„Abzuhauen ist kein Problem“

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05. August 2008, 10:10 Uhr

Diebstahl, Körperverletzung – Benjamin T.* hat bereits einiges auf dem Kerbholz, als er mehrfach auch noch ohne Führerschein am Steuer erwischt wird. Für die Richter ist das Maß voll, die bereits mehrmals verhängte Bewährungsprobe abgelaufen. „16 Monate Waldeck“, verfügen sie.

Nach vier Tagen im geschlossenen Vollzug wird der 27-Jährige in den offenen verlegt. Das bedeutet, die Häftlinge können sich innerhalb des Gefängnisses frei bewegen, tagsüber auch außerhalb arbeiten. Nur abends müssen sie wieder hinter Gitter. Hier erlebt Benjamin T. hautnah mit, wie einer seiner Mitgefangenen das Weite sucht. Ein Jahr lang habe dieser darauf gewartet, in den offenen Vollzug verlegt zu werden. Als es kurz vor Weihnachten endlich so weit ist, setzen dennoch die Sicherungen aus. „Wer in den offenen Vollzug kommt, muss sich erst mal bewähren und sechs Wochen warten, bis er das erste Mal Ausgang erhält“, beschreibt Benjamin T. das Prozedere.

Für den Mithäftling bedeutete das: Weihnachten ohne Freigang. Den verschafft sich dieser kurzerhand selbst: Er flüchtet durch ein gitterloses Fenster im Bürotrakt. Der zwei Meter hohe Zaun um die Anstalt, keine Hürde. „Aus dem offenen Vollzug abzuhauen, ist kein Problem. Da könnte man sich einfach auf den Weg machen“, so Benjamin T. Formal gesehen gilt unseren Informationen zufolge eine Flucht aus dem offenen Vollzug nicht als Ausbruch.

Einfach auf den Weg machte sich auch Benjamin T. immer wieder. Legal. Um seinen Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen, meldet er sich bei einer Suchtberatung in Rostock an. „Ich wollte mich verändern, ein neues Leben beginnen.“ Alle zwei Wochen steigt er allein und ohne zusätzliche Bewachung in den Linienbus gen Hansestadt. In der Tasche einen Ausgangsschein mit der Weisung: striktes Alkohol- und Fahrverbot. Mit Kumpels nach der Suchtberatung einen Kaffee trinken – kein Problem. „Hauptsache ich war zur vorgeschriebenen Zeit wieder zurück.“

Der Gedanke, den Rückweg nicht anzutreten, sei ihm nie gekommen, sagt Benjamin T. Er habe in seinem Leben schon so manchen Blödsinn angestellt. Ein Gefängnisausbruch sollte nicht auch noch dazukommen. Ob ihm im geschlossenen Vollzug auch keine Fluchtgedanken gekommen wären, könne er jedoch nicht sagen. „Alle, die aus dem geschlossenen in den offenen Vollzug kommen, sind froh, raus zu sein. Im geschlossenen öffnen sich die Zellentüren nur, wenn es Essen gibt.“

Benjamin T. ist inzwischen vorzeitig entlassen. Die „Freiheit“ des geflohenen Häftlings währte indes nur kurz. Schnell saß er wieder hinter Schloss und Riegel – im geschlossenen Vollzug.
* Name geändert

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