Wünschewagen : Zurück an den Orten der Kindheit

Alle vier Kinder machen die Wünschewagenfahrt in die Vergangenheit mit: Waltraud Schröder (vorn) mit ihren Kindern Wolfgang, Sabine, Diana und André (hinten von links nach rechts).
Alle vier Kinder machen die Wünschewagenfahrt in die Vergangenheit mit: Waltraud Schröder (vorn) mit ihren Kindern Wolfgang, Sabine, Diana und André (hinten von links nach rechts).

Der Wünschewagen hat Waltraud Schröder noch einmal in den Fläming gebracht – und tatsächlich kehrten verschüttet geglaubte Erinnerungen zurück.

Karin.jpg von
28. Dezember 2019, 16:00 Uhr

Das Schicksal hat es in den letzten Monaten nicht gut gemeint mit Waltraud Schröder. Als wäre eine Demenzerkrankung nicht schon schlimm genug, kamen auch noch eine Lungenentzündung und vermutlich gleich mehrere Schlaganfälle dazu. Seit April dieses Jahres ist die 84-Jährige deshalb halbseitig gelähmt. Auch ihr Sprachzentrum ist schwer geschädigt worden, sie kann sich seitdem nur noch unter größten Mühen und auch dann mehr schlecht als recht mit anderen Menschen verständigen.

„Und dabei ist sie doch so eine Liebe“, sagt Susi Jerke, die Waltraud Schröder seit beinahe drei Jahren in einer ambulanten Wohngruppe in Güstrow betreut. „Noch vor einem Jahr war sie morgens immer die erste auf den Beinen, ist rumgelaufen wie kaum eine andere Bewohnerin. Meist war sie schon früh um halb fünf wach und ist dann erst mal in die Wanne gegangen. Natürlich kam sie da noch allein rein und raus. Und dann hat sie sich ihre Kittelschürze übergezogen und hat angefangen zu putzen…“

Warm genug? Susi Jerke (links) betreut die alte Dame sonst in ihrer Wohngruppe.
Karin Koslik
Warm genug? Susi Jerke (links) betreut die alte Dame sonst in ihrer Wohngruppe.
 

Heute kann man sich das nur noch schwer vorstellen. Waltraud Schröder kann keinen Schritt mehr allein tun. Sie muss angezogen und gefüttert werden, braucht bei den einfachsten Dingen Hilfe. In der Wohngruppe, in der sei einst für Frohsinn sorgte, hat sie inzwischen kaum noch Kontakte. Das schmerzt ihre vier Kinder, die Pflegekräfte – und obwohl sie es nicht mehr ausdrücken kann, bestimmt auch sie selbst.

Noch einmal zum Geburtshaus

Wie kann man da helfen, was tun, damit Waltraud Schröder noch einmal ein paar schöne Momente erlebt, bevor das Jahr zu Ende geht?

Als Susi Jerke den beiden Töchtern der Seniorin davon erzählte, dass sie einen Teil ihrer Freizeit im ASB-Wünschewagen verbringt, kamen die auf die Idee, noch einmal mit ihrer Mutter an die Orte ihrer Kindheit zu reisen – in das kleine Dorf Jeserig im Fläming. Nicht nur Waltraud Schröder selbst ist dort aufgewachsen, auch drei ihrer vier Kinder wurden im Brandenburgischen geboren. Und noch immer gibt es dort Verwandte. Vielleicht, so die Hoffnung der Töchter, würde es ein Wiedererkennen geben, wenn ihre Mutter die Cousinen und ihre Familien vor Ort treffen und mit ihnen gemeinsam noch einmal ihr Geburtshaus besuchen würde.

In diesem Haus in Jeserig ist Waltraud Schröder aufgewachsen. Und sie hat es trotz Umbauten wiedererkannt.
Karin Koslik
In diesem Haus in Jeserig ist Waltraud Schröder aufgewachsen. Und sie hat es trotz Umbauten wiedererkannt.
 

„Wir sind vor drei Jahren zum letzten Mal mit der ganzen Familie da gewesen“, erzählt Sabine Schaerbarth, die ältere der Töchter, während der Wünschewagen auf dem Berliner Ring seinem Ziel entgegenrollt und sie die Hand ihrer Mutter hält. Damals sei die Mutti noch fit gewesen, hätte alle zum Essen eingeladen, erinnert sich die Schwerinerin. Jetzt muss Waltraud Schröder liegend transportiert werden, mag nicht einmal aus dem Fenster schauen, weil es sie zu sehr anstrengt, wenn ihr Oberkörper längere Zeit aufgerichtet ist. Aber auch schlafen mag sie nicht. „Sie ist doch ganz schön aufgeregt“, weiß Susi Jerke, die das an den Augenbewegungen erkennt.

Ein Treffen mit den Verwandten

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt endlich am Zielort angekommen, heben Matthias Hildebrandt und Rolf Radowitz, die sich an diesem Tag am Steuer des Wünschewagens abwechseln, die Seniorin in ihren schweren Rollstuhl. In einem kleinen Hotel am Ortsrand von Jeserig werden Waltraud Schröder und das Wünschewagenteam schon erwartet. Die beiden Söhne Wolfgang Brude und André Schröder, Tochter Diana und Schwiegersohn Torsten Schultz sowie Wolfgang Brudes Tochter sind mit dem eigenen Wagen aus Güstrow vorausgefahren.

Zusammen mit den Brandenburger Verwandten sitzen sie bereits an einer langen Tafel. Und tatsächlich erkennt die Seniorin auch einige derjenigen, die sie nicht ständig sieht: „Jürgen“, sagt sie ganz deutlich. Als Tochter Diana den Namen Kalli nennt, schaut sie immerhin in die richtige Richtung.

Während am Tisch lebhaft über die neuesten Entwicklungen im Dorf debattiert wird, schweigt Waltraud Schröder die meiste Zeit. Auf dem Stuhl neben ihr nehmen abwechselnd ihre Verwandten Platz. Viele halten einfach nur für ein paar Minuten ihre Hand, andere streicheln ihren Arm.

Dann geht es los zum Dorfspaziergang. Jeserig ist klein, hat nur um die 200 Einwohner. Zu beinahe jedem Haus, zu fast jeder Familie fallen Waltraud Schröders Kindern Geschichten ein. Denn auch nachdem ihre Eltern nach Güstrow gezogen waren, verbrachten sie hier bei der Oma fast alle Ferien. Sabine Schaerbarth erinnert sich noch genau daran, wie sie zum ersten Mal mit dem Zug bis nach Belzig gefahren war.

Gemeinsames Schwelgen in Erinnerungen

Und Diana Schultz, die als jüngste von den vier Kindern 1967 in Güstrow geboren wurde, erkennt ein Haus wieder, dessen Besitzer schon zu DDR-Zeiten einen Pool hatten – ein damals schier unvorstellbarer Luxus. Zumal es in Jeserig zum Baden den See gibt. Außenstehende würden das nicht einmal 1,5 Hektar große Gewässer wohl nur einen Dorfteich nennen. Aber Waltraud Schröders Augen leuchten auf, als Rolf Radowitz ihren Rollstuhl über die holprige Wiese auf das Ufer zuschiebt: „Da habe ich gebadet“, sagt sie ganz laut und strahlt – und alle drumherum strahlen auch.

Ihr etwas oberhalb des Sees gelegenes Elternhaus erkennt die alte Dame ebenfalls wieder – obwohl die heutigen Besitzer viel daran verändert haben. Nebenan sind Berliner eingezogen, wie auch in andere zwischenzeitlich leerstehende Häuser im Dorf, erzählen Waltraud Schröders Cousinen Annemarie Ruhnke und Christa Palußek. Und alle zusammen lachen über Diana Schultz Erinnerungen an Besuche mit der Oma auf dem nahegelegenen Friedhof, bei denen man immer eine Harke hinter sich herziehen musste, um die eigenen Spuren zu tilgen.

Ein sehr schöner Tag

Nach drei Stunden ist Waltraud Schröder von den vielen alten und neuen Eindrücken restlos erschöpft. Vorsichtig betten die Ehrenamtler sie im Wünschewagen wieder auf die Trage. „Schlaf ein bisschen“, flüstert ihr Susi Jerke zu, und Sabine Schaerbarth greift wie auf dem Hinweg nach der Hand ihrer Mutter. Doch die schaut nur mit großen Augen zum Sternenhimmel an der Decke des Wünschewagens hinauf, blinzelt hin und wieder – und lächelt.

In der Güstrower WG wartet Tochter Diana schon, will zusammen mit ihrer Schwester die Mutti bettfertig machen. Auch Susi Jerke zieht noch mal ihre Jacke aus und packt mit an – obwohl dies ihr freier Tag ist. Als die Männer sich verabschieden, um den Wünschewagen zurück nach Bad Doberan zu bringen, geht noch einmal ein Ruck durch den Körper der alten Frau. Und dann sagt sie einen Satz, den alle ganz deutlich verstehen: „Das war ein sehr schöner Tag.“

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