratmeter auf Kampfmittel untersucht und 900 Kilogramm Waffenteile, Zünder, Infanteriemunition und Hülsen gefunden. Warum die fünf Hektar – die eigentliche Schießbahn – ausgespart wurden, eine Antwort bleibt das Liegenschaftsamt der Hansestadt schuldig. Nur so viel: Aus haushaltstechnischen Gründen sei eine Beräumung durch die Hansestadt derzeit nicht möglich. Ein Amtshilfeersuchen an das Land ist gestellt.
Fledermäuse, wo einst
Panzer parktenFür Stadtförster Jörg Harmuth bleibt auch so in Sachen Militärflächen viel zu tun. Auf dem ehemaligen Gefechtsstand der 4. Flottille in Schwarzenpfost, südlich der B105, wollen die Waldhüter ehemalige Bunker in Heimstätten für Fledermäuse und Schlangen umwandeln. Auch Hobby-Archäologe Wenzel wird daran teilhaben: „Das ist das Beste, was man daraus machen kann.“

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