100 Jahre Nationalmannschaft

„Kaiser“ Franz Beckenbauer erlebte durch sie die doppelte Krönung, Fritz Walter wurde mit ihr zum Helden der Nation, für Jürgen Klinsmann war sie einfach die größte Herausforderung: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird morgen 100 Jahre alt – und nie war sie begehrter als jetzt. 857 Spieler haben in genau 800 Partien das Adler-Trikot getragen. 457 Siegen stehen 179 Niederlagen und 164 Unentschieden entgegen. 1782 Tore wurden geschossen, 965 Treffer kassiert. Drei WM-Titel sowie drei EM-Triumphe krönten die bisherige Jahrhundert-Geschichte der DFB-Elf.

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04. April 2008, 11:52 Uhr

München - Die Geburt, hat Franz Beckenbauer gehört oder gelesen, „soll ja keine so einfache gewesen sein“. In der Tat: Als die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz das erste offizielle Länderspiel bestritt und verlor (3:5), da war sie noch ein ungeliebtes Kind. 100 Jahre später, hat der „Kaiser“ aus eigener Erfahrungen festgestellt, ist die Nationalmannschaft „eine herausragende Institution im sportlichen und gesellschaftlichen Leben des gesamten Landes“.

Von ihren 800 Länderspielen gewann die DFB-Auswahl 457, dazu gehörten die Finalsiege bei den Weltmeisterschaften 1954, 1974 und 1990 und den Europameisterschaften 1972, 1980 und 1996. Es gab nur 179 Niederlagen – dazu zählen auch jene in den WM-Endspielen 1966, 1982, 1986, 2002 und den EM-Endspielen 1976 und 1992. Es gab Siege, die peinlich waren, wie das abgekartete 1:0 gegen Österreich bei der WM 1982, es gab Niederlagen, die zum „Jahrhundertspiel“ wurden, wie das 3:4 n.V. im WM-Halbfinale 1970 gegen Italien.

In 150 dieser 800 Länderspiele wirkte Lothar Matthäus mit – 72-mal davon als Kapitän: beides Rekord. Der ehemalige Stuttgarter Bernd Martin brachte es lediglich auf drei Minuten. 857 Spieler trugen bisher das Trikot der Nationalmannschaft, 77 vertraten dabei Bayern München. 101 verschiedene Kapitäne führten das Team aufs Feld – zusätzlich sieben wieder herunter. Und neben Matthäus dürfen sich die Ausnahmespieler Fritz Walter, „Uns Uwe“ Seeler und Beckenbauer „Ehrenspielführer“ nennen.
Der Frankfurter Fritz Becker erzielte am 5. April 1908 den ersten von mittlerweile 1782 Treffern der Nationalmannschaft. Die meisten, 68, markierte Gerd Müller – in nur 62 Spielen. Gottfried Fuchs traf 10-mal in nur 67 Minuten, beim 16:0 am 1. Juli 1912 im Rahmen des Olympia-Turniers gegen erkennbar verkaterte Russen.

Die deutschen Torhüter mussten 964-mal hinter sich greifen – offiziell sogar 965-mal, obwohl der Ball beim „Wembley-Tor“ im WM-Finale ’66 gegen England (4:2 n.V.) ja gar nicht hinter der Linie war. 50-mal in 100 Jahren trat eine deutsche gegen eine Schweizer Auswahl an, mit 36 Siegen sind die Eidgenossen der Lieblingsgegner. „Angstgegner“ ist mit 14 Niederlagen England, gegen die Briten gab es am 16. März 1909 auch die Rekord-Niederlage (0:9).

Erfolgreich wie selten spielte die Nationalelf unter Jupp Derwall: 23 Spiele in Serie ungeschlagen, 12-mal in Serie siegreich – beides Rekord. Die meisten Spiele (167) und Siege (94) gab es unter Sepp Herberger, Trainer von 1936 bis 1964. Seine Mannschaft gewann am 4. Juli 1954 das 223. Spiel einer deutschen Auswahl, 3:2 gegen Ungarn. Es war wohl die eigentliche Geburtsstunde.


Statistik


Von Basel bis Basel: 800 Länderspiele Zwischen dem ersten Länderspiel einer DFB-Elf am 5. April 1908 in Basel gegen die Schweiz und dem 800. und bislang letzten vor neun Tagen am selben Ort gegen den selben Gegner lagen 798 Partien gegen 83 Gegner. Zu Buche stehen 457 Siege, 164 Remis und 179 Niederlagen bei einem Torverhältnis von 1782:965.

Die größten Erfolge
3 x Weltmeister 1954, 1974, 1990
3 x Europameister 1972, 1980, 1996

Die häufigsten Gegner
Schweiz    50  36 6  8  135:60
Niederlande  36  13 13  10  71:62
Österreich   34  20 6  8  75:51
Schweden   33  14 6  13  61:53
Ungarn     32  11 10  11   66:64

Die höchsten Siege
16:0  Russland 1912 Stockholm (OS)
13:0  Finnland   1940 Leipzig
13:0  San Marino   2006 Seravalle
12:0  Zypern     1969 Essen
 9:0  Luxemburg   1936 Berlin (OS)

Die deftigsten Niederlagen
 0:9  England 1909 Oxford
 0:6  Österreich 1931 Berlin
 0:5  Österreich 1931 Wien
 3:8  Ungarn 1954 Basel (WM)


Rekordspieler: Von Matthäus bis Müller150-mal trug Lothar Matthäus das Nationaltrikot und liegt damit ebenso einsam an der Spitze der Bestenliste wie Gerd Müller bei den Torschützen. 68-mal traf der „Bomber der Nation“ ins Schwarze und brauchte dafür nur 62 Spiele.

Die meisten Länderspiele*
150  Lothar Matthäus (FC Bayern München)      1980 - 2000
108  Jürgen Klinsmann (FC Bayern München)      1987 - 1998
105  Jürgen Kohler (Juventus Turin)          1986 - 1998
103  Franz Beckenbauer (FC Bayern München)    1965 - 1977
102   Joachim Streich (1. FC Magdeburg/DDR)     1969 - 1984
101  Thomas Häßler (Karlsruher SC)         1988 - 2000
100  Hans-Jürgen Dörner (Dynamo Dresden/DDR)  1969 - 1985
100  Ulf Kirsten (Bayer Leverkusen/davon DDR: 49)  1985 - 2000

Die besten Torschützen*
68  Gerd Müller (Bayern München)    62 Spiele
55  Joachim Streich (1. FC Magdeburg) 102 (DDR)
47  Rudi Völler (Werder Bremen)    90
47  Jürgen Klinsmann (Bayern München) 108
45  Karl-Heinz Rummenigge (B. München) 95
43  Uwe Seeler (Hamburger SV)    72
38  Miroslav Klose (1. FC K’lautern)    74
37  Oliver Bierhoff (AC Mailand)    70
*) Verein angegeben, für den die meisten Spiele absolviert wurden

Die meisten Tore in einem Spiel
10  Gottfried Fuchs (Karlsruher FV)     1912 Russland 16:0
 6  Wilhelm Hahnemann (Adm. Wien) 1940 Finnland 13:0
 5  Otto Siffling (Waldh. Mannheim) 1937 Dänemark 8:0
 4  neun Spieler – Gerd Müller (München/4 x), Fritz Förderer (Karlsruhe/1912), Julius Hirsch (Karlsruhe/1912), Georg Frank (Fürth/1929), Josef Rasselnberg (Benrath/1934), Edmund Conen (Stuttgart/1940), Ernst Willimowski (München/1942), Michael Ballack (München/2004), Lukas Podolski (München/2006)

Die schnellsten Hattricks
 7 Min.  Oliver Bierhoff    1997 Nordirland  3:1  (73., 78., 79.)
12    Otto Siffling      1937 Dänemark   8:0  (33., 40., 44.)
13    Gerd Müller      1972 UdSSR    4:1  (50., 51., 62.)
15    Edmund Conen   1940 Bulgarien  7:3  (60., 63. 74.)
17     Uwe Seeler     1963 Türkei    3:0  (52., 53., 68.)


Herberger – Trainer über GenerationenBeinahe 28 Jahre lang, von 1936 bis 1964, betreute Sepp Herberger die DFB-Auswahl und trainierte Generationen von Nationalspielern. Als Höhepunkt seiner Amtszeit führte Herberger die DFB-Elf 1954 zum WM-Titel. Noch heute zählen einige seiner Sprüche wie „Elf Freunde müsst ihr sein“ oder „Der Ball ist rund“ und „Ein Spiel dauert 90 Minuten“ zu den verbalen Fußball-Kostbarkeiten.


Legendäre Spiele



100 Jahre und 800 Länderspiele – vieles gerät da in Vergessenheit, zumal es aus der Anfangszeit teilweise nur spärliche Überlieferungen gibt. Einige Spiele aber haben legendären Charakter:

1. Juli 1912: Deutschland - Russland 16:0
Ihren bis heute höchsten Länderspielsieg feiert die deutsche Nationalelf beim Olympia-Turnier 1912 in Stockholm. Gottfried Fuchs glänzt beim 16:0 gegen Russland als zehnfacher Torschütze.

4. Juli 1954: Deutschland - Ungarn 3:2
„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen...“. Als der „Boss“ mit dem 3:2 im WM-Finale gegen Ungarn das „Wunder von Bern“ per- fekt macht, gerät Fußball-Deutschland aus dem Häuschen. Das beste Spiel auf dem Weg zum Titel gelingt der Elf vier Tage zuvor in Basel. Beim 6:1 gegen Österreich erlebt Fritz Walter eine Sternstunde.

30. Juli 1966: England - Deutschland 4:2 n.V.
Das legendäre Wembley-Tor entscheidet das zweite deutsche WM-Finale. Obwohl der Ball von Hurst die Linie nicht eindeutig überschritt, zeigt Referee Dienst (CH) nach Befragen seines Assistenten Bachramow (UdSSR) zur Mitte. Nach dem 2:4 in 120 Minuten fließen Tränen der Enttäuschung.

22. Juni 1974: BRD - DDR 0:1
Das einzige deutsch-deutsche Duell endet in Hamburg mit einer Sensation. Jürgen Sparwassers Tor trifft das DFB-Team bis ins Mark, doch Platz zwei in der WM-Vorrundengruppe hinter der DDR erweist sich als Vorteil. Auf dem Weg ins Endspiel warten auf Beckenbauer & Co. die leichteren Gegner.

7. Juli 1974:
Deutschland - Niederlande 2:1
„Kaiser“ Franz besiegt „König“ Johan. Im Duell der weltbesten Fußballer erobert Deutschland mit dem 2:1 gegen Holland den zweiten WM-Titel. Das 68. und letzte Länderspiel-Tor von Gerd Müller entscheidet das Finale in München, das für den Favoriten schlecht begann – 0:1 durch Neeskens (1.).

20. Juni 1976: Deutschland - CSSR 2:2 n.V. (3:5 i.E.)
Als Uli Hoeneß den achten Elfmeter in den Nachthimmel über Belgrad jagt, ist im 100. Länderspiel von Franz Beckenbauer der deutsche Traum vom zweiten EM-Titel geplatzt.

21. Juni 1978: Österreich - Deutschland 3:2
Die „Schande von Cordoba“ – der doppelteTorschütze Hans Krankl besiegelt das deutsche Aus in der WM-Zwischenrunde. Im Nachbarland wird der erste Sieg über den Rivalen seit 47 Jahren frenetisch gefeiert. „I wer’ narrisch“, schreit Edy Finger ins TV-Mikro.

25. Juni 1982: Deutschland - Österreich 1:0
Als Nichtangriffspakt oder „Schmach von Gijon“ geht das letzte deutsche Vorrundenspiel bei der WM in Spanien in die Geschichte ein. Nach Hrubeschs früher Führung stellen die Teams den Spielbetrieb ein, weil ihnen das 1:0 zum Weiterkommen reicht. Algerien ist draußen. Seither finden letzte Gruppenspiele zeitgleich statt.

8. Juli 1990: Deutschland - Argentinien 1:0
Als Andi Brehme in der 86. Minute vom Punkt trifft, schießt er Deutschland zum dritten WM-Titel. Anschließend schlendert Franz Beckenbauer minutenlang in sich gekehrt über den Rasen. Als Spieler war er schon Weltmeister, nun ist er es auch als Trainer.

30. Juni 1996: Deutschland - Tschechien 2:1
Mit dem ersten „Golden Goal“ der Fußball-Geschichte macht sich Oliver Bierhoff unsterblich. Mit Hilfe des tschechischen Torhüters Petr Kouba gelingt ihm im Londoner Wembley-Stadion der 2:1-Siegtreffer, der Deutschland den dritten EM-Titel einbringt.

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