Wünschewagen : Ausgefallene und nicht realisierbare Wünsche

Noch einmal die alten Klassenkameraden wiedersehen: Gabriele fuhr mit dem Wünschewagen-Team zum Klassentreffen.
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Noch einmal die alten Klassenkameraden wiedersehen: Gabriele fuhr mit dem Wünschewagen-Team zum Klassentreffen.

Die häufigsten, die ausgefallensten und nicht realisierbare Wünsche: Aus dem Alltag des Wünschewagen-Teams.

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24. November 2018, 05:00 Uhr

Bettina Hartwig muss nicht lange überlegen: „Noch einmal nach Hause – das ist der häufigste Wunsch, der an uns herangetragen wird.“ Mal ist mit zu Hause ein Ort gemeint, ein anderes Mal die Familie, erzählt die Projekt-Leiterin des ASB-Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern. Mal sind es Hospiz- oder Heimbewohner, die ein letztes Mal dorthin zurückkehren möchten, wo sie, oft gleich um die Ecke, einen großen Teil ihres Lebens verbracht haben. Es sind aber auch Menschen, die einst in einem anderen Teil Deutschlands zu Hause waren und sich am Ende ihres Lebens danach sehnen, die alte Heimat wiederzusehen. Während zum Beispiel in Brandenburg solche reinen Transport- oder Verlegungsfahrten vom Wünschewagen-Team abgelehnt werden – „wir wollen und dürfen keine Konkurrenz zum Krankentransport darstellen“, begründet das der dortige Projektkoordinator Manuel Möller –, sind sie in Mecklenburg-Vorpommern möglich. „Die Auffassungen der Landesverbände gehen da auseinander – aber ich in froh darüber, wie wir es handhaben“, erklärt Bettina Hartwig. Schließlich könnten es sich die allermeisten Wünschenden finanziell gar nicht leisten, einen professionellen Krankentransport zu engagieren.

Oft sei das Nach-Hause-Fahren sowieso nur ein „Begleitwunsch“, weiß die Koordinatorin: „Wir sind mit dem Wünschenden unterwegs zu einem bestimmten Ort, den zu sehen er sich gewünscht hat. Und dann sagt er plötzlich ,Hier ganz in der Nähe war unser Garten, in dem wir im Sommer immer gewohnt haben – meinen Sie, wir können da mal rumfahren?‘ Natürlich machen wir das dann möglich.“ Denn das ist die Maxime des Wünschewagen-Teams: Wir selbst haben noch genug Zeit, aber den Wünschenden bleibt keine mehr.

Viele Menschen können leichter loslassen, wenn ihr letzter Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist – und zwar oft schon ganz kurz danach

Bettina Hartwig

 

„Viele Menschen können leichter loslassen, wenn ihr letzter Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist – und zwar oft schon ganz kurz danach“, erklärt Bettina Hartwig. Der Arbeiter-Samariter-Bund Ruhr, der bereits seit 2015 einen Wünschewagen betreibt, hat beispielsweise ermittelt, dass die meisten seiner Passagiere binnen 14 Tagen nach ihrer Wünschefahrt versterben.

Im Nordosten gibt es keine vergleichbare Statistik – auch, weil nicht gezielt danach gefragt wird, wie lange ein Wünschewagen-Fahrgast anschließend noch lebt. Manchmal erfährt das Team es aber doch – wenn Angehörige sich nach dem Tod noch einmal für die Wunscherfüllung bedanken. Oder wenn es aus einem Hospiz oder Heim häufiger Wünschefahrten gibt. „Dann kommt man im Gespräch mit den Pflegekräften meist doch darauf, wie es denjenigen geht, deren Wünsche wir schon erfüllen konnten.“

Todesfall im Wünschewagen

In einem Fall haben die Ehrenamtler sogar ganz direkt miterlebt, wie schnell ein Leben zu Ende gehen kann. Im September gab es an Bord des Wünschewagens in MV einen Todesfall – zum ersten und zum Glück einzigen Mal in Deutschland ist so etwas passiert. Und es lässt die Begleiter bis heute nicht los. „Aber es ist auf der Rückfahrt passiert. Sie hat den Leuchtturm noch gesehen“, versucht Bettina Hartwig sich und ihren Mitstreitern Mut zuzusprechen.

In den meisten Fällen sind es Hospize oder Pflegeeinrichtungen, die Wünsche anmelden. „Dass sich Privatpersonen an uns wenden, ist eher selten – aber durchaus legitim“, heißt es bei den Koordinatoren der Wünschefahrten.

Grundsätzlich wird vor jeder Fahrt ein ärztliches Attest über die Transportfähigkeit des Wünschenden eingeholt. Manchmal ist sie nicht mehr gegeben. Manchmal verschlechtert sich der Zustand auch ganz plötzlich. Unter Umständen war viel organisatorischer Aufwand umsonst, mitunter sind auch schon Kosten entstanden, die so kurzfristig nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Ostsee, Warnemünde, Boltenhagen, der Leuchtturm in Bastorf

„Bei den meisten Fahrten müssen aber vorher gar nicht so viele Dinge besorgt werden“, erzählt Bettina Hartwig. Die Ostsee, Warnemünde, Boltenhagen, der Leuchtturm in Bastorf – das alles sind häufiger gewünschte Ziele, übrigens auch in Brandenburg, wo rund die Hälfte aller Wünsche Fahrten an die Ostsee sind.

Hier beschränkt sich die Organisation oft darauf, Freiwillige zu finden, die diese Fahrten mitmachen. Bettina Hartwig verschickt dazu auf die Handys aller Ehrenamtler eine Erstinformation, um welchen Tag und um welche Zeitspanne es beim nächsten Einsatz geht. Nur wer mitfahren kann, meldet sich zurück, und nur dieser Personenkreis erfährt die Details der Fahrt.

Bei anderen Fahrten ist der organisatorische Aufwand größer. „Da sitze ich auch schon mal abends zu Hause und recherchiere im Internet, was machbar ist“, erzählt Bettina Hartwig. Beginne sie dann herumzutelefonieren, sei es manchmal ganz einfach, „weil viele Türen für uns aufgemacht werden“.

Fremde spendieren Kaffee oder Fischbrötchen

Das erleben auch die Ehrenamtler immer wieder. Schon der Anblick ihrer „Dienstkleidung“ oder des Wünschewagens selbst reicht oft aus, damit Wildfremde Hilfe anbieten: Sie spendieren Kaffee oder Fischbrötchen oder fragen an der Tankstelle oder auf dem Autobahnrastplatz, wie sie den Wünschewagen mit einer Spende unterstützen können.

Nur ganz selten gibt es flapsige Bemerkungen. „Oh, der Wünschewagen: Kann ich mir bei Ihnen auch etwas wünschen?“, ist so ein Satz. „Sicher. Wenn Sie nicht mehr lange zu leben haben“, antworte sie in solchen Fällen, erzählt Korinna Lembke, eine der Ehrenamtlichen aus dem Wünschewagen-Team in MV. Meist herrsche dann betretenes Schweigen, mancher entschuldige sich auch.

Hat sich schon einmal jemand etwas gewünscht, obwohl er gar nicht sterbenskrank war? „Wir kontrollieren das nicht“, erklärt die Projektleiterin. „Aber ich kann mir das einfach nicht vorstellen.“ Da immer ein ärztliches Attest über die Transportfähigkeit vorgelegt werden muss, sei Betrug ohnehin weitgehend ausgeschlossen.

Legitime Sehnsüchte, aber unerfüllbar

Es gab aber schon – wenn auch selten – Wünsche, die abgelehnt werden mussten. Die Nordlichter sehen oder eine dreiwöchige Aida-Kreuzfahrt machen zu wollen – das seien zwar legitime Sehnsüchte am Ende eines Lebens. „Aber sie zu erfüllen, sprengt ganz klar unser Budget“, betont Bettina Hartwig.

Der Wunsch, der ihr am nächsten gegangen ist, war übrigens einer, der kaum etwas gekostet hat: „Die Rostocker Strahlenklinik hatte für eine Patientin um Unterstützung gebeten. Die Frau wünschte sich, noch einmal Zeit mit ihrer Tochter verbringen zu können, egal wo – nur nicht in der Klinik. Wir sind dann mit den beiden ans Meer gefahren – und haben sie damit sehr, sehr glücklich gemacht.“

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