Weihnachtsaktion „Wünschewagen“ : Der Joker im Team

Andreas Langberg  hat zwar von Berufs wegen häufig mit schwer kranken Menschen zu tun. Dennoch gehen ihm die Schicksale der Wünschenden nahe.
Andreas Langberg hat zwar von Berufs wegen häufig mit schwer kranken Menschen zu tun. Dennoch gehen ihm die Schicksale der Wünschenden nahe.

Andreas Langberg ist unter den inzwischen mehr als 60 Ehrenamtlern im Wünschewagenteam derjenige mit den meisten Einsätzen

Karin.jpg von
12. Dezember 2017, 06:25 Uhr

Ein kleiner Junge, dessen Traum von einer Reise in die USA sich wegen seiner Glasknochenkrankheit nur mit dem Schiff erfüllen ließ, musste nach der großen Fahrt aus England abgeholt werden: Andreas Langberg saß am Steuer. Ein Stralsunder Hospizbewohner wollte in ein Hospiz nach Leipzig umziehen, weil dort in der Nähe seine letzten Verwandten wohnten: Andreas Langberg war dabei, als der ASB-Wünschewagen möglich machte, was die Krankenkasse des Mannes abgelehnt hatte. Ein Krebskranker aus Greifswald wollte noch einmal mit den Eltern Weihnachten feiern: Andreas Langberg gehörte zu dem Team, das den jungen Mann schon vor dem 1. Advent in den Ruhrpott brachte – weil ihm vielleicht nicht mehr die Zeit bis zum Weihnachtsfest bleibt…

Niemand steuerte den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Monaten so oft wie Andreas Langberg. Denn der 50-Jährige ist 100-prozentig von dem Projekt überzeugt. Schon im vergangenen Jahr, als die spätere Koordinatorin Bettina Hartwig den Wünschewagen auf einer Messe in Güstrow vorstellte, hatte er erklärt: „Da mache ich mit.“

Inzwischen gibt es mehr als 60 Ehrenamtliche, die sich für Einsätze auf dem Wünschewagen in MV gemeldet haben. Gerade in den letzten Wochen, in denen unsere Zeitung im Rahmen der Weihnachtsspendenaktion verstärkt über das Projekt berichtet hat, sind mehrere Palliativ- und Intensivschwestern dazugekommen, die besonders gebraucht werden, freut sich Projektkoordinatorin Bettina Hartwig.

Andreas Langberg aber ist für sie ein ganz besonderer Mitstreiter. Beide haben den gleichen Humor, mit dem sie auch den anderen Mitstreitern im Team über knifflige Situationen hinweghelfen. Beide haben aber auch gleichermaßen ein Gefühl dafür, wann es besser ist zu schweigen.

Dass Andreas Langberg sich mehr als andere in die Arbeit des Wünschewagens einbringen kann, hat auch damit zu tun, dass er als Technischer Leiter des ASB in Güstrow so etwas wie der Joker im Team ist: „Weil auch mein Chef voll hinter dem Wünschewagen steht, stellt er mich frei, wenn sich ansonsten keiner für eine Fahrt bereitfindet“, erklärt Langberg. Vor allem bei sehr kurzfristig angemeldeten Wünschen und wenn die Strecke so lang ist, dass übernachtet werden muss, könne er deshalb meist einspringen.

Auch seine Lebensgefährtin und seine neunjährige Tochter würden hinter dem stehen, was er tut, betont Andreas Langberg. „Allerdings musste ich versprechen, dass ich am 24. Dezember zu Hause bin“, meint er augenzwinkernd. Seiner Tochter hätte er inzwischen alle Zeitungsbeiträge über den Wünschewagen zu lesen gegeben. „Wenn ich jetzt zu einem Einsatz aufbreche, fragt sie immer: Gehst du wieder Wünsche erfüllen, Papa?“

Er sehe von Berufs wegen jeden Tag Menschen, die lachen, weinen und oft auch Menschen, die sterben, erklärt Andreas Langberg. Es falle ihm daher auch nicht schwer, im Ehrenamt Zeit mit Menschen zu verbringen, deren Leben sich dem Ende zuneigt. Viele im Bekanntenkreis würden sagen, dass sie toll fänden, was er tut, dass sie selbst das aber nicht könnten. „Mir macht das nichts aus“, betont der ausgebildete Rettungssanitäter.

Wenig später allerdings sagt er auch das: „Meist ist es so, dass die Rückfahrt sehr ruhig verläuft. Denn auch wir müssen den Tag erst mal verarbeiten.“ Manchmal würde das Team auch noch zusammenbleiben, wenn der Wagen zurück nach Bad Doberan gebracht worden sei.

Und natürlich interessiert ihn auch, was aus den Wünschenden geworden ist, die er gefahren hat. Von dem Hospizbewohner zum Beispiel weiß er, dass er noch in der Nacht, in der er in Leipzig ankam, verstorben ist. „Aber vorher haben ihn noch sein Bruder und die Schwägerin besucht – sein Wunsch ist also in Erfüllung gegangen.“

Manchmal sind die Einsätze auch in seinem Alltag präsent. „Wir haben im Sommer zum Beispiel jemanden nach Graal-Müritz gefahren, der noch einmal die Ostsee sehen wollte. Als ich in der Woche darauf mit meiner Familie am gleichen Strandabschnitt baden war, war das schon ein komisches Gefühl“, gibt er zu.

Aber es gibt auch lustige Begebenheiten: „Wir haben gleich zu Anfang mal jemanden vom Darß abgeholt, der ins Brandenburgische gebracht werden sollte. Als wir schon auf der Autobahn waren, sagte er plötzlich: ,Können wir umdrehen? Ich wollte doch noch eine Fischsuppe essen.‘“, erinnert sich Andreas Langberg. Alle im Auto hätten gelacht – und die Fahrt fortgesetzt. „Eine Woche drauf, so hat seine Tochter uns erzählt, ist der Mann gestorben – mit einem Lächeln auf den Lippen.“

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