24-jähriger Asperger-Autist beweist sich mit Erfolg als Programmierer

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02. September 2008, 07:05 Uhr

Perleberg - 2006 war es, da suchte der Perleberger Holger Redtel für sein Medizintechnik-Unternehmen einen Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Auf die Ausschreibung meldete sich auch Matthias Brinke. Der heute 24-Jährige ist Autist (Asperger). Gemeinsam mit seinen Eltern kam der aus der Nähe von Wismar Stammende zum Bewerbungsgespräch in die Prignitz. „Und wir nahmen ihn“, erzählt Redtel.

Sicher sei es Neuland gewesen, einen behinderten Menschen – Autismus wird als Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben – einzustellen. Aber bereut habe er den Schritt nicht, macht Redtel klar. „Natürlich habe ich mich vorher belesen, was es mit dieser Krankheit auf sich hat, wozu Autisten in der Lage sind. Und dann haben wir mit Matthias auch einen einmonatigen Vortest gemacht. Der hat uns überzeugt.“

Matthias bringt alles mit, was im Bereich der Programmierung in dem Perleberger Unternehmen gebraucht wird. Zwar könne er nicht auf irgendwelche Visionen hinarbeiten, wie Redtel es ausdrückt. Aber „wir geben ihm klar definierte Arbeitspakete mit einer gewissen Zielstellung, und die führt er zum fertigen Produkt. Da braucht man dann mit ihm auch nicht über das Ergebnis zu streiten, kann sich darauf verlassen, dass er es gründlich erarbeitet, sich dazu belesen hat.“

Der junge Mann, der die Schule abbrach, weil er beispielsweise mit Musik gar nichts anfangen konnte, studiert jetzt neben seiner Arbeit an der Fachhochschule Brandenburg Medieninformatiker. „Es ist ein Online-Studium, das mache ich abends“, erzählt er. Die Arbeit in Perleberg „gefällt mir gut, die Kollegen sind in Ordnung“, freut sich Matthias, der auch in Perleberg wohnt, eine Viertelstunde Fußweg vom Büro entfernt.

Natürlich sei es nicht immer unproblematisch mit einem Autisten im Team, räumt Redtel ein. „Da muss man schon mal tolerieren, wenn er zu spät kommt, weil er noch abwaschen musste, oder wenn er wieder vom Schreibtisch weg nach Hause läuft, weil er etwas vergessen hat“, führt Redtel Beispiele auf. Es sei mit ihm schon anders als mit nicht behinderten Angestellten, man müsse mehr Vorleistungen bringen. Aber: „Matthias passt!“.

Das Berufsbildungswerk Greifswald, in dem Matthias Brinke lernte, nachdem er die Schule abgebrochen hatte, dreht jetzt einen Film über den jungen Mann, um zu zeigen, wie ein behinderter Mensch in ein Unternehmen eingegliedert werden kann.

Ein Anliegen, dem auch die Unterstützte Beschäftigung für Menschen mit Behinderung Rechnung trägt, die das Bundeskabinett am 30. Juli als Gesetzentwurf beschlossen hat und der noch in dieser Woche erstmalig im Bundesrat behandelt werden soll.

In Perleberg diskutieren heute auf Einladung des Landkreises Prignitz, des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands (CJD) und des Verbandes Evangelischer Behindertenarbeit Berlin-Brandenburg Fachleute aus ganz Deutschland darüber, wie Behinderte in den Arbeitsmarkt integriert werde können.

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