Amtsbriefe empören Senioren - Identitätskrise nach Datenfehler: Bescheide weisen irrtümlich „Geburtsland Polen“ aus

Vor 1945 in den deutschen Ostgebieten geboren, in vielen Bescheiden  zur neuen Steuernummer von heute steht: Geburtsland Polen. Foto: Georg Scharnweber
Vor 1945 in den deutschen Ostgebieten geboren, in vielen Bescheiden zur neuen Steuernummer von heute steht: Geburtsland Polen. Foto: Georg Scharnweber

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19. August 2008, 08:20 Uhr

Rostock - Darüber lachen kann Hermann Lüders nicht. „Meine Frau hat keine Minute in Polen gelebt“, schimpft der 82-Jährige. Aber genau das ist jetzt amtlich, steht schwarz auf weiß unter dem Eintrag Geburtsland in einem Bescheid aus dem Bundeszentralamt für Steuern. Bis Jahresfrist erhalten alle 80 Millionen Bundesbürger eine neue Steuernummer. Täglich verschickt die Behörde bis zu einer Million Briefe. Ein großer Schwung hat jetzt Rostock erreicht.

Wer vor 1945 in den deutschen Ostgebieten geboren wurde und seit 1990 nicht mehr umgezogen ist, könne auf den Bescheiden unter Geburtsort „Polen“ oder gar „ungeklärt“ finden, berichtet Klaus-Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetag.

DDR-Zentralregister sorgte für Daten-Fehler
Grund: Mit der Wende hat die Bundesrepublik die Meldedaten aus dem zentralen Einwohnerregister der DDR übernommen. „Aus ideologischen Gründen wurden damals alle Geburtsorte östlich der Oder-Neiße-Grenze mit den aktuellen Staaten identifiziert“, erklärt Glaser. Das Ergebnis finden jetzt viele Senioren auf den Bescheiden zu den neuen Steuernummern. Zunächst wurden darüber Beschwerden in Wolgast und Ostvorpommern laut. Jetzt hat das Geburtsland-Irrtum Rostock erreicht.

Betroffene können unkompliziert eine Änderung des Eintrages in allen städtischen Ortsämtern beantragen, sichern die Behörden zu. „Wir machen daraus kein großes Aufhebens“, sagt Karin Schmidt, Abteilungsleiterin für Einwohnerangelegenheiten. In den vergangenen Tagen seien viele Beschwerden eingegangen. Von Menschen, die angeblich in Polen oder der Tschechoslowakei geboren sein sollen. Nach einer Prüfung des Melderegisters werden die Daten korrigiert.

Das wiederum löst eine Information an das Bundeszentralamt für Steuern aus, das mit den fehlerhaften Formularen die Aufregung erst auslöste. Einen neuen Bescheid wird es allerdings aller Voraussicht nach für die verärgerten Senioren nicht geben. „Die Meldedaten sind zusätzliche Informationen“, sagt Glaser vom Gemeinde- und Städtetag. Hauptsächlich ginge es darum, die neue Identifikationsnummer zu verteilen.

Die Fehler in MV sind allerdings nichts im Vergleich zum Datenchaos, das die niedersächsische Kleinstadt Stade erfasste. Mit dem Versand der neuen Steuer-Identifikationsnummer verwandelte sich der 45 000-Einwohner-Ort in eine Multi-Kulti-Gesellschaft.

Datenchaos in anderen Städten
Ein in Deutschland geborener Arzt, seine Frau und ein Sohn bekamen beispielsweise britische Wurzeln, der zweite Sohn soll dagegen Russe sein. Zwei ebenfalls eindeutig deutsche Brüder stammen den Papieren nach aus Pakistan und Eritrea. Eine Elfjährige wurde nicht nur zur Rumänin, sondern ist dem Bescheid zufolge auch schon verheiratet.

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