Alt und seelisch krank

Mecklenburg-Vorpommern steckt in der Altersfalle: Die Bevölkerungszahl geht kontinuierlich zurück. Parallel dazu steigt das Durchschnittsalter. Einer Prognose des Statistischen Landesamtes zufolge wird im Jahre 2020 der Anteil der über 5-Jährigen von derzeit knapp 20 auf 27,1 Prozent steigen. Dadurch steht das Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen, denn mit dem Alter nimmt auch die Zahl der Erkrankungen des Einzelnen zu. Doch so, wie es jetzt aussieht, werden Alte und Kranke immer schlechter versorgt.

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12. Juni 2008, 10:23 Uhr

Im Jahr 2021 scheint der Untergang der Menschheit besiegelt zu sein. Seit langer Zeit gab es kein einziges neugeborenes Kind zu vermelden. Die jüngsten Menschen sind 25 Jahre alt und neigen zu Arroganz und Gewalttätigkeit. Die Infrastruktur wird schrittweise aufgegeben. Die Regierung kann in vielen ländlichen Regionen öffentliche Leistungen wie Strom, Wasser, Gas, Kanalisation, Müllabfuhr und Gesundheitsversorgung nicht mehr garantieren und betreibt eine zwangsweise Umsiedelung der Bevölkerung in die Städte. Straßen werden nicht mehr gewartet und deshalb unpassierbar

Vorpommern bald das „Land der leeren Häuser“
In P. D. James’ Science-Fiction Roman „Im Land der leeren Häuser“ (kürzlich verfilmt unter dem englischen Titel: „The Children of Men“) werden die sozialen Folgen einer schnell schrumpfenden und rapide alternden Gesellschaft ausgemalt.
Bedauerlicherweise handelt es sich hier aber nicht um reine Science-Fiction. In einer Region Deutschlands, nämlich in Vorpommern, werden ab 2020 ähnliche Verhältnisse entstehen. Die Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern hat seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 um mehr als zwölf Prozent abgenommen und das Tempo des Bevölkerungsverlustes beschleunigt sich.
Nach den Daten des Statistischen Landesamtes MV
war MV 1990 bei der Wende das Bundesland mit der jüngsten und wird sehr bald dasjenige mit der
ältesten Bevölkerung sein
steigt der Anteil der über 60-Jährigen seit 1990 schnell an
hat der Anteil der unter 15-Jährigen seit 1990 um mehr als die Hälfte abgenommen und sinkt schnell
weiter
verlassen bevorzugt die jüngeren und besser ausgebildeten Menschen unser Bundesland
verlassen insbesondere die jungen Frauen in Scharen das Land und nehmen dabei die künftigen
Geburten mit
ziehen viele Senioren nach Mecklenburg-Vorpommern, um hier ihren Lebensabend zu genießen
nimmt die Lebenserwartung der Älteren in MV ständig zu.

Zunehmende Probleme mit der ärztlichen VersorgungDiese Entwicklung stellt bereits in der nächsten Zukunft erhebliche Anforderungen an unser Gesundheitswesen, die Pflegeeinrichtungen und die Gesellschaft als Ganzes, da der Anteil der über 75- und besonders der über 90-Jährigen stark zunehmen wird. Diese Menschen erkranken besonders häufig an den typischen psychiatrischen Erkrankungen des höheren Lebensalters wie Depressionen und Demenzen (z.B. Alzheimer-Erkrankung). Wenn man die Ergebnisse von Studien aus anderen europäischen Regionen zugrunde legt, leiden schon jetzt ca. 50 000 Senioren unter depressiven Störungen und werden im Jahre 2020 mindestens 50 000 Senioren in unserem Bundesland an einer Demenz erkrankt sein.

Dabei hat Mecklenburg-Vorpommern bereits jetzt mit zunehmenden Schwierigkeiten zu kämpfen, die ärztliche Versorgung seiner Bevölkerung bis in die Fläche hinein zu gewährleisten. Hier ist insbesondere die vergleichsweise geringe Bevölkerungsdichte von 73 Menschen pro km2 (Bundesdurchschnitt 331 pro km2) problematisch. Dabei ist die Mehrheit der Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern über 50 und über ein Viertel über 60 Jahre alt. Über ein Drittel der gegenwärtig praktizierenden Hausärzte werden bis 2010 in den Ruhestand gehen und zum Teil nicht mehr durch jüngere Ärzte ersetzt werden. Auch wird ein großer Teil der künftig ausscheidenden Fachärzte aller Gebiete, auch bei Neurologen und Psychiatern, keinen Nachfolger für ihre Praxis mehr finden. Hierfür sind die unattraktiven finanziellen Bedingungen zusammen mit einer höheren Arbeitsbelastung im Vergleich zu den alten Bundesländern verantwortlich.
Entwicklung trifft Vorpommern besonders
Unser Bundesland ist auf diese Herausforderungen nicht vorbereitet. Zum Beispiel stehen nur drei Gedächtnissprechstunden in Schwerin, Rostock und Stralsund für knapp 1,7 Millionen Menschen zur Verfügung. Zum Vergleich: In dem viel dichter besiedelten Stadtstaat Hamburg versorgen sechs Gedächtnissprechstunden 1,8 Millionen Einwohner.

Das Versorgungsnetz für Demenzkranke in Mecklenburg-Vorpommern hat viel zu große Maschen und die meisten Patienten und ihre Angehörigen fallen hindurch. Die Last der Behandlung liegt auf den Schultern einer schrumpfenden Zahl von Hausärzten, die auch die Aufgabe haben, Depressionen bei Senioren zu diagnostizieren und zu behandeln. Nur wenige niedergelassene Psychiater, Neurologen und/oder Nervenärzte engagieren sich in diesem Feld. Der durchschnittliche Kenntnisstand der Ärzte im Lande über die Demenzen und die Besonderheiten bei Depressionen im Alter ist verbesserungsbedürftig. Am meisten Sorgen macht jedoch neben dem künftigen Mangel an Hausärzten die in Zukunft schnell abnehmende Zahl potenzieller pflegender Angehöriger durch die Abwanderung der jungen Menschen. Auch diese Entwicklungen werden den Landesteil Vorpommern besonders hart treffen.

Öffentliche Podiumsdiskussion morgen in SchwerinDie Deutsche Akademie für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie versucht mit ihrer Jahrestagung in Schwerin unter dem Motto „Für eine bessere psychiatrische Versorgung Älterer in einem rapide alternden Land“ zur Fortbildung der Haus- und Fachärzte im Lande beizutragen. In einer öffentlichen Veranstaltung mit Podiumsdiskussion will sie am Samstag den 14. Juni um 10 Uhr Impulse für die Zukunft geben.

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