Mit dem Wünschewagen zu Mary Poppins : Ein unerwartetes Geschenk für Liesbeth Glawe

Ein Erinnerungsfoto  für Liesbeth Glawe (Mitte) mit Korinna Lembke (links), Julia Kottke (rechts) – und Mary Poppins$
Ein Erinnerungsfoto für Liesbeth Glawe (Mitte) mit Korinna Lembke (links), Julia Kottke (rechts) – und Mary Poppins

Liesbeth Glawe erlebt mit dem Wünschewagen einen unvergesslichen Abend im Musical „Mary Poppins“ – obwohl sie ihn sich gar nicht gewünscht hat.

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20. November 2018, 11:00 Uhr

Der Stau am A 20-Loch kostet das Wünschewagen-Team auf der Fahrt nach Greifswald eine geschlagene halbe Stunde. Es ist nicht das Erste, das an diesem Freitag schiefläuft – und es ist bei Weitem nicht das Schlimmste: Die alte Dame, die sich so sehr einen Besuch des Musicals „Mary Poppins“ in Hamburg gewünscht und wochenlang darauf hingefiebert hatte, wird diesen Tag nicht mehr überleben. Schon am Vorabend habe sich ihr Zustand drastisch verschlechtert, inzwischen sei sie „final“, raunt die Leiterin des Greifswalder Hospizes, Birgit Pannowitsch, der Wünschewagenbesatzung zu, als die endlich in der Hansestadt eintrifft.

Die Wünschefahrt nach Hamburg wird es an diesem Tag dennoch geben. Die Mitarbeiter des Hospizes hatten am Morgen spontan unter den Bewohnern herumgefragt, ob sich jemand anderes den Besuch bei „Mary Poppins“ zutraut. „Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass hier jemandem ein Wunsch erfüllt wird“, erklärt Birgit Pannowitsch. Deshalb könnten sie sich auch sehr gut vorstellen, wie viel Zeit und Mühe das Wünschewagen-team bereits investiert hat – und wieviel Geld.

 

Tatsächlich hatte Wünschewagen-Koordinatorin Bettina Hartwig die vier Musical-Karten für die Wünschende, eine Schwester aus dem Hospiz und die zwei Ehrenamtlichen, die an diesem Tag mit nach Hamburg fahren sollten, schon vor Wochen im regulären Vorverkauf besorgt. Auch Hotelzimmer hatte sie gebucht, damit die Strapazen für die Hospizbewohnerin, die ansonsten erst nachts um drei wieder in Greifswald gewesen wäre, nicht zu groß werden. „Dank der Leserspenden können wir jetzt einfacher auch solche Ausgaben stemmen“, freut sich Bettina Hartwig. Hätte die Fahrt allerdings kurzfristig abgesagt werden müssen, wäre der größere Teil des verauslagten Geldes wahrscheinlich verloren gewesen.

Doch so weit kommt es nicht. Liesbeth Glawe sagt spontan Ja zu dem Angebot, ins Musical zu fahren – und fliegt seitdem vor Aufregung an Händen und Füßen. Ihre Tochter muss kommen, um die 83-Jährige zu frisieren und ihr beim Packen zu helfen. Als die beiden Ehrenamtler Korinna Lembke und Jens Kulbatzki sie schließlich im Rollstuhl zum Wünschewagen bringen wollen, lehnt die zierliche Seniorin ab. „Das schaffe ich auch so“, meint sie resolut und nimmt, von Korinna Lembke gestützt, nicht etwa den Fahrstuhl, sondern die Treppe.

Einsteigen bitte:  Die Wünschewagen-Besatzung hilft Liesbeth Glawe, es sich bequem zu machen.
Karin Koslik
Einsteigen bitte: Die Wünschewagen-Besatzung hilft Liesbeth Glawe, es sich bequem zu machen.
 

Im Wagen selbst lässt sie sich dann aber hinlegen. Denn auch wenn die Vorfreude ihr Flügel zu verleihen scheint, ist die Greifswalderin doch schwer krank. Vor nicht einmal einem Vierteljahr wurde bei ihr Magenkrebs festgestellt, in einem Stadium, in dem die Aussichten, erfolgreich zu operieren, gegen Null gingen. „Außerdem waren überall schon Metastasen. Da hab ich gesagt, lasst mich, ich will nicht mehr operiert werden“, erzählt sie.

Seit Anfang September lebt Liesbeth Glawe nun im Hospiz. „Meine Wohnung hat meine Tochter schon aufgelöst.“ Man merkt, wie traurig sie das macht – aber dann schafft sie es doch, das unerwartete Geschenk zu genießen. „Ich war noch nie im Musical“, gesteht sie und erzählt, dass sie ihr Leben lang in der Landwirtschaft im Kuhstall gearbeitet hat. „Da gab es kein Ostern und kein Weihnachten. Und Zeit für Theater oder sowas hatten wir erst recht nicht.“

Sie schaut aus dem Fenster

Julia Kottke, die stellvertretende Hospizleiterin, hält im Auto die Hand der alten Dame. Die schaut manchmal eine Viertelstunde lang aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sagen. Dann steht plötzlich der Satz im Raum: „Das ist heute bestimmt meine letzte Reise.“ Alle müssen schlucken. Schließlich ist es Liesbeth Glawe selbst, die die Situation rettet. „Ich bin ja überhaupt nicht viel gereist.“ Genau genommen sei sie nie weiter weggekommen als bis Rostock oder maximal Berlin, erzählt sie.

Umso aufgeregter ist sie jetzt – und versucht aus dem fahrenden Wünschewagen heraus trotz der Dämmerung so viel wie möglich von Hamburg zu sehen. „Im Hospiz haben sie mich noch gewarnt, ich soll bloß nicht auf die Reeperbahn gehen“, verrät sie nun wieder mit spitzbübischem Lächeln – „aber wenn ich schon mal hier bin…“ Korinna Lembke beugt sich zu ihr herüber: „Wir sind heute nur dafür da, Ihre Wünsche zu erfüllen. Also wünschen Sie sich ruhig etwas…“

Ausgerechnet, als der Wünschewagen vorm Stage Theater an der Elbe ankommt, öffnet der Himmel seine Schleusen. Doch Jens Kulbatzki darf genau vor den Haupteingang fahren. Auch der Einlass funktioniert reibungslos und an den anderen wartenden Musicalgästen vorbei. Stage hat sogar als besondere Überraschung für die Wünschefahrt einen der Hauptdarsteller ins Rangfoyer gelotst. Bert alias David Boyd lässt sich nicht nur mit Liesbeth Glawe und ihren Begleitern fotografieren. Obwohl es nur noch eine Viertelstunde bis zu seinem Auftritt ist, plaudert er ein wenig mit der alten Dame. Denn er kennt Greifswald, war dort einmal zu einer Hochzeit eingeladen. Als David Boyd sich kurz vor dem ersten Klingeln verabschiedet, fragt er Frau Glawe noch nach ihrem Sitzplatz. „Ich winke Ihnen nachher zu“, verspricht er.

So viel zu sehen

Liesbeth Glawe ist jetzt so aufgeregt, dass sie sich an ihren Begleiterinnen festhalten muss. „Ich könnte heulen“, gesteht sie, als sie den Zuschauerraum betritt. Dann hebt sich der Vorhang und Bert singt „Chim chim cheerie“. Liesbeth Glawe kann den Blick nicht mehr von der Bühne wenden. „Da gibt es so viel zu gucken. Die Kostüme. Das Bühnenbild. Und diese Musik: Am liebsten möchte man immerzu mitschunkeln“, strahlt sie in der Pause. Vor allem gefallen ihr die Kinderdarsteller. Und Mary Poppins. Und natürlich Bert – „auch wenn der beim Winken ganz woanders hingeguckt hat“.

Plausch mit dem Hauptdarsteller:  Bert alias David Boyd erzählt Liesbeth Glawe, dass er Greifswald kennt.
Karin Koslik
Plausch mit dem Hauptdarsteller: Bert alias David Boyd erzählt Liesbeth Glawe, dass er Greifswald kennt.
 

Mary Poppins singt derweil „Alles, was wir wollen, kann passieren“. Liesbeth Glawe versucht, sich das und die vielen anderen Dinge, die auf der Bühne und im Theater passieren, einzuprägen. Schließlich will am nächsten Tag beinahe die ganze Familie ins Hospiz kommen und von ihrer Abenteuerreise hören, erzählt die zweifache Ururoma. „Aber das behalte ich niemals alles“, befürchtet sie. „Dabei war es hier so schön. Einfach einmalig.“

Letztlich nimmt sie einen Bildband und ein Programmheft als Gedankenstütze mit zurück. Und dann gibt es ja auch noch die vielen Fotos auf Julia Kottkes Handy. Eins davon zeigt Liesbeth Glawe übrigens zwischen Jens Kulbatzki und Korinna Lembke gegen Mitternacht auf der Reeperbahn. Alles was wir wollen kann passieren…

Kontodaten
 

ASB-Landesverband MV e.V.
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BIC: BFSWDE33BER
Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

Spenden für die Prignitz:

ASB-LV Brandenburg e.V.
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