Ärzte auf der Flucht

Die Landflucht der Mediziner hat jetzt auch Rostock erreicht. Die Kassenärztliche Vereinigung schlägt Alarm: In den kommenden fünf Jahren scheiden 73 Haus- und Fachärzte altersbedingt aus. Händeringend suchen sie nach Nachfolgern – und finden sie selten.

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01. Oktober 2008, 05:12 Uhr

Rostock - Seine Patienten feiern den jungen Warnemünder Allgemeinmediziner Dr. Jan Krempien wie einen Fernsehdoktor. Er sei ein „junger, dynamischer Arzt mit Einfühlungsvermögen“ gibt ein Besucher der Praxis zu Protokoll, ein anderer hält ihn schlicht für „den besten Hausarzt überhaupt„. Hier hat der Praxisübergang von einem Arzt auf den nächsten reibungslos geklappt. Eine Ausnahme, weiß Thomas Hohlbein von der Kassenärztlichen Vereinigung Rostock.

Allein in den vergangenen Monaten hätten in der Hansestadt zehn Praxen geschlossen. Ersatzlos. „Wir bekommen ein großes Problem, wenn sich nicht etwas ändert“, prognostiziert Hohlbein. Das Problem: Nicht nur die Patienten werden immer älter und deshalb anfälliger für Krankheiten und Wehwehchen. Auch die behandelnden Ärzte gehen mittlerweile sprichwörtlich am Stock.In Rostock sind 58 Prozent aller Haus- und Fachärzte älter als 50. Im Bundesdeutschen Schnitt ist es „nur“ jeder zweite Doktor.

Die Zahlen aus dem aktuellen Ärzteregister (25. September) verdeutlicht das Generationenproblem und das Tempo, mit dem es Rostock erfasst. Von den 386 niedergelassenen Ärzten werden 73 binnen der nächsten fünf Jahren altersbedingt ausscheiden. Das ist fast jeder fünfte Weißkittel. In Bad Doberan gehen im gleichen Zeitraum sogar fast 30 Prozent der 115 niedergelassenen Ärzte in den Ruhestand.

Selbst Spezialist fürs  Altern fehlt

Mittlerweile fehlen in der Hansestadt Ärzte für diverse Fachrichtungen: Neurologen, Internisten, Orthopäden und Ophthalmologen. Erschreckend: In einer immer älter werdenden Stadt gibt es keinen einzigen niedergelassenen Gerontologen (Facharzt, der auf Alterskrankheiten spezialisiert ist).
Das Problem der Überalterung von Medizinern wäre gar keines, wenn junge Ärzte in vergleichbarer Größenordnung nachrücken würden. Doch das tun sie nicht mehr. Scheuten sich in den vergangenen Jahren Medizinabsolventen davor, auf dem flachen Land zu schuften, zieht sie mittlerweile auch nichts mehr in kleine oder mittelgroße Städte.

Hohlbein, selbst Facharzt, weiß von Kollegen, die in Rostock zwei und mehr Jahre nach einem Nachfolger gefahndet haben. Erfolglos. Mittlerweile suchen selbst Witwen für ihre verstorbenen Ehemänner jemanden, der die Praxis übernimmt. Überstunden, schlechte Bezahlung, Ärger mit den Kassen: Das sind die Gründe, die den Nachwuchs in die Forschung oder ins Ausland drängt. Der Beruf des Arztes werde in anderen Ländern höher geachtet, fasst Hohlbein zusammen. An einem Tag behandelt ein deutscher Arzt so viele Patienten, wie sein skandinavischer Kollege.

Dr. Wolfgang Eckert, Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern wird noch deutlicher: „Die Überalterung der Hausärzte ist so dramatisch, dass wir alle Register ziehen müssen. Uns bricht die Basisversorgung weg.“ Einer dieser Register ist eine neue Kooperation zwischen dem Verband und der Uniklinik Rostock. Medizinstudenten sollen in einer fünfjährigen Ausbildung fit für eine eigene Praxis gemacht werden. Bezeichnend: Dafür haben sich im Juli lediglich drei Interessenten eingeschrieben.

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