Leser spenden für letzte Wünsche : Wünschewagen: Momente, die bleiben

img_0013
2 von 4

Noch einmal ans Meer – das konnte Barbara Kunst ihren Eltern mit Hilfe des Wünschewagens ermöglichen.

23-35419450_23-122816412_1593072994.JPG von
25. November 2017, 05:00 Uhr

Waltraud Kunst schließt ihre Augen. Ihr Rollstuhl steht ganz nah am Wasser. Es riecht nach Tang. Leise plätschern die Wellen an den Strand, Möwen drehen kreischend ihre Runden. Es ist frühlingshaft, der Himmel bedeckt. Die 77-Jährige atmet tief durch. Sie scheint diesen Moment aufzusaugen. Ihre Gefühle kann sie nicht mehr in Worte fassen. Dafür ist ihre Demenz schon zu weit fortgeschritten. Doch es ist ihr anzusehen, wie sehr sie diesen Augenblick genießt. Sie ist dort, wo sie immer gern war – und wo sie so gern noch einmal sein wollte: am Meer.

„Wir sind so dankbar und glücklich, dass wir das gemeinsam erleben konnten“, sagt ihre Tochter Barbara. Gemeinsam mit ihrem Vater Helmut, der ebenfalls an Demenz erkrankt ist, und ihrer Tochter Anna hat sie ihre Mutter am 13. Mai dieses Jahres im Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) von Schwerin nach Warnemünde begleitet. Ein Tag, der noch immer bei allen nachwirkt. Ein Tag, der Momente geschaffen hat, die bleiben.

Den Wunsch, insbesondere ihrer Mutter, die nicht mehr laufen kann, gemeinsam mit ihrem Vater eine Reise ans Meer zu ermöglichen, hatte Barbara Kunst schon länger. Ihre Familie stammt aus Stralsund, vor allem ihre Mutter liebte früher Ausflüge nach Warnemünde oder Hiddensee. Sie selbst lebt schon lange in Berlin und besucht ihre Mutter, die inzwischen in einem Schweriner Pflegeheim betreut wird, und ihren Vater, der in einer benachbarten Demenz-WG wohnt, so oft sie kann. Die Planungen für eine Fahrt an die Küste zerschlugen sich jedoch immer wieder. Der gesundheitliche Zustand von Waltraud Kunst ließ eine solche Reise zwischenzeitlich nicht mehr zu. Wie sollte sie auch transportiert werden, wenn sie nicht mehr lange sitzen kann? Und was wäre, wenn sie zwischendurch medizinische Hilfe benötigen würde?

Völlig überraschend fand ihre Tochter dann Antworten im Internet – in einer Veröffentlichung zum Wünschewagen, den es zu diesem Zeitpunkt bereits in einigen Bundesländern gab. Ein Projekt, das es schwerstkranken Menschen ermöglicht, sich einen letzten großen Wunsch zu erfüllen. Mit einem speziellen Krankentransportwagen und medizinisch erfahrenen freiwilligen Mitarbeitern an Bord.

In Mecklenburg-Vorpommern befand sich das Angebot gerade im Aufbau. Deshalb wandte sich die 47-Jährige zunächst an den Wünschewagen in Schleswig-Holstein. Das Team leitete die Anfrage aber an Bettina Hartwig, Projektleiterin in MV, weiter, die nur zwei Tage später zusagte. „Die Freude war unbeschreiblich. Auch weil wir hier die Ersten waren“, so Barbara Kunst.

Aufregung habe deshalb bei allen Beteiligten geherrscht, erinnert sie sich. Doch die war schnell verflogen. „Die vier Ehrenamtlichen, die uns begleitet haben, sind so klasse und geduldig mit uns umgegangen, dass wir schnell eine Verbundenheit gefühlt haben.“ Ebenso wie Bettina Hartwig sei sie deshalb auch Kerstin Scheiner, Britta Schermer, Mark Hussel und Wolfgang Brandt von Herzen dankbar für ihren Einsatz.

Bei ihrer Mutter war schon am Morgen die Freude darüber spürbar gewesen, dass etwas Schönes bevorsteht. Von ihrer Transportliege aus konnte sie während der Fahrt durch die großen Panoramafenster des Wagens die Landschaft sehen. Als sie an den Rapsfeldern vorbeifuhren, versuchte sie, sich aufzurichten, obwohl ihr das sonst schwer fällt. „Sie hat alles ganz genau mitbekommen“, sagt Barbara Kunst. Auch ihr Vater war schon auf der Hinfahrt guter Dinge. „Als wir in Warnemünde ankamen, hat er erst einmal seine Mundharmonika gezückt und ,Glück auf’ gespielt“, erzählt seine Tochter. Sie weiß: Für ihn bedeutete es das größte Glück, diesen Ausflug gemeinsam mit seiner Familie zu erleben. Doch wie sollte seine Frau bis ans Wasser gelangen? Für ASB-Rettungssanitäter Mark Hussel keine Frage. Gemeinsam mit Britta Schermer zog der Helfer den Rollstuhl den langen Weg durch den Sand bis an die Ostsee, um Waltraud Kunst und ihren Angehörigen diesen besonderen Augenblick zu ermöglichen. „Das war einfach wunderbar“, sagt Barbara Kunst. „Wie viel ärmer wäre die Gesellschaft ohne solche Ehrenamtlichen, die auch emotional an ihre Grenzen gehen, um anderen eine Freude zu machen?“

Nach diesem Erlebnis habe sie viel darüber nachgedacht, dass man einander gegenüber achtsam sein und Herzenswünsche nicht zu lange aufschieben sollte, so die 47-Jährige. Ein Rat, den sie auch selbst beherzigt hat. Das Wünschewagen-Projekt hat sie so sehr begeistert, dass sie seit Juni dieses Jahres selbst für den ASB in Berlin arbeitet.

Immer wieder nimmt Barbara Kunst seit jenem Tag im Mai den Bildband in die Hand, der die Reise nach Warnemünde dokumentiert, und schaut ihn auch gemeinsam mit ihren Eltern an. Ein überraschender Moment ist dort jedoch gar nicht festgehalten. Nach ihrer Rückkehr sagte ihre Mutter, die sich nur noch schwer ausdrücken kann, beim Abschied „Danke“.

So können Sie helfen

Die Adventszeit ist die Zeit der Familie. Wir freuen uns auf Weihnachten, auf ausgelassene Fröhlichkeit und darauf, dass sich der eine oder andere lang gehegte Wunsch erfüllt. Auch in unserer diesjährigen Weihnachtsaktion geht es um Wünsche. Um letzte Wünsche. Und um Menschen, die niemanden haben, der sie ihnen erfüllen kann.

Seit Juni gibt es einen Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern, wie auch in Brandenburg seit 2016. Inzwischen haben sich über 50 Menschen um ein Team geschart, die im Ehrenamt, in ihrer Freizeit anderen Menschen ihren letzten Wunsch erfüllen. Rettungssanitäter, Krankenschwestern, Palliativ-Assistenten... Der ASB hat einen Rettungswagen ausgebaut, so dass schwerkranke Menschen damit befördert werden können. Es geht um Schwerstkranke in der letzten Phase ihres Lebens. Und es geht um vergleichsweise kleine Wünsche. Die Rollstuhlfahrerin, die noch einmal die Füße in die Ostsee stecken will. Den  Senior, der noch einmal in einer ganz bestimmten Bäckerei in Zingst ein Stück Kuchen essen möchte. Den an Krebs erkrankten 22-Jährigen, der Hansa Rostock im Stadion spielen sehen will. Es gibt auch Kinder an Bord...

Manchmal ist der Tod schneller als der Wünschewagen. Auch deshalb wollen wir mit unseren  Lesern helfen, die beim ASB angemeldeten Wünsche von Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern oder der Prignitz schnell erfüllen zu können. Die Fahrten werden ausschließlich aus Spendenmitteln finanziert. Projektleiterin Bettina Hartwig beziffert den Spendenbetrag, der für ein Jahr erforderlich ist, auf 70 000  Euro.

Wir sagen, es ist Zeit, etwas für unsere Mitmenschen zu tun, die sich nicht selbst helfen können. Schirmherrin unserer Aktion ist Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Helfen Sie bitte mit bei der gemeinsamen Weihnachtsaktion unserer Zeitung und des  ASB.  Helfen Sie anderen Menschen. Oft zeigt schon ein kleiner Betrag eine große Wirkung.Ihre Schweriner Volkszeitung

Kontodaten

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00
BIC: BFSWDE33BER
Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

Spenden für die Prignitz:

ASB-LV Brandenburg e.V.
IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401
 

Bitte schreiben Sie für die Spendenquittung Ihre Adresse und Ihren Namen in die Zeilen für den Verwendungszweck. Vermerken Sie dort auch, falls Sie in der Zeitung nicht als Spender genannt werden möchten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen