Spendenaktion Wünschewagen : Einmal auf den Berliner Fernsehturm: Ein Kindheitstraum als letzter Wunsch

 
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Klaus Hahn hat einst Gebäude wie das Kanzleramt mitgebaut. Jetzt brachte der Wünschewagen den Schwerkranken zurück nach Berlin – und auf den Fernsehturm.

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28. November 2019, 19:57 Uhr

In der Dämmerung leuchtet ein Ausflugsdampfer in blauem Licht. Das Brandenburger Tor sticht erhaben hervor. In der Sichtachse ragt die Siegessäule empor. „Schau mal, da ist die Charité“, sagt Klaus Hahn zu seiner Tochter und deutet auf ein Hochhaus, dessen Obergeschoss großflächig angestrahlt ist. Madleen Hahn hat sich bei ihrem Vater angelehnt. Gemeinsam genießen die beiden aus 207 Metern Höhe den Ausblick auf das funkelnde Berlin, vergessen für diesen Augenblick Kummer und Schmerz. Zweimal pro Stunde dreht sich das Fernsehturm-Restaurant um diese Zeit um seine Achse. Auf der höchsten Stadtrundfahrt Deutschlands führt Klaus Hahn seine Tochter durch die Metropole. Eine Stadt, dessen Antlitz er als Fassadenbauer ein Stück mitgeprägt hat.

 
Volker Bohlmann
 

Zum Beispiel die Reichstagskuppel, die jetzt in die langsam einsetzende Dunkelheit gleitet. Oder das Quartier 30 am Gendarmenmarkt. Oder das Kanzleramt an der Spree. „Merkels Häuschen am See“, scherzt Klaus Hahn. Aluminium, viel Glas, hochwertige Baumaterialien, teilweise kugelsicher. „Das war eine Heidenarbeit“, erinnert sich der 61-Jährige. Alles Großprojekte, die der gebürtige Greifswalder einst mitgestaltet, aber nie fertig gesehen hat. „Wenn mein Teil der Arbeit an einer Baustelle beendet war, ging es immer gleich zur nächsten.“

Ein Besuch in der Stätte seines Wirkens

Das will er jetzt nachholen. Es ist sein letzter Wunsch. „Ich möchte die Gebäude noch einmal sehen und meiner Tochter zeigen“, sagt der schwerkranke Mann. Und es geht um die Erfüllung eines Kindheitstraums. „Mit meinen Eltern war ich als kleiner Junge auf der Panoramaebene des Berliner Fernsehturms. Damals habe ich mir vorgenommen,  später mal  im Drehrestaurant zu essen.“ Diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen – das hat er während seiner beruflichen Jahre in Berlin nie geschafft. Jetzt hilft ihm der Wünschewagen des ASB dabei, dass er das doch noch einmal erleben kann.

Erst drei Wochen zuvor hat eine Diagnose den Gützkower jäh aus der Bahn geworfen. Die Ärzte entdeckten einen zehn Zentimeter großen Tumor in seiner Leber. Sein Gesundheitszustand war schlagartig so kritisch, dass er schon einen Tag nach dem Krankenhausaufenthalt in das Greifswalder Hospiz zog. „Dort arbeiten Menschen, die einen so liebevoll auf dem letzten Weg begleiten, dass man das nur ganz hoch schätzen kann“, betont er. Und nicht nur das. Das Hospiz-Team machte ihn auch auf die Möglichkeit aufmerksam, mit dem Wünschewagen medizinisch sicher betreut noch einmal an die Stätte seines Wirkens zurückzukehren.

In der Nacht vor dem Ausflug hat er kaum geschlafen, wie er sagt. Zu groß war die Aufregung. Die Vorfreude hat aber auch seine Kräfte mobilisiert. Er fühlt sich gut an diesem Tag.

Start in Greifswald: Die Ehrenamtler Frank Pech und Korinna Lembke (r.) begleiten Klaus Hahn zum Wünschewagen.
Volker Bohlmann

Start in Greifswald: Die Ehrenamtler Frank Pech und Korinna Lembke (r.) begleiten Klaus Hahn zum Wünschewagen.

Auf der Fahrt nach Berlin erzählt er aus seinem Berufsleben. Nach der Wende beschließt der gelernte Schlosser, etwas Neues zu wagen. Der Fassadenbau und die Arbeit mit Materialien wie Aluminium, Glas, Keramik oder Marmor hätten ihn schon immer fasziniert, so Klaus Hahn. „Man hat einen Betonblock vor sich und kann etwas Interessantes davor setzen.“

Er heuert im Laufe der Zeit bei verschiedenen Baufirmen an,  qualifiziert sich weiter, arbeitet sich hoch, wird zunehmend als Polier eingesetzt. Seine erste Baustelle in Berlin ist eine Unternehmenszentrale hinter dem Roten Rathaus am Rolandufer.

Berlin am Abend: das Rote Rathaus
Volker Bohlmann

Berlin am Abend: das Rote Rathaus

Es folgt Großprojekt auf Großprojekt. Auch am Hauptbahnhof wirkt er mit. „Das war eine spannende Zeit – und die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht“, berichtet Klaus Hahn. Zwischendurch zieht es ihn ins Ausland. Holland, Portugal, Spanien, Frankreich, England und die Schweiz: Hahn kommt viel herum, ist dabei, wenn Fassaden für Einkaufszentren oder Bankgebäude entstehen.

Zwei Herzinfarkte zwingen ihn schließlich dazu, kürzer zu treten. Er schult noch einmal zum Sozialarbeiter um. Eine Arbeit, die ihm Freude macht. Doch seine Baustellenzeit in Berlin bleibt für ihn etwas ganz Besonderes. Es ist die Stadt, die sich ständig wandelt – und in der er doch etwas Dauerhaftes mitgestalten durfte.

Als sich der Wünschewagen dem Stadtzentrum nähert, verfolgen seine Augen jeden Straßenzug. Von seiner Liege aus kann er durch die verspiegelten Fenster alles sehen. Den Dom, die Stelle, an der einst der Palast der Republik stand, die Museumsinsel.

Es ist schon ein erhebendes Gefühl, wieder mal hier zu sein. Klaus Hahn

Klaus Hahns Tochter drückt seine Hand und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. Die 39-Jährige weiß, was diese Fahrt für ihren Vater bedeutet. „Ich bin froh, dass wir das gemeinsam erleben können“, sagt sie.

Ehrenamtliche Helfer mit Herz

Korinna Lembke vom Wünschewagen-Team steuert den großen Transporter gelassen durch das Verkehrsbaustellen-Chaos der Hauptstadt. Die 41-jährige Leiterin des Johanniter-Seniorenhauses in Bad Doberan hat sich den Tag gern für diese Fahrt freigeschaufelt. Was sie antreibt? „Das Leuchten in den Augen der Menschen.“ Ihr Ehrenamtskollege an diesem Tag ist Frank Pech aus Rerik. Der 69-Jährige war früher Rettungsassistent beim DRK und steht im Ruhestand immer wieder für Wünschewagenfahrten zur Verfügung. „Wenn es einem selbst gut geht, dann kann man doch etwas abgeben“, meint er.

Nahe dem Brandenburger Tor helfen die beiden Klaus Hahn aus dem Wagen und schieben ihn mit seinem Rollstuhl erst Richtung Reichstagskuppel und dann durch das historische Bauwerk mit der Quadriga hindurch.

 
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Er wollte so gern noch einmal das Tor und die Prachtstraße mit ihrer spannenden Architektur sehen. „Das ist  traumhaft, überwältigend“, sagt er mit dankbarem Blick zu den beiden Wünschewagen-Helfern. „Unter den Linden" legt die Gruppe eine kleine Pause ein.

 
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Dann geht es zum Fernsehturm. Den Rollstuhl muss Klaus Hahn allerdings am Eingang verlassen. Wegen der baulichen Gegebenheiten ist das höchste Bauwerk Deutschlands für Menschen mit Gehbehinderung nicht zugänglich. Korinna Lembke und Frank Pech haken den 61-Jährigen unter, versichern dem Personal, dass er aber auch noch allein gehen könne.

 
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Das stimmt zwar, doch bis zum Fahrstuhl müssen zwei lange Treppen bewältigt werden – und vom Fahrstuhl noch einmal ein Aufgang zum Restaurant. Ein großer Kraftakt für den kranken Mann. Immer wieder muss er pausieren. Doch er beißt die Zähne zusammen und kämpft. Stufe um Stufe. Bis er sein Ziel erreicht hat. Und es lohnt sich. Zwei Stunden lang genießt er den Ausblick und das Essen, dann geht es wieder runter.

 
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Noch ein kurzer Abstecher mit dem Wünschewagen zum Kanzleramt, dann kann er sich auf der Rückreise ausruhen.

Zum Abschied am späten Abend nimmt er Korinna Lembke und Frank Pech in den Arm und bedankt sich noch einmal  für das einzigartige Erlebnis. Er wollte eine ganz besondere Erinnerung für seine Tochter schaffen. Eine Erinnerung, die bleibt, wenn er nicht mehr da sein sollte. Und er weiß, dass ihm das an diesem Tag gelungen ist – mit Hilfe des Wünschewagens.

>> Hier finden Sie weitere Informationen rund um den Wünschewagen

Wünschewagen: So können Sie helfen

Der Arbeiter-Samariter-Bund erfüllt mit dem Wünschewagen Menschen jeden Alters ihren letzten Wunsch: Noch einmal das Meer sehen. Dorthin fahren, wo man die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Ein letztes Mal mit der Familie Kaffee trinken… Damit diese Wünsche wahr werden können, braucht das Projekt finanzielle Unterstützung.

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00, Stichwort „Medienkooperation Wünschewagen“

ASB-LV Brandenburg e.V.
IBAN: DE49 100 20 50 0000 3545 401

Wunschanmeldungen:
www.wuenschewagen-mv.de
www.asb-lv-bbg.de/wuenschewagen

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