Wünschewagen : Auch Heiligabend werden letzte Wünsche wahr

Die Ehrenamtler um Projektleiterin Bettina Hartwig (vorn 2.v.l.) freuen sich über die unglaubliche Spendensumme.
Die Ehrenamtler um Projektleiterin Bettina Hartwig (vorn 2.v.l.) freuen sich über die unglaubliche Spendensumme.

Durch unsere Weihnachtsaktion hat der ASB-Wünschewagen Ehrenamtler und Spenden gewonnen – aber auch mehr zu tun.

Karin.jpg von
21. Dezember 2017, 20:55 Uhr

Ob sich auf diese Anfrage hin wohl jemand melden würde? Etwas bange war Bettina Hartwig schon, als sie am Mittwochmittag per WhatsApp-Nachricht „ihre“ Ehrenamtler vom Wünschewagenteam anschrieb. Schließlich suchte sie Freiwillige für gleich zwei Einsätze am Heiligen Abend. In beiden Fällen möchten Schwerkranke, die in Einrichtungen betreut werden und zudem nur noch in einem Spezialrollstuhl transportiert werden können, zumindest für ein oder zwei Stunden ein letztes Mal Weihnachten mit ihren Familien feiern. Doch wer möchte das nicht: Weihnachten mit seinen Liebsten zusammen sein…

Als sich am Mittwochabend ein Teil des Wünschewagenteams zum symbolischen Abschluss unserer Weihnachtsspendenaktion im Schweriner medienhaus:nord versammelte, wurde jedoch schnell klar: Es gibt Menschen, die die eigene Familie zurückstellen, wenn sie dadurch anderen einen letzten Wunsch erfüllen können.

Katrin Ender zum Beispiel. „Feiern kann ich auch an jedem anderen Tag“, meint die 48-Jährige, die am 24. Dezember gleich zweimal Grund hätte, es sich gut gehen zu lassen, denn es ist zugleich ihr Geburtstag. Trotzdem hat sich Katrin Ender, die hauptamtlich beim ASB Bad Doberan arbeitet, freiwillig für eine der beiden Wünschewagenfahrten am Heiligen Abend gemeldet. „Ich hab noch viel Zeit, unsere Wünschenden nicht mehr“, erklärt sie. Dazu kommt, dass ihre Tochter, die auch kurz vor Weihnachten Geburtstag hat, auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet und deshalb nicht zu Hause sein kann. „Da verschieben wir die Feier also auf einen Termin, der uns besser passt“, meint Katrin Ender.

Ehrenamtler wie sie sind es, die dem Wünschewagen ein Herz und eine Seele geben. Etwas mehr als 50 waren es, als vor einem Monat unsere Weihnachtsspendenaktion begann. „Inzwischen stapeln sich bei mir auf dem Schreibtisch die Bögen weiterer Interessenten“, freut sich Bettina Hartwig, die beim Landesverband des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Rostock das Wünschewagen-Projekt leitet. Vor allem Intensiv- und Palliativschwestern hätten sich gemeldet, nachdem wir geschrieben hatten, dass das Team noch Verstärkung mit entsprechender Ausbildung braucht.

Doch nicht nur diesen Effekt hatte unsere gemeinsame Aktion. Auch die Zahl der Wunschanfragen schnellte in der letzten Zeit nach oben. So standen Anfang Dezember in einer Woche gleich fünf Wunscherfüllungen an – sicherlich das Maximum dessen, was das Team der Ehrenamtler zu leisten in der Lage ist.

All das war nicht absehbar, als im September in der Redaktion die Idee der diesjährigen Weihnachtsspendenaktion geboren wurde. Damals hatten wir zum ersten Mal eine Fahrt des Wünschewagens begleitet und von Bettina Hartwig erfahren, dass sich das Projekt ausschließlich über ehrenamtliches Engagement und über Spenden und Sponsorengelder finanziert. Doch wie, so fragte die engagierte Projektleiterin damals, sollte sie diese Gelder einwerben – eine halbe Stelle reichte dafür bei Weitem nicht aus.

Inzwischen hat ihr der ASB einen Mitarbeiter an die Seite gestellt, dessen Stelle durch die Orts- und Kreisverbände finanziert wird. Und dank unserer Spendenaktion dürfte nun die Finanzierung des Wünschewagens über das kommende Jahr hinaus gesichert sein. Andere Landesverbände, die schon länger einen Wünschewagen betreiben, veranschlagen pro Jahr 70 000 Euro dafür, so Bettina Hartwig.

Sie musste nicht nur eine Träne wegblinzeln, als sie am Mittwochabend den symbolischen Scheck über die bisherige Spendensumme von 106 154,82 Euro entgegennahm – und ganz viele dankende Worte, auch von ihren Mitstreitern im Wünschewagen-Team. Denn Bettina Hartwig hat nicht nur stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Ehrenamtler. Wenn niemand anders Zeit hat, setzt sie sich ganz selbstverständlich selbst ans Steuer des Wünschewagens. Auch am 24. Dezember werden sie und ihr Mann eine der beiden angemeldeten Wünschefahrten übernehmen.

Das ist für sie ebenso selbstverständlich wie für die Rostocker Altenpflegerin Silke Frank. Sie hat am 24. Dezember bis 13 Uhr Dienst im Pflegeheim und wird ab 13.30 Uhr in den Wünschewagen steigen. „Ich kenne es nicht anders, als entweder Weihnachten oder Silvester zu arbeiten“, erzählt sie – auch der erste und zweite Feiertag werden für sie ganz reguläre Arbeitstage sein. Ihr Lebensgefährte hätte Verständnis dafür. Und die Kinder in Oranienburg sehe sie dann eben zu Silvester.

Aus ihrer Arbeit im Heim weiß Silke Frank auch, wie wichtig vielen die Erfüllung eines letzten Wunsches ist – und dass sie anschließend endlich loslassen können. Dazu kommt: Während im Heim leider nicht die Zeit bleibe, jemanden in den Arm zu nehmen oder einfach mal eine Stunde lang zuzuhören, sei das alles im Wünschewagen ganz selbstverständlich. „Allein deshalb lohnt es sich, auch Weihnachten mit dem Wünschewagen unterwegs zu sein“, meint Silke Frank.

Alle Beiträge über unsere Spendenaktion unter www.svz.de/wuenschewagen

Wiedersehen als Draufgabe

Solche Geschichten schreibt nur das Leben: Am Sonnabend berichteten wir über die Wünschefahrt der 82-jährigen Eva Witt aus Bad Doberan, die unbedingt einmal „Holiday on Ice“ erleben wollte. Der Beitrag verbreitete sich auch im Internet – und erreichte so auch den Enkel von Frau Witt. Er habe, so schrieb er uns, seit dem Tod seiner Mutter keinen Kontakt mehr zur Oma gehabt. Das möchte er nun ändern.

Nicole Steinicke, die der Seniorin diese Nachricht überbrachte, betreut Eva Witt seit anderthalb Jahren als freiberufliche Palliativschwester. Ihr hatte Frau Witt von ihrem Enkel erzählt, den sie wohl schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

„Als ich ihr sagte, dass er sich gemeldet hat, war sie überglücklich“, erzählte uns Nicole Steinicke gestern am Telefon. Frau Witt hätte sich erst sammeln müssen, wollte ihren Enkel dann aber umgehend anrufen. Und vielleicht gibt es schon zu Weihnachten ein Wiedersehen…

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