Spendenaktion Wünschewagen : Die Paddel zum letzten Gruß erhoben

Das Erinnerungsfoto zeigt Bernd-Lutz Müller inmitten seiner Drachenbootsportfreunde.
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Das Erinnerungsfoto zeigt Bernd-Lutz Müller inmitten seiner Drachenbootsportfreunde.

Im August konnte Bernd-Lutz Müller aus Schwerin mit dem Wünschewagen das Drachenbootfestival erleben. Seine Frau erinnert sich voller Dankbarkeit.

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10. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Eine Gruppe gut gelaunter Frauen und Männer in Sportkleidung posiert am Ufer des Schweriner Pfaffenteichs. Auf einigen Fotos recken sie ihre Paddel in die Höhe. Auf anderen liest man auf den Shirts den Aufdruck „Robben und Kraken“. Und manchmal ist auch der in der Nähe parkende Wünschewagen des ASB zu sehen.

In ihre Mitte haben die Schweriner Drachenbootsportler einen Mann auf einer Trage genommen. Dass er von schwerer Krankheit gezeichnet ist, erkennt man erst auf den zweiten Blick – und vor allem, wenn man Fotos daneben legt, die Bernd-Lutz Müller in früheren Jahren zeigen.

Das Erinnerungsfoto zeigt Bernd-Lutz Müller inmitten seiner Drachenbootsportfreunde.
Foto: A.Zahn
Das Erinnerungsfoto zeigt Bernd-Lutz Müller inmitten seiner Drachenbootsportfreunde.
 

„Es war der größte Wunsch meines Mannes, noch einmal das Drachenbootfestival erleben zu können“, erzählt Waltraud Kaz-Müller und bemüht sich, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Denn auch wenn ihr Mann nun schon seit fast dreieinhalb Monaten tot ist, muss sie noch immer mit den Tränen kämpfen, wenn sie über ihn und seine letzten Lebenswochen spricht.

Viele Menschen wissen ja gar nicht, dass es so etwas Tolles wie den Wünschewagen gibt Waltraud Kaz-Müller
 

Dass sie es dennoch und auch öffentlich tut, ist so etwas wie das Vermächtnis ihres Mannes. „Ihm war es wichtig, dass viele Menschen erfahren, wie man auch im letzten Lebensabschnitt umsorgt wird – im Hospiz, aber auch durch das Team des Wünschewagens“, betont Waltraud Kaz-Müller. Deshalb habe er auch zugestimmt, dass Fotos von seiner Wünschefahrt selbst dann noch veröffentlicht werden dürfen, wenn er nicht mehr am Leben ist.

„Viele Menschen wissen ja gar nicht, dass es so etwas Tolles wie den Wünschewagen gibt“, sagt Waltraud Kaz-Müller. Die Weihnachtsspendenaktion unserer Zeitung helfe sicher, das Projekt bekannter zu machen. „Und vielleicht trägt sie auch zu einem Umdenken in der Politik bei. Denn es kann doch eigentlich nicht sein, dass es dafür kein Geld vom Staat gibt und dass es allein Ehrenamtlern überlassen bleibt, solche wichtigen Aufgaben zu übernehmen“, meint die Schwerinerin nachdenklich.

Drachenbootverein mit aufgebaut

Auch ihr Mann habe in seinem Leben viel für andere getan. Gemeinsam seien sie Mitglied in mehreren Vereinen gewesen. „Seinen“ Drachenbootverein hätte Bernd-Lutz Müller sogar mit aufgebaut, erzählt sie. Überhaupt habe Sport in seinem Leben eine große Rolle gespielt. Vor zwei Jahren hätte er noch am Fünf-Seen-Lauf in der Landeshauptstadt teilgenommen, bis zum Frühjahr vergangenen Jahres sei er selbst Drachenboot gefahren.

Dabei war bei ihm schon 2014 Krebs diagnostiziert worden, so Waltraud Kaz-Müller. Damals konnte der Tumor entfernt werden – und unmittelbar danach ging es mit ihrem Mann bergauf. „Ein viertel Jahr später saß er schon wieder im Boot.“

Der Krebs war zurückgekehrt

Doch im letzten Winter ging es Bernd-Lutz Müller plötzlich wieder schlechter. Ohne ersichtlichen Grund nahm er in Größenordnungen ab. Im März stand dann fest: Der Krebs war zurückgekehrt, zerfraß seine Knochen. Eine Chemotherapie musste abgebrochen werden, weil er sie nicht vertrug. Der 71-Jährige kam zuerst auf die Palliativstation und schließlich Anfang Mai ins Schweriner Hospiz am Aubach. „Aber irgendwie hatten wir trotzdem die Hoffnung, dass wir noch ein paar schöne Jahre mit einander verbringen können“, gesteht seine Frau. Denn im Hospiz sei ihr Mann zur Ruhe gekommen, er habe zugenommen, fing sogar wieder an zu malen.

Und immer wieder sprach Bernd-Lutz Müller vom Drachenbootfestival im August, das er unbedingt miterleben wollte. „Wir haben als Familie überlegt, wie wir das hinbekommen“, erinnert sich seine Frau – doch eine Lösung sei weder ihr noch der Tochter eingefallen. Die rettende Idee, den Wünschewagen einzuschalten, hatten letztlich die Mitglieder des Drachenbootvereins.

Mich hat es fast zerrissen Waltraud Kaz-Müller
 

Auch wenn sie inzwischen vier Monate zurückliegt, erinnert sich Waltraud Kaz-Müller noch an fast jedes Detail dieser Fahrt. An den Sonnenschein. An die fröhlichen Gesichter der Sportfreunde, die mit ihrem Boot extra nah ans Ufer fuhren und auf dem Wasser die Paddel zum Gruß hoben. „Ich weiß, dass viele von ihnen Angst vor diesem Treffen hatten. Aber meinem Mann zuliebe haben sie es doch gemacht. Und er war so glücklich.“

Sie selbst habe an diesem Tag – wie generell in den letzten Lebenswochen ihres Mannes – mehr oder weniger nur noch nur funktioniert. „Mich hat es fast zerrissen“, gesteht sie rückblickend. Aber sie habe sich außer um ihren Mann an diesem Tag auch um nichts kümmern müssen. „Die Besatzung vom Wünschewagen war so umsichtig. Sie waren ganz leise, haben aber alles beobachtet und schon auf die kleinste Bewegung reagiert“, lobt sie. Zu ihrem Mann habe sie gesagt: „Das sind unsere Bodyguards.“

Halt in der Familie und in den Vereinen

Eineinhalb Stunden lang reichte seine Kraft, um die Atmosphäre am Pfaffenteich noch einmal aufzusaugen. „Er wäre sicher gerne noch länger geblieben, aber es ging einfach nicht mehr“, erinnert sich seine Frau. Immerhin: „Als wir zurück im Hospiz waren und er sich ein bisschen erholt hatte, meinte mein Mann: ,So, und jetzt sind die nächsten Pläne dran‘.“ Seinen 72. Geburtstag Anfang September wollte er noch erleben. Den Geburtstag seiner Tochter. Den Hochzeitstag. Vielleicht sogar noch Weihnachten.

Doch nicht einmal zwei Wochen nach seiner Wünschefahrt, am 30. August, ist Bernd-Lutz Müller verstorben. Seine Frau kann das bis heute noch nicht fassen. „Ich war seine große Liebe – und er meine“, versucht sie erklären, warum ihre Trauer so unendlich groß ist. Trotzdem versucht sie weiterzuleben – auch, weil ihr Mann es sich so gewünscht hat. Halt findet sie außer in der Familie auch in den Vereinen, denen sie beide angehört haben – bei den Drachenbootsportlern, aber auch in der Schweriner Karnevalsgesellschaft „Winden e.V.“. Letztere hat auf der diesjährigen Weihnachtsfeier Spenden gesammelt, erzählt Waltraud Kaz-Müller: „150 Euro gehen an den Wünschewagen und 150 Euro ans Schweriner Hospiz“. Ein Dank an diejenigen, die Bernd-Lutz Müller in der letzten Phase seines Lebens zur Seite gestanden haben.

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