Standortwechsel für Kötterhaus : 200 Jahre altes Fachwerkhaus zieht um

Rainer Koch ist mit viel Elan und Freude dabei, das alte Fachwerkhaus aus Westfalen in Serrahn wieder aufzubauen.Regina Mai
1 von 2
Rainer Koch ist mit viel Elan und Freude dabei, das alte Fachwerkhaus aus Westfalen in Serrahn wieder aufzubauen.Regina Mai

Was auf den ersten flüchtigen Blick nach einem neuen Fachwerkhaus, eines auf alt gemacht, aussehen mag, entpuppt sich in Serrahn auf den zweiten Blick als transloziertes Fachwerkhaus. Es ist rund 200 Jahre alt.

von
06. November 2010, 04:16 Uhr

Serrahn | Jetzt zieht es von Westfalen nach Mecklenburg um. Das geht, denn ein Fachwerkhaus kann man nach Gebrauch wieder in seine Einzelteile zerlegen und neu aufbauen, genau das verbirgt sich hinter dem Begriff des Translozierens. Ein bisschen verrückt, verliebt in Altes, keinesfalls arbeitsscheu und ausgesprochen mutig, wenn nicht gar abenteuerlustig muss man allerdings schon sein, um sich auf ein solches Unterfangen einzulassen. Rainer Koch (54) erfüllt alle diese Voraussetzungen.

Fasziniert von Kötterhaus mit dicker Schneemütze

"Ich bin ein leidenschaftlicher Trödler und Sammler", gibt der Mann aus Gütersloh unumwunden zu. Für ihn gibt es kaum etwas Altes, dass nicht noch irgendwie verwendet werden kann, aufgearbeitet zum Schmuckstück wird. Und beim Besuch eines Trödelmarktes sei es auch passiert. "Ich musste etwas abseits parken und sah ein Haus, das mir sofort gefiel", erzählt Reiner Koch. Schnee habe auf dem Dach gelegen. Es sah aus, als ob eine Mütze, tief heruntergezogen, das Haus schützen würde. "Vier Wochen später las ich, dass ein Fachwerkhaus zu verkaufen war. Es war genau dieses in Kaunitz, ein Kötterhaus. Kötter waren Kleinbauern, die sich nicht selten als Handwerker etwas dazu verdienten", berichtet der Polizist, der in der Kreispolizeibehörde Herford in der Pressestelle arbeitet. Er hat es gekauft und wollte es umsetzen. Aber in seiner Heimatstadt Gütersloh bekam er keine Baugenehmigung. Durch einen Freund sei der Gedanke auf einen Alterswohnsitz in Mecklenburg gelenkt worden.

Eichenbalken restauriert und nun wieder montiert

Dass es Serrahn wird, auch dazu kann Rainer Koch eine kleine Geschichte erzählen. Auf der Suche sei man auch in das kleine Dorf gekommen und habe eine Frau am Gartenzaun angesprochen. "Sie hat uns zum Pastor geschickt. Der wisse wohl, ob im Dorf etwas zu verkaufen sei", erzählt Rainer Koch. Als er mit seiner Frau zurückkam, hätte die Frau schon auf sie gewartet und gesagt, das eigentlich auch ihr Haus zu haben sei. So ist es geschehen. Wo einst eine Scheune stand - nur ein kleiner Rest ist noch da -, steht nun das Fachwerkhaus. Es hat ein neues Dach. Einige Gefache sind schon ausgemauert, durch andere pfeift der Wind. "Das ist ein Stück deutsche Einheit", schmunzelt Rainer Koch. Nicht alle Ziegelsteine konnten wieder verwendet werden, so kommt es, dass nun auch Ziegel aus Mecklenburg die Gefache eines westfälischen Hauses füllen. Koch versucht so viel wie möglich mit alten Material zu arbeiten.

Doch von Anfang an: 2002 hat er mit der Familie, zu der drei erwachsene Kinder gehören, das Fachwerkhaus in Kaunitz abgebaut. Seither habe er jeden Eichenbalken mindestens fünfmal in der Hand gehabt. Ein Jahr lang war er damit beschäftigt, Eisenteile aus dem Holz zu ziehen. Jeder Balken sei gehobelt und gebürstet und dann einem Restaurator übergeben worden. Rainer Koch suchte nebenbei nach alten Balken, denn es fehlten einige Ständer an der Wetterseite des Hauses. Vom Restaurator wechselten die Hölzer zum Tischler. Der fügte Wand für Wand - alles nummeriert - wieder zusammen. 2006 kam alles auf einen 40-Tonner und wurde in Serrahn zunächst in der Rest-Scheune und in einer bereits aufgebauten Remise untergestellt.

Noch heute wundert sich Rainer Koch darüber, wie reibungslos er eine Baugenehmigung erhielt. "Auch hier werden alle Vorschriften beachtet, aber man kann mit den Menschen reden", lobt er. In diesem Sommer begann der Aufbau. Eine normale Bodenplatte wurde gegossen. Die Sockelhölzer - sie mussten erneuert werden - erhielten anders als zuvor einen höheren Spritzschutz, wodurch man das Problem von eindringendem Wasser löst. Nach einem Tag standen die Ringbalken, nach vier Tagen das Gebäude - also das Fachwerk - einschließlich der ersten Decke. Anfang Oktober feierten die Kochs mit dem ganzen Dorf Richtfest. Inzwischen ist das Dach mit Biberschwänzen gedeckt. Bis zum Jahresende soll ausgefacht und die Fenster sollen eingesetzt sein. "Dann ruht der Bau über Winter, damit sich die Gefache setzen können", erklärt der 54-Jährige. Im Frühjahr könne der Innenausbau beginnen. Dann erhält das Fachwerk nicht wie heute üblich innen eine Dämmung und eine gemauerte Wand davor. "Lehm, Holzfaserplatten und dann noch einmal Lehm, so machen wir es uns richtig gemütlich", sagt Rainer Koch und spricht auf ein dadurch entstehendes besonderes Raumklima an. Im nächsten Herbst möchte die Familie einziehen.

Ruhesitz in guter Nachbarschaft in Serrahn

"Maurer und Dachdecker, da habe ich zweimal richtig Glück gehabt", staunt Rainer Koch selbst. Da er 400 Kilometer entfernt lebt und arbeitet, müsse er sich auf die Handwerker verlassen können. Das kann er. Und in Serrahn habe er auch schon eine Zuhause gefunden. Er helfe, wo er kann, und erhalte Hilfe, wenn er sie benötigt. "Es ist ein Geben und Nehmen. Hier gibt es noch Menschen mit sozialen Empfindungen", freut sich Rainer Koch. "Ich bin gern hier", sagt er. Noch acht Jahre müsse er arbeiten. Danach möchte er mit seiner Frau Doris, Erzieherin, seinen Altersruhesitz in Serrahn nehmen. Das mit dem "Ruhesitz" mag man ihm nicht so recht abnehmen. In der Remise beispielsweise liegen alten Eichenbalken. Aus denen kann er bestimmt noch etwas machen, vielleicht das eine oder andere Möbelstück. Neue Möbel, das versteht sich von selbst, kommen nicht in das alte Fachwerkhaus. "Ich liebe alles Alte", schwärmt er.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen