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15. Dezember 2017 | 20:40 Uhr

Alles Gute kommt von oben

vom

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erstellt am 04.Mai.2010 | 07:29 Uhr

Greifswald | Der Mann kann übers Wasser laufen: Am langen Haken des Polizeihubschraubers hängt der Rettungsschwimmer der Landes-Fliegerstaffel, mit den Füßen im sieben Grad kalten Ostseewasser zwischen der Greifswalder Oie, Usedom und Rügen. Unter und vor ihm, im durch die Rotoren aufgepeitschten Nass, treibt der Schiffbrüchige, rudert mit den Armen, winkt. Behutsam steuert der Pilot den Vogel, während weiter unten der ganze Mann gefragt ist.

Die Sache mit der Körperfläche

Es dauert für den Verunglückten wahrscheinlich viel länger als für die Beobachter ringsum - binnen Minuten hat ihn der Polizeischwimmer an der Winde und beide werden nach oben gewinscht. Dann düst Hubschrauber "Christoph 47" weiter zum Seenotrettungskreuzer "Wilhelm Kaisen" aus Sassnitz und liefert das Opfer dort sicher ab.

Minuten später folgt ein weiterer Anflug auf das Deck des Kreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), der Notarzt wird an Deck gebracht - alles Gute kommt von oben.

Das Szenario ist nur eines der mehrstündigen Seenotrettungsübung, die jährlich vor Greifswald über die Bühne geht, in diesem Jahr schon zum zehnten Mal. Neu allerdings ist, dass zum ersten Mal die Fliegerstaffel der Landespolizei mit von der Partie ist, sagt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Greifswald, Dr. Lutz Fischer. Neben der DGzRS proben unter anderem noch die Greifswalder Berufsfeuerwehr, der Rettungsdienst und die DRK-Wasserwacht das Zusammenspiel. Beobachter aus Rostock und Wismar sind mit an Bord, in der Weltkultur erbestadt wurde eben ein Antrag auf die Einrichtung eines Luftrettungs standortes gestellt, berichtet Andrea Amlig, Leitende Notärztin am Klinikum Wismar. Acht Rettungsassistenten, vier Piloten, fünf Ärzte und 13 so genannte Springer der Berufsfeuerwehr kann sie nun vor der Oie beobachten. Dass die gut im Training stehen, bestätigt ihnen ihr Einsatzchef Ralf Michaelis. Beim Absprung der Polizeitaucher allerdings entfährt ihm ein wohl ungewolltes "Oh-Ohh.". Anders als die senkrecht eintauchenden Feuerwehrleute nämlich hopsen die Polizisten mit dem Rücken voran nach unten - normalerweise sollte man dies auf Grund der größeren Körperfläche, die Schaden nehmen kann, nicht tun, so der Experte. Aber genau weiß er nicht, was die Polizeispringer veranlasst, diese Lage zu wählen: "Vielleicht haben die ein anderes Prozedere."

Langes Werben von Erfolg gekrönt

Das beobachten nicht nur die Verantwortlichen aus Wismar und Rostock, sondern auch der für die öffentliche Ordnung der Hansestadt Greifswald zuständige Dezernent Ulf Dembski. "Es ist eigentlich nicht selbstverständlich, dass eine Berufsfeuerwehr Rettungsspringer hat. Aber das ist ein besonderer Service unserer Kommune für die ganze Region. Schließlich lebt Greifswald auch vom Tourismus ringsum." Dass bei der Übung nun auch die Landespolizei mit dabei sei, freue ihn sehr: "Darum haben wir lange geworben."

Mittlerweile haben die Hubschrauber Runde um Runde gedreht, die Opfer haben mehrfach tapfer im kalten Wasser ausgeharrt und die Rettungskreuzer - auch kleinere Boote sind noch vor Ort - ihre Aufgaben erfüllt. Wieder und wieder werden nahe den Unglücksstellen Leucht- und Farbmarkierungen durch die Hubschrauberbesatzungen gesetzt, um die Suche beim zweiten oder dritten Anflug zu erleichtern. Dann folgt erneut die Stunde der Rettungsspringer.

Insgesamt zehn Mann, die diese Qualifikation haben, unterstehen dem Chef der Rettungseinheit, Ralf Michaelis. Voraussetzung dafür sei eine Rettungsschwimmer-Ausbildung, erläutert er. Schwindelfrei sei ein Feuerwehrmann ohnehin, dazu kommen Techniken, die beherrscht werden müssen. Rund 90 Einsätze - Vermisstensuchen eingerechnet - zähle die Truppe seit 2001, in diesem Jahr war man schon zweimal unter scharfen Bedingungen draußen. Die Rettung eines Verunglückten auf dem Usedomer Achterwasser war dabei, erinnert sich Michaelis, während erneut ein Hubschrauber anschwirrt. Aus durchschnittlich fünf Metern Höhe springen die Spezialisten, bei widrigem Wetter kann es auch mal weiter nach oben gehen: Am gestrigen Montag war das weniger nötig, Windstärken von zwei bis drei boten relativ gute Bedingungen. Auch für die Opfer - in ihren Spezialanzügen könnten sie bei diesen Temperaturen bis zu einer Stunde aushalten, weiß Dr. Fischer.

Überlebens-Rat vom Fachmann

Der wirklich Verunglückte hat da weniger Zeit - für ihn reicht es bei sieben Grad vielleicht 20 bis 30 Minuten. Wichtige Regel dabei: "Ruhige Bewegungen, damit der Körper die Wärme speichern kann. Vergangenes Jahr haben wir vor Rügen Menschen so direkt aus dem Wasser retten können.

Einer, der versucht hat, sich mit Schwimmen ans Land zu retten, hat es nicht geschafft", warnt der Mediziner vor dem weit verbreiteten Irrtum, sich mit vielen Bewegungen warm halten zu können.

An Bord des Beobachtungsschiffes "Görmitz" ist dieses Bedürfnis nun auch ausgeprägt - der eine oder andere sucht gegen Ende der Übung jetzt schon mal länger die Brücke auf. Und hofft, den Einsatz nie unter scharfen Bedingungen selbst erleben zu müssen.

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