Spendenaktion Wünschewagen : Hansa forever - auch in den letzen Lebenstagen

Volle Konzentration: Udo Dankert beim Pokalspiel „seiner“ Hansa-Elf
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Volle Konzentration: Udo Dankert beim Pokalspiel „seiner“ Hansa-Elf

Udo Dankert wollte „seine“ Elf noch einmal anfeuern. Letztlich sah er sogar zwei Spiele. Eine Woche später ist er dann für immer eingeschlafen.

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04. Dezember 2018, 11:45 Uhr

Es gibt Spiele, die auch ein eingefleischter Fußballfan am liebsten sofort wieder vergisst. Hansa Rostock gegen Preußen Münster war so ein Spiel, bei dem die Gastgeber mit 1:4 untergingen.

Ausgerechnet diese Begegnung Ende September hatte sich das Team des ASB-Wünschewagens, dem unsere diesjährige Weihnachtsspendenaktion gilt, ausgesucht, um Udo Dankert seinen Wunsch zu erfüllen. Von Kindesbeinen an war der 57-Jährige Hansa-Fan, jahrelang traf man ihn bei so gut wie jedem Heimspiel im Ostseestadion. Doch dann ging es mit seiner Gesundheit abwärts. Seit April lebte er im Rostocker Hospiz. In den wenigen Monaten, die ihm nur noch blieben, wollte Udo Dankert seine Mannschaft unbedingt noch einmal live erleben. Dass das auch mit einer Niederlage enden konnte, war ihm vorher klar. Aber dass es dann so dicke kommen musste…

Einfach nur glücklich: Udo Dankert beim Pokalspiel „seiner“ Hansa-Elf
Foto: karin koslik
Einfach nur glücklich: Udo Dankert beim Pokalspiel „seiner“ Hansa-Elf
 

„Als in der 90. Minute das letzte Tor für Münster fiel, hatten wir uns mit Udo und seinem Rollstuhl schon auf den Rückweg gemacht, um vor dem großen Gedränge zurück zum Auto zu kommen“, erinnert sich Korinna Lembke noch genau. Sie hatte sich zusammen mit Maik Haase für den Wünschewagen-Einsatz an diesem Abend gemeldet. „Udo gab sich zwar große Mühe, das zu verbergen, aber er war doch sehr niedergeschlagen.“

Irgendwann auf dem Rückweg sprachen die beiden Ehrenamtler dann davon, dass sie demnächst vielleicht schon wieder zu einem Hansa-Spiel fahren würden: Ein junger Mann, den der Wünschewagen bereits zu einer Delphin-Therapie nach Nürnberg gebracht hatte, wünschte sich nämlich, das Pokalspiel der Rostocker gegen den Club mitzuerleben.

„Wenn das klappt, dann nehmen wir dich auch mit.“ An diesen Satz, mit dem ihn die Wünschewagen-Besatzung wieder aufrichten wollte, erinnerte sich Udo Dankert in den darauf folgenden Wochen täglich. Und vorsorglich meldete er sich für den Abend des Reformationstages, an dem das Spiel angesetzt war, schon mal im Hospiz ab.

Zweiter Besuch im Ostseestadion stand auf der Kippe

Wünschewagen-Projektleiterin Bettina Hartwig ahnte davon allerdings nichts. Dafür erfuhr sie schon früh, dass der angemeldete potenzielle Fahrgast zum Pokalspiel die damit verbundenen Strapazen nicht mehr verkraften würde – und kümmerte sich deshalb auch gar nicht erst um Karten. Für den Reformationstag stand so nur noch eine Fahrt in den Rostocker Zoo auf dem Wünschewagen-Fahrplan. Doch einen Tag vorher gab das Rostocker Hospiz Bescheid, dass auch die ausfallen müsste – dem Wünschenden ginge es inzwischen zu schlecht. „Aber wir sehen uns ja trotzdem, wenn ihr Herrn Dankert abends abholt…“

Herrn Dankert? Das Angebot, ihn noch einmal mit ins Ostseestadion zu nehmen, hatten alle aus den Augen verloren. Aber es gehört zur Philosophie des Wünschewagens, in jedem Fall alles zu tun, um Wünsche, die womöglich die letzten sind, wahr werden zu lassen. Jeder, der jemanden kannte, der jemanden kennen könnte, der Karten für die längst ausverkaufte Partie besorgen könnte, wurde angerufen. Und tatsächlich erklärte sich der Vereinsvorstand bereit, kurzfristig zu helfen, spendierte sogar Karten für den VIP-Bereich.

Maik Haase und Korinna Lembke  vom Wünschewagen waren gleich zweimal mit Udo Dankert im Ostseestadion.
Karin Koslik
Maik Haase und Korinna Lembke vom Wünschewagen waren gleich zweimal mit Udo Dankert im Ostseestadion.

Korinna Lembke, die im Sozialdienst des Bad Doberaner Krankenhauses arbeitet, und Maik Haase, der in einer Stralsunder Pflegeeinrichtung des ASB beschäftigt ist, hatten beide am Reformationstag frei. Als sie mit dem Wünschewagen vor das Hospiz rollten, sah es für Udo Dankert daher so aus, als sei sein Wunsch nie in Vergessenheit geraten. Er selbst hatte sich nicht nur bei einer der Schwestern einen Hansa-Schal geliehen, sondern auch zwei Hosen übereinander und eine dicke Winterjacke angezogen – ein Profi eben.

5:0 lautete sein Tipp – natürlich für Rostock. Dass Korinna Lembke unkte, immer wenn sie im Stadion sei, würde Hansa verlieren, wollte er nicht geltend lassen.

Hanse spendiert Karten für den VIP-Bereich

Als der Wagen dann vorbei an den zu Fuß ins Stadion strömenden Fans und quasi gleich hinter dem Mannschaftsbus der Gäste auf das Vereinsgelände einbog, kam der Rostocker aus dem Staunen nicht mehr heraus. Denn in all den Jahrzehnten als Fan hatte er den VIP-Bereich nie von Nahem, geschweige denn von Innen gesehen. Und nun war er selbst eine „sehr wichtige Person“, bekam mit seinen Begleitern sogar einen eigenen Tisch und hätte sich an allem laben können, was die Büfetts hergaben – wenn nicht sein Magen schon seit längerem Probleme bereitet hätte. „Ich denke, das kommt von den vielen Tabletten, die ich nehmen muss.“ Aber er sei ja sowieso nicht zum Essen ins Stadion gekommen, sondern um das Spiel zu sehen, meinte Udo Dankert. Die Vorfreude darauf verlieh ihm solche Kräfte, dass er den Rollstuhl stehen und sich vom Wünschewagen-Team sieben Reihen hinab zu seinem Platz führen ließ. Ehrensache, dass er dort sofort den blauen Poncho für die Stadion-Choreografie überstreifte. Und Ehrensache, dass er die Vereinshymne von der ersten bis zur letzten Zeile mitsang: „Hansa forever…“

Dann erlebten Udo Dankert und seine Begleiter ein Spiel, das selbst weniger fußballbegeisterten Zuschauern noch lange in Erinnerung blieb. Sowohl in der regulären Spielzeit als auch in der Verlängerung gingen die Hanseaten jeweils in Führung, um Nürnberg schließlich erst im Elfmeterschießen doch noch zu unterliegen. Udo Dankert fieberte und litt sichtbar mit. Nur zu gerne wäre er aufgesprungen, um die Hansa-Elf bei jedem Vorstoß anzutreiben – doch das machten die maroden Knochen nicht mehr mit. Dazu kam die Kälte, die ihm zunehmend zu schaffen machte – trotz des vom Verein geschenkten Hansaschals mit passender Mütze. Nach dem Abpfiff schienen die Treppen hinauf zum rettenden Rollstuhl unüberwindbar zu sein. Erst als ein Zuschauer den beiden Ehrenamtlern schieben und tragen half, schaffte Udo Dankert es wieder nach oben. Und dort kehrten dann auch seine Lebensgeister wieder zurück. Als ein kleiner Junge von seinen Eltern weinend an ihm vorbei zum Ausgang geführt wurde, musste zwar auch der Rostocker – wie schon mehrfach zuvor – heftig blinzeln. Aber dann hatte er sich wieder im Griff und resümierte den Abend so, wie es wohl alle Hansa-Fans im Stadion empfunden hatten: „Im Herzen haben sie gewonnen.“

Als die Wünschewagen-Besatzung ihn schließlich wieder ins Hospiz zurückgebracht hatte, bedankte sich Udo Dankert geradezu überschwänglich für den Abend. Wenn sie wieder einmal zu einem Hansa-Spiel fahren wollten, könnten sie gerne wieder an ihn denken, meinte er zum Abschied augenzwinkernd.

Doch nur zwei Tage später verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Eine Woche nach dem Pokalspiel ist der 57-Jährige für immer eingeschlafen. Gestern wurde Udo Dankert beigesetzt.

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