Weihnachtsaktion unserer Zeitung : Die gute Seele des Wünschewagens

Bettina Hartwig  koordiniert die Wünschewagenfahrten nicht nur. Wenn Not am Mann ist, setzt sie sich auch selbst ans Steuer.
Bettina Hartwig koordiniert die Wünschewagenfahrten nicht nur. Wenn Not am Mann ist, setzt sie sich auch selbst ans Steuer.

Bettina Hartwig leitet das Projekt beim ASB-Landesverband – und hat selbst schon eine ganze Reihe von Fahrten begleitet

Karin.jpg von
28. November 2017, 12:00 Uhr

„Dustin ist letzte Nacht eingeschlafen.“ Bettina Hartwig ringt um Fassung, als sie am vergangenen Freitag die kurze Notiz auf ihrem Schreibtisch liest. Der Zehnjährige war bislang der jüngste Fahrgast des Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern. Und er war derjenige, dem es unterwegs am schlechtesten ging.

Bettina Hartwig, die beim Landesverband des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) die Einsätze des Wünschewagens koordiniert, saß seinerzeit selbst am Steuer des umgebauten Mercedes-Sprinters. Es gab, so erzählt sie, für den Jungen eine Patientenverfügung, die untersagte, in lebensbedrohlichen Situationen einzugreifen – doch eben so eine Situation trat während der Fahrt ein. Die Krankenschwester, die mit an Bord war, handelte so, wie es in den Schulungen allen ehrenamtlichen Helfern im Wünschewagen vermittelt wird: Sie hielt sich an die Patientenverfügung – und tat nichts. Für medizinisches Personal ist das keine ungewöhnliche Situation, für Laien aber ist sie nur sehr schwer vorstellbar – und noch schwerer auszuhalten.

Letztlich, so Bettina Hartwig, habe der Vater, der seinen Sohn begleitete, ihm das lebensrettende Medikament verabreicht. Sie selbst sei mit dem Wagen von der Autobahn heruntergefahren und hätte in einem Gewerbegebiet um Fassung gerungen. Erst nach einer längeren Pause hätte sie weiterfahren können. Und obwohl seitdem schon mehrere Monate vergangen sind, wirke das Erlebte immer noch in ihr nach, gesteht sie.

Und nun die Todesnachricht. Längst nicht von allen Fahrgästen erfährt das Wünschewagenteam, wann ihr Leben tatsächlich zu Ende gegangen ist. „Die Frage ist unterschwellig natürlich immer da. Aber genauso wenig, wie im Wünschewagen über den Tod gesprochen wird, genauso wenig würde ich die Frage danach, ob ein bestimmter Fahrgast noch lebt, anschließend von mir aus stellen“, betont die Projektleiterin.

Dennoch erreicht das Team die eine oder andere Todesnachricht: von dankbaren Angehörigen, die selbst bei der Wünschefahrt dabei waren. Oder von Mitarbeitern in Pflegediensten, Heimen oder Hospizen, die entweder einen nächsten Wunsch anmelden oder die sich selbst in ihrer Freizeit im Wünschewagenteam engagieren. Und manchmal ist es auch ganz einfach so, dass jemand verstirbt, bevor sein letzter Wunsch erfüllt werden konnte.

So wie von dem zehnjährigen Dustin hat Bettina Hartwig von fast allen bisherigen Fahrgästen des Wünschewagens ein Bild vor Augen. Denn zu ihren Aufgaben als Projektkoordinatorin gehört das Erstgespräch mit den Betroffenen. Dabei hinterfragt sie noch einmal ganz genau den Wunsch, der erfüllt werden soll. „Denn manchmal – wenn auch selten – glauben andere zu wissen, was sich jemand wünscht, aber das ist dann gar nicht unbedingt so.“

Vor allem aber geht es um Details: „Wir hatten letztens z. B. eine Wünschefahrt nach Boltenhagen, wo der Betroffene uns erst vor Ort erzählt hat, dass er gerne an einem ganz bestimmten Stand ein Fischbrötchen essen wollte – aber als wir da waren, hatte der Stand zu“, erklärt Bettina Hartwig. Hätte sie vorher davon gewusst, hätte sie den Standbetreiber angerufen – und mit ihm zusammen sicher eine Lösung gefunden.

Ganz wichtig ist bei den Hausbesuchen auch, dass Bettina Hartwig sich ein Bild von den Lebensumständen des Betroffenen macht. Daraus kann sie anschließend z. B. ableiten, welche Anforderungen am Tag der Wünschefahrt auf die ehrenamtlichen Helfer zukommen: Ist der Fahrgast noch mobil oder sitzt er im Rollstuhl? Muss er beatmet werden, und wenn ja, sind entsprechende Gerätschaften vorhanden? Wie kommt er aus der Wohnung? Gibt es dort und gegebenenfalls auch am Zielort Treppen zu überwinden? Und, und, und…

„Für viele ganz wichtig ist auch die Frage, ob sie ihre Wünschefahrt sitzend oder liegend erleben können“, erzählt Bettina Hartwig. „Da hat mancher eine ganz andere Auffassung als sein behandelnder Arzt, der uns bestätigen muss, dass aus seiner Sicht nichts gegen die Wünschefahrt spricht“, verrät sie. Mancher, für den ein Liegendtransport bestellt wurde, wolle unbedingt sitzen – und schaffe das dann auch. „Am liebsten vorne, weil man dort am meisten sehen kann.“ Oft hieße es zum Ende des Vorgesprächs: „Wir sehen uns…“, erzählt Bettina Hartwig. „Dann bringe ich es einfach nicht fertig zu sagen, dass ich bei der Wünschefahrt gar nicht dabeisein wollte – und fahre doch mit.“

Ursprünglich war das für die Projektkoordinatorin überhaupt nicht vorgesehen. Denn schließlich ist sie im Landesverband des ASB auch noch die Assistentin des Geschäftsführers, was allein ein tagfüllender Job ist. Doch gerade im Sommer gab es bei der Besetzung des Wünschewagens immer wieder personelle Engpässe, erzählt Bettina Hartwig. Als gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte konnte sie zwar nicht den medizinisch-pflegerischen Part übernehmen, aber sie konnte fahren – und das tut sie auch heute noch, wann immer Not am Mann ist.

In dieser Woche stehen bisher fünf Wunscherfüllungen an, zwei Wünsche sind allein am Wochenende eingegangen. Bettina Hartwig klärt im Vorfeld zum einen, ob und wie sie realisiert werden können. Dazu muss sie je nach Einzelfall mit Angehörigen, Betreuern oder Freunden des Betroffenen sprechen oder Einrichtungen kontaktieren, die besucht werden sollen. Mal gilt es, Eintrittskarten für bestimmte Veranstaltungen besorgen. Mal sind, vor allem bei längeren Fahrten, Übernachtungsmöglichkeiten zu suchen. Manchmal muss auch improvisiert werden. Gestern z. B. hatte sich ein Hospizbewohner gewünscht, noch einmal seine zweieinhalb Fahrstunden entfernt wohnende betagte Mutter besuchen zu können – doch die Ärzte sagten Nein. „Da haben wir dann die Mutter zu ihm gebracht“, erzählt Bettina Hartwig.

Wir, das waren in diesem Fall zwei von derzeit 57 Freiwilligen im Projekt. Steht eine Wünschefahrt an, werden zuerst alle Ehrenamtler per SMS angeschrieben, um zu klären, wer mitfahren kann. Stehen die Teams, stellt Bettina Hartwig für sie alle relevanten Informationen zusammen, und vor jeder Fahrt weist sie die Ehrenamtler bei der Übernahme des Wünschewagens, der in der Rettungswache des ASB-Kreisverbandes Bad Doberan steht, in ihre Aufgaben ein.

Weil das allein kaum zu schultern ist, stellt der ASB-Landesverband Bettina Hartwig ab Dezember einen Mitarbeiter an die Seite, der das Wünschewagenprojekt unterstützt. Die Finanzierung schultern alle regionalen Gliederungen des ASB in MV gemeinsam, erklärt Landesgeschäftsführer Mathias Wähner. Und auch wenn Bettina Hartwig mit ganzem Herzen am Wünschewagen hängt, freut sie sich doch auf die Entlastung. „Manchmal würde ich mir schon ein ganzes freies Wochenende wünschen“, gesteht die zierliche 49-Jährige – erst recht, wenn sie selbst mit dem Wünschewagen unterwegs war. „Wenn wir von so einer Fahrt zurückkommen und den Wagen wieder in Bad Doberan abgeben, dann brauche ich erst mal eine halbe Stunde, um den Tag zu verarbeiten, bevor ich mich in mein Auto setzen und nach Hause fahren kann“, gesteht sie. Dass ihr Mann sich ebenfalls im Wünschewagenteam engagiert, hilft – führt aber auch dazu, dass selbst zu Hause das Thema immer wieder präsent ist. Trotzdem, so betont Bettina Hartwig, überwiegt das, was ihr die Arbeit für den Wünschewagen gibt: Sie habe durch diese Arbeit wieder mehr Demut vor dem Leben. Vor allem aber sagt sie: „Wenn man in die Gesichter der Menschen schaut, die sich darüber freuen, dass ihr Wunsch Wirklichkeit wird, dann ist alles wieder gut.“

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