Auf dem Dienstweg langsam verrottet

Die ältesten Wasserfahrzeuge Europas - vertrocknet im Schweriner Depot. Immer noch ist unklar, wie es zu der wissenschaftlichen Blamage ersten Ranges kommen konnte. Eigentlich sei für die Konservierung der Steinzeit-Einbäume alles auf den Weg gebracht worden, sagt jetzt Prof. Dr. Friedrich Lüth, ehemaliger Direktor des Landesamtes für Bodendenkmalpflege.

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16. März 2009, 07:29 Uhr

Schwerin/Frankfurt a. M. | Nach dem ersten Schock darüber, dass im Depot des Archäologischen Landesmuseums in der Schweriner Stellingstraße die im Jahr 2002 geborgenen und bis zu 7000 Jahre alten Einbäume schlicht vergammeln konnten (wir berichteten), meldet sich jetzt der bis 2006 amtierende Chef des Landesamtes für Bodendenkmalpflege zu Wort. Prof. Dr. Friedrich Lüth, heute Chef der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Institutes, informierte gestern das Schweriner Bildungsministerium über seinen Kenntnisstand. Seine Stellungnahme liegt unserer Redaktion vor.

Tenor des Papiers: Nach dem spektakulären Fund im Jahr 2002 seien sofort alle entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden. Ex-Chefarchäologe Prof. Dr. Lüth widerspricht der Darstellung des heutigen Landesamtes, die Einbäume seien bereits 2004 vertrocknet gewesen. "Bis 2005 wurden sie regelmäßig besprüht", so Lüth gestern nach einem Besuch in den Depots. Erst nach einem Teileinsturz des Gebäudes seien die Funde "wohl vergessen" worden. Dabei hätten sie bei richtiger Behandlung "gar nicht austrocknen können", so Lüth.

Zweiter Knackpunkt der Affäre: Warum kam die wirkliche Konservierung der Funde jahrelang nicht voran? Die Konservierungswannen waren sämtlich belegt. Eine Gefriertrocknung sollte die Behandlung der Altfunde abschließen und in den Wannen Platz für die Einbäume von Stralsund schaffen. Die Trocknungs-Anlage sei bewilligt und bestellt worden, so Lüth jetzt. Auch einen Raum dafür habe man beantragt. Aber: "Zu dieser Aufstellung ist es während meiner Dienstzeit nicht mehr gekommen." Der Schriftwechsel mit dem Landesbetrieb für Bau und Liegenschaften (BBL) sei umfangreich, auf die Dringlichkeit habe man deutlich hingewiesen. Aber, so berichtet Professor Lüth: Seit dem zweiten Halbjahr 2005 sei für die Liegenschaftsangelegenheiten ohnehin nur noch das neue Landesamt für Denkmalpflege zuständig.

Der BBL ist mittlerweile unter dem Dach des Verkehrsministeriums angesiedelt. Ministeriumssprecher Dr. Matthias Lange: "Es ist richtig, dass vom Landesamt für Bodendenkmalpflege damals über das Bildungsministerium ein Bedarf an den BBL formuliert worden ist." Allerdings sei es nicht zu einem konkreten Auftrag an die Liegenschaftsverwaltung gekommen.

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