Spendenaktion für den ASB-Wünschewagen : Machs gut, Udo!

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Nach fünf Wochen ist unsere Spendenaktion für den ASB-Wünschewagen zu Ende gegangen – Zeit für einen ganz persönlichen Rückblick

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22. Dezember 2018, 16:00 Uhr

„Sag Udo zu mir, Mädchen. Ich hab das nicht so mit der Siezerei.“ Vielleicht waren es diese beiden Sätze, die mir Udo Dankert und sein Schicksal bei den Recherchen für unsere diesjährige Weihnachtsspendenaktion besonders nahe gehen ließen. Denn per Du kommt man sich nun einmal näher, erzählt vielleicht auch das Eine oder Andere, das beim distanzierten Sie ungesagt bleibt.

Für immer Hansa-Fan

Udo hatte viel zu erzählen an jenem Abend, an dem „sein“ FC Hansa zu Hause im DFB-Pokal gegen Nürnberg spielte. Unbedingt wollte der Rostocker, der zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Monaten im Hospiz lebte, die Elf noch einmal spielen sehen. Schließlich war er von Kindesbeinen an Hansa-Fan. Unterwegs und in den Pausen erzählte der 57-Jährige mir von den Aufs und Abs in seinem Leben. Dass er selbst auch jahrelang einen Rettungswagen gesteuert hatte. Dass ein Herzinfarkt und seine Folgen ihn aus der Bahn warfen, als er gerade 43 war. Er erzählte von Menschen, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Und von seinen Plänen: Udo wollte so gerne noch einmal in eine eigene Wohnung ziehen. Nicht in die alte, die nur über Treppen zu erreichen war, sondern in eine altersgerechte mit Betreuung.

So überzeugt war er davon, das zu schaffen, so stark wirkte er in diesem Moment, dass mich die Nachricht wie ein Schlag traf: Nur eine Woche nach seiner Wünschewagenfahrt ist Udo Dankert für immer eingeschlafen.

Jede Tour eine emotionale Herausforderung

Erinnerungen wie diese, aber auch der Rückblick auf viele schöne Momente bestimmten am späten Donnerstagnachmittag die Zusammenkunft zum Abschluss unserer Weihnachtsspendenaktion. Denn nicht nur für die rund 80 Ehrenamtler, die in ihrer Freizeit die Wünschewagenfahrten in Mecklenburg-Vorpommern begleiten, ist jede einzelne Tour eine neue, emotionale Herausforderung, sondern auch für unser Reporterteam. Gleich mehrfach mussten wir miterleben, wie Fahrten im allerletzten Moment abgesagt wurden: Der Gesundheitszustand der Wünschenden ließ sie einfach nicht mehr zu.

Eine Greifswalder Hospizbewohnerin, die mir noch drei Tage zuvor am Telefon erzählt hatte, wie sehr sie sich darauf freute, nach Hamburg ins Musical „Mary Poppins“ zu fahren, verstarb genau an dem Tag, an dem ihre Wünschefahrt geplant war. Eine andere Hospitzbewohnerin sprang ein und „übernahm“ den Wunsch. Von diesem Abend sind mir vor allem Liesbeth Glawes glänzende Augen in Erinnerung geblieben, mit denen sie zum ersten Mal in ihrem 83-jährigen Leben ein Musicaltheater bestaunte. Und die Bilder, die das Wünschewagenteam am nächsten Tag, als die Videofilmer und ich schon lange wieder zu Hause waren, nachreichten: Sie zeigten eine glückliche alte Dame inmitten ihrer „Beschützer“ vor der Davidswache auf der Reeperbahn. Niemand, der sie so sah, hätte geglaubt, dass sie an einem inoperablen Tumor litt.

 

Heute, Wochen später, lässt mich die Frage nicht los, ob Liesbeth Glawe wohl noch am Leben ist. Gewiss, ASB-Projektkoordinatorin Bettina Hartwig hat mir erklärt, dass es zu den ungeschriebenen Gesetzen des Wünschewagens gehört, diese Fragen nicht zu stellen. Doch aus Gesprächen mit mehreren der Rettungssanitäter, Krankenschwestern, Altenpfleger und anderen Ehrenamtler, die häufiger mit dem Wünschewagen unterwegs sind, weiß ich: Auch sie lässt diese Frage oft nicht los – obwohl sie Profis sind. Und mancher nutzt die nächste Fahrt, die von einer bestimmten Einrichtung aus startet, um sich dort doch vorsichtig nach einem früheren Wünschewagen-Fahrgast zu erkundigen.

Keine Fahrt endet ohne ein riesengroßes Dankeschön

Dennoch sind sich alle einig: Wunscherfüller zu sein ist ungeheuer bereichernd – und befriedigend. Denn keine Fahrt endet ohne ein riesengroßes Dankeschön. Dieses positive Gefühl haben offenbar auch unsere Beiträge vermittelt, denn im Aktionszeitraum ist nicht nur ein Betrag von bislang 118 351 Euro für die ASB-Wünschewagen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zusammengekommen. Es haben sich auch mehr als zehn neue Ehrenamtler – alle aus medizinischen Berufen – allein für das Wünschewagenteam in MV gemeldet. Nicht nur darüber freuen sich Projektkoordinatorin Bettina Hartwig und ASB-Landesgeschäftsführer Mathias Wähner sehr. Die gemeinsame Aktion mit den Zeitungen unseres Verlages hat auch dazu beigetragen, den Wünschewagen insgesamt bekannter zu machen. Eine ganze Reihe von Firmen und Institutionen hat innerhalb, aber auch unabhängig von unserer gemeinsamen Aktion jetzt in der Vorweihnachtszeit für den Wünschewagen gespendet.

Weiterlesen: 118 351 Euro: Danke für Ihre Spenden!

Bettina Hartwig fällt damit ein Stein vom Herzen. Auch fürs kommende Jahr sind durch die üppigen Zuwendungen sowohl der Betrieb des Wünschewagens als auch die Kreditrückzahlung an den ASB-Bundesverband gewährleistet. Er hatte mit einem Darlehen die Anschaffung des Spezialfahrzeugs überhaupt erst ermöglicht.

Unsere gemeinsame Aktion hätte „richtig, richtig Spaß gemacht“, meinte Bettina Hartwig am Donnerstag. Dabei hatte sie die wohl schwerste Aufgabe zu bewältigen: Sie musste die heikle Frage stellen, ob Menschen am Ende ihres Lebens damit einverstanden waren, ein Stück Privatspähre aufzugeben und sich von einem oder mehreren Journalisten begleiten zu lassen. Wer zusagte, wollte damit zumeist Dank sagen an die ihm bis dahin völlig unbekanten Helfer.

„Es war besser, dass Sie nicht mit dabei waren.“

Aber natürlich hatte längst nicht jeder die Kraft dazu – die unheilbar kranke Frau zum Beispiel, die ihre Kinder noch einmal in der Pflegefamilie sehen wollte, in der sie aufwachsen werden, wenn ihre Mutter nicht mehr am Leben sein wird. Diese Fahrt zu begleiten war auch für „einsatzerprobte“ Ehrenamtler wie René Herberg-Noack und Nicole Steinicke eine echte Herausforderung, erzählten beide im Nachhinein. Und meinten: „Es war besser, dass Sie nicht mit dabei waren.“

Tatsächlich weiß ich nicht, wie ich solch eine Fahrt verkraftet hätte. Ich hatte schon zu kämpfen, als ich am Montag die letzte Wünschewagenfahrt dieses Jahres begleitete und im Rostocker Hospiz plötzlich vor der Tür stand, hinter der einmal Udo Dankert wohnte. Inzwischen steht an dieser Tür ein mir unbekannter Name. Vielleicht gab es in dem Zimmer seither sogar schon mehrere andere Bewohner. Wie auch immer: Ich hoffe, dass auch ihre letzten Wünsche noch in Erfüllung gehen.

Machs gut, Udo!

Spendenkonto: Helfen Sie mit

Mit der diesjährigen Weihnachtsspendenaktion unterstützt die SVZ erneut den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), der seit eineinhalb Jahren in Mecklenburg-Vorpommern und bereits seit 2016 in Brandenburg unterwegs ist. Ein Team von Ehrenamtlern erfüllt schwerstkranken Menschen in der letzten Phase ihres Lebens Wünsche, die für Außenstehende oft vergleichsweise klein sind: Noch einmal das Meer sehen. Noch einmal einen Menschen treffen, der im Leben eine wichtige Rolle spielte. Noch einmal den Lieblingsverein oder den Lieblingskünstler erleben.

Mit Ihrer Spende helfen Sie, solche Wünsche wahr werden zu lassen:

ASB-Landesverband MV e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE82 1002 0500 0001 4951 00
BIC: BFSWDE33BER, Stichwort „Weihnachtsaktion Wünschewagen“

Wünschen Sie eine Spendenquittung, schreiben Sie bitte Adresse und Namen in den Verwendungszweck. Vermerken Sie auch „Veröffentlichung erlaubt“, wenn Sie einverstanden sind, dass Sie in der Zeitung als Spender genannt werden.

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