44 Mal gen Süden und zurück

Ein leises Rauschen in den Bäumen, leichtes Hitzeflimmern über der Wiese, im Nest wartet die Störchin auf ihren Partner, der gerade auf Futtersuche für den Nachwuchs ist. Für Horst Wilde ist dieses Bild besser als jedes Fernsehprogramm.

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09. Juni 2008, 04:41 Uhr

Baek/Alt Krüssow - Der Baeker Senior schaut nicht einfach nur auf einen Storch. Die Dame im Horst auf dem Hof seines Grundstückes ist eine ganz besondere, mit ihren 22 Lenzen nämlich der älteste Adebar Brandenburgs. „Nur ein Prozent der Störche schaffen es auf 20 Lebensjahre, verschwindend wenige auf mehr“, weiß der Prignitzer Storchenbeauftragte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Falk Schulz.
„Die Störchin hat fast die Hälfte meiner Lebenszeit auf dem Gefieder, doch im Gegensatz zu mir noch keine grauen Haare“, scherzt Dr. Jürgen Kaatz. Der Vorsitzende der Fachgruppe Ornithologie im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, bei dem selbst sich vor kurzem ein 21-jähriger Adebar einfand (wir berichteten), hat die Baeker Storchendame vor 22 Jahren begingt, und zwar genau am 28. Juni 1986 in Alt Krüssow bei Pritzwalk. „Das war damals eine ganz schöne Tortour“, erinnert er sich, sei aber nichts gegen das, was die Störchin seit dem erlebt hat. „44 mal hat sie die Flugstrecke über Dürregebiete, Kriegsschauplätze, Wüsten und anderes mehr zurückgelegt. Es würde mehr als ein Buch füllen, wenn sie uns all ihre Erlebnisse berichten könnte“, ist sich Kaatz sicher.
Jahrelang verlor sich nach der Beringung des Storchenkükens die Spur, dann wurde die Dame 1993 in Pirow gesichtet, bis sie ab 1997 in Baek heimisch wurde, jedenfalls von Ornithologen nachgewiesen.
Und in diesem Prignitz-Dorf scheint sich die Störchin wohl zu fühlen. Feuchtgebiete in der Umgebung sorgen für ausreichend Futter, und dann natürlich die liebevolle Betreuung des Horstes durch Familie Wilde. „Wenn sie im Frühjahr kommt, sprechen wir sie gleich an, damit sie weiß, mit wem sie es zu tun hat“, erzählt Horst Wilde. „Sie macht dann erst ihr Nest sauber, lässt sich gar nicht stören, nicht mal, wenn ich mit dem Rasenmäher die Wiese mähe. Zur Brutzeit versuche ich dann aber doch Rücksicht zu nehmen, nicht so laute Geräusche zu machen“, erzählt Wilde weiter und lehnt sich dabei bequem in seinem Gartenstuhl zurück. Der steht gut geschützt vor Wind und Wetter auf einem Sitzplatz, den sich Wildes auf der Rückseite ihrer Scheune geschaffen haben. Und von hier aus hat man auch den besten Blick auf den Storchenhorst.
Früher befand der sich auf der Scheune, doch 1978 stürzte er mit samt der Jungen ab, der Nachwuchs verendete dabei. Daraufhin wurde ein Mast gesetzt und ein neuer Horst gebaut, weiß Schulz. Wie gut das neue Storchenheim angenommen wurde, belegt sicher die Tatsache, dass seitdem hier insgesamt 80 Junge aufgezogen wurden. Einen Großteil davon hat die mittlerweile betagte Dame ausgebrütet. Bekannt seien zwei in Pirow und 13 in Baek geschlüpfte Junge, sagt Falk Schulz. Nachwuchs von ihr wurde beispielsweise in Pensin, Greifswald und Groß Karzendorf im Mecklenburgischen oder Altgolßen im brandenburgischen Landkreis Dahme-Spreewald anhand der Ringe entdeckt.
In diesem Jahr hat sie „vermutlich zwei Junge, einer hat schon mal den Hals aus dem Horst gesteckt“, beschreibt Wilde. Er glaubt, dass die Störche ein gutes Wetterempfinden hätten, in trockenen Jahren wie diesem eher weniger Junge ausbrüteten.
Menschen wie Wildes in Baek oder Detlef Rumpstich in Alt Krüssow ist es zu verdanken, dass sich die Adebare in der Prignitz wohl fühlen, immer wieder zurück in angestammte Horste kommen, betont Storchenbetreuer Schulz. Und Ehrenamtler wie er, Dr. Kaatz oder Storchenbetreuer Volkmar Reupke aus Pritzwalk haben ein wachsames Auge auf den Lebensweg der Adebare.

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