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Schweriner Graveurmeisterin Carola Frericks : Auch Handgravur auf der Harley

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Frericks ist Graveurmeisterin und übt ein Handwerk aus, das es kaum noch gibt. "Mittlerweile hat jede Schuhmacherwerkstatt oder der Schlüsseldienst eine Maschine stehen", sagt die 48-Jährige.

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erstellt am 11.Jan.2011 | 11:36 Uhr

In schwungvoller Schreibschrift zeichnet Carola Frericks ein A auf die Kupferplatte, die vor ihr auf der Werkbank auf einem Lederkissen liegt. Dann nimmt sie den Stichel zur Hand, ein spitzes, scharfes Werkzeug, und sticht damit ohne abzusetzen den Buchstaben in das harte Metall. Ihre Hand zittert leicht vor Anstrengung.
Konzentration und Kraftaufwand für ihre Arbeit sind ihr deutlich anzumerken, während sie die Metallplatte gleichmäßig unter dem Stichel weiterdreht. "Da darf ich mich nicht ablenken lassen, das Telefon oder die Türklingel müssen dann eben einen Moment warten", sagt sie. Nur wenn manchmal Kunden an das Fenster ihrer Schweriner Werkstatt klopften, bringe sie das schon mal aus dem Konzept.

Frericks ist Graveurmeisterin und übt damit ein Handwerk aus, das es so kaum noch gibt. "Mittlerweile hat jede Schuhmacherwerkstatt oder der Schlüsseldienst eine Maschine im Laden stehen, mit der sich schnell und günstig etwa Türschilder gravieren lassen", sagt die 48-Jährige. Doch auch die Bedienung einer solchen Maschine wolle gelernt sein, und Handgravuren seien individueller, lebendiger. "Jede Gravur, die ich mache, trägt auch meine eigene Handschrift", sagt Frericks. Außerdem habe die Handarbeit durch die verschiedenen Stärken und Tiefen der Linien sowie durch den Einsatz eines bestimmten Öls einen Glanz und eine Lebendigkeit, den keine Maschine imitieren könne. "Die meisten Leute kennen den Unterschied gar nicht, aber wenn sie einmal eine Handgravur gesehen haben, wissen sie es zu schätzen."

Bis Frericks 2006 den Schritt in die Selbstständigkeit mit eigener Werkstatt wagte, war es ein langer Weg. "Eigentlich wollte ich Hebamme werden, aber meine Eltern waren der Meinung, ich solle ein richtiges Handwerk lernen", sagt sie. Also begann sie bei einer Firma in Magdeburg Ende der 1970er-Jahre mit zwei weiteren Lehrlingen ihre Ausbildung zur Graveurin. "Die sind aber beide nicht mehr in dem Beruf aktiv", erinnert sich Frericks. Auch sie verschlug es nach ihrem Meisterabschluss und der Wende zunächst ins Marketing, in die Werbung und sogar zu einer Versicherung. "Irgendwann war das aber nicht mehr das Richtige", sagt sie. Also habe sie angefangen, zu Hause mit Stichel und Metall zu üben, bis sie sich ihrer Fähigkeiten wieder sicher gewesen sei und ihre Werkstatt eröffnen konnte.

Die Aufträge, die bei ihr nun auf dem Tisch landen, sind so unterschiedlich wie ihre Kunden. "Am liebsten bearbeite ich alte Sachen, Erbstücke etwa, bei denen zu alten Gravuren neue hinzugefügt werden sollen oder mit der Zeit Glattpoliertes wieder nachgearbeitet werden muss", berichtet Frericks. Ein Motorradfan ließ sich von ihr einen Adler auf seine Harley Davidson gravieren. Ein weiterer Kunde gab ihr seine Fingerabdrücke als Vorlage für die Gravur auf einem Brieföffner.

"Viele kommen auch mit Fotos von ihren Liebsten, das muss ich dann erst in eine Vorlage umsetzen", sagt sie. Zeichentalent sei für ihren Beruf ebenso wichtig wie eine ruhige Hand. "Die Hornhaut an den Fingern und die Kraft im Handgelenk kommen dann mit der Zeit."

Eines ihrer außergewöhnlichsten Werkstücke war die Kopie einer Trompete aus dem Jahr 1650, die in einer Kirche in Belitz entdeckt wurde. "Die alte Originalgravur war leicht unregelmäßig, die Linien mal dicker, mal dünner, die Schrift tanzte etwas", sagt Frericks über die Arbeit des damaligen Handwerksmeisters. Der von ihr gravierte Nachbau sei dem Original genau nachempfunden. "Mit den ganz feinen Werkzeugen kann ich aber auch Schriftgrößen von etwa einem Millimeter gravieren, natürlich mithilfe einer Lupe", sagt sie. Die Werkzeuge sind speziell an Frericks Handgröße angepasst, die nötige Schärfe bekommen die spitzen Stichel durch das Schleifen auf einem Ölstein.

Um ihre Zukunft macht sich die Graveurmeisterin keine Sorgen. "Mittlerweile habe ich Kunden aus ganz Deutschland, Privatleute und Goldschmiede, die mir ihre Sachen zum Bearbeiten schicken", sagt Frericks. Dann setzt sie sich wieder an ihre Werkbank. Dort liegt schon das nächste Erbstück, eine goldene Taschenuhr.

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