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Bildertagebücher : Das Ziel der Sehnsucht ist die Heimkehr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Atelierbesuch bei Günther Uecker in Düsseldorf am Rheinufer

Wer in Günther Ueckers Atelier in der Kaistraße in der Düsseldorfer Innenstadt direkt am Rhein kommt, tritt in eine andere Welt. In Ueckers Welt. „Mein Wohnzimmer“, dröhnt er mit sonorem Bass und weist mit umgreifender Geste in die Tiefen des 400 Quadratmeter großen Raumes. Der Blick schweift über Tische und viele Stühle, einen Paravent und ein großes Bett mit Vorhängen rundum, Uecker nennt es sein Tagbett. Auf ihm liegt ein Schlafanzug aus einem Stoff wie Reispapier. Daneben steht ein Stuhl aus Rajasthan. Und rundum diese weißleinenen Vorhänge. „Das ist wie unter Mutters Rock“, dröhnt der Künstler und feixt, auf die Reaktionen seiner Besucher spähend. Geschlafen hat er hier noch nie.

Und überall Bilder, Bilder, Bilder. In Rahmen an der Wand, ungerahmt auf dem Boden liegend, sich auf Stühlen stapelnd... „Da, wo die Sprache versagt, beginnt das Bild“, lautet ein Satz des Avantgardisten, der seine vielen Reisen in Bildern festhält. Er nennt sie seine Tagebücher. Bildertagebücher. Uecker – ein Mann des Bildes und der Sprache.

Ohne gebeten werden zu müssen, beginnt der Künstler eine Führung durch sein „Wohnzimmer“. Sie wird schnell zu einer Führung durch sein Ouevre, sein Schaffen, sein Leben. „Sedona“, sagt er, „da komme ich gerade her, sehen Sie diese Farben.“ Sedona im amerikanischen Arizona südlich des Grand Canyon, liegt in 15 oder 20 Malstücken vor uns auf dem Boden. Flammende Rot- und Gelbtöne, kaum Grün, in abstrakten Aquarellen. Man spürt das Brennen der Wüste. Sedona ist eine Künstlerkolonie. Uecker fühlte sich aufgenommen da. Seine warmen Bilder zeigen es.

Dahinter schier endlos aufgereiht Zeugnisse einer Reise in den Iran, eines Besuches einer Karawanserei, grün und schwarz, eine Oase in der Wüste. Oben im Obergeschoss, wo die großen Leinwände hängen, da hat Uecker seine iranischen Frauen aufgereiht: Große baumstammähnliche Gebilde im symbolisierten Tschador, die – kaum dass man sie berührt – sanft hin- und herwiegen, als gingen sie durch Isfahans Straßen, wo der international bekannte Künstler im Museum für zeitgenössische Kunst im vergangenen Mai ausstellte. „Ich schicke meine Bilder voraus, dann komme ich dahin und stelle mich hinter meine Bilder, nicht davor wie Beuys.“ Nein, Uecker ist kein Aktionskünstler wie Joseph Beuys, sondern eher ein Konzeptkünstler. 60 000 Besucher zählte seine Ausstellung in Persien.

Auf dem großen runden Tisch in seinem Atelier finden sich Bilder mit dem Dalai Lama, den er nach dessen Flucht aus Tibet einst in Nepal traf, Bühnenbildentwürfe für die Inszenierung von Beehovens Fidelio 1974 in Bremen, für den Lohengrin 1979 in Bayreuth und immer wieder Zeugnisse seiner politischen Arbeit. Natürlich auch Ausgaben der „Uecker Zeitung“ aus den 70ern. Eine Installation eines zerschlagenen, zernagelten Telefons aus dem Jahr 1969 nennt er „Abgehängt“ und erklärt dem Besucher: „Das entstand, als die jungen Leute nicht mehr mit den Vätern sprachen.“ Uecker ist ein politischer Künstler in seiner Zeit. „Abgehängt“ entstand bei Ueckers Benagelungsaktion 1969 in der Eiffel.

Uecker ist durch seine Nagelbilder berühmt geworden. „Schrift der Nägel“ heißt eines seiner Werke. Tische, Stühle, Bäume – Uecker trieb kraftvoll seine Nägel hinein. Er macht mit und aus Nägeln Kunst. Der Mann, der mit seinen Nagelreliefs mit der Gruppe Zero in den späten 50er-Jahren für Furore sorgte, erzielt inzwischen für manches seiner Projekte bis zu einer Million. Und doch ist in seinem Atelier wenig von den Nagelreliefs zu sehen. Hier ein Auftragswerk für die Verleihung des Grimme-Preises, zwei mit Nägeln verbundene Fernsehmattscheiben. Uecker nennt sie „Filmkuss“ und lacht dabei lauthals. Er freut sich an seinem Werk.

Doch ist ihm, im nächsten Jahr 85, die Kraft für die Nagelstücke abhanden gekommen? Kaum, er ist lebendig wie ein 60-Jähriger. „Je älter ich werde, umso sprachfähiger werde ich. Aber auch ein Künstlervernichter“, sagt er nachdenklich. Und dann wieder schallend lachend: „Das ist kreativer Suizid.“ Keine Nägel also, Worte dafür.

1930 ist Günther Uecker im vorpommerschen Wendorf geboren. Seine Kindheit verlebt er mit den Eltern auf der Halbinsel Wustrow. Sie machen sich dort Land urbar, haben eine kleine Bauernstelle. „Ich bin ein einfacher Bauernjunge, der auf dem zweiten Bildungsweg sein Wissen erlangte“, sagt er und stapelt kräftig tief. Auch wenn dem Vater sein künstlerischer Drang nicht passte, begann Uecker 1949 in Wismar Malerei zu studieren. Da war die Familie schon vertrieben von der Insel und in Klütz untergekommen. Nicht die Flucht aus der DDR 1955 ist seine Flucht, nein. Seine Flucht war die Vertreibung von der Insel. „Geflüchtet bin ich schon 1949, als wir die Halbinsel Wustrow verlassen mussten...“, sagt er sinnend. Da begann sein „Verlust der Lust an der DDR“. 50 Jahre später wird er noch einmal nach Wustrow zurückkehren, um dort zu arbeiten.

Er erinnert sich an eine Kindheit, in der er die Pflastersteine auf der Straße zwischen Dassow und Klütz zählte. Noch heute schöpft er seine Kraft aus der mecklenburgischen Ruhe. „Später mit dem Fahrrad ging das auch noch, Pflastersteine zählen“ sinniert er. „Mit dem Auto, mit dem Auto geht das nicht mehr.“ Uecker fährt kein Auto. Er telefoniert auch nicht.

Die DDR macht aus ihm einen Schrift- und Plakatmaler. Da studiert er schon in Berlin-Weißensee. Er ist privilegiert, wird in den Semesterferien in die Heimat geschickt, um zu kontrollieren, ob die Schrift auf den Losungen der SED in den Geschäften und an den Häusern richtig geschrieben war. Einmal malt er einen Stalin haushoch an das Rathaus in Grevesmühlen. „Mit dem Quast oben und unten zwei Schwünge Weiß in die Augen und ein schwarzer Punkt in die Mitte, dass sie nur so funkelten“, lacht er amüsiert. „Ich bin ja so alt wie der Krenz. Ich war marxistisch geprägt. Die DDR war für mich immer der Versuch einer besseren Welt auf einem begrenzten Territorium.“

Aber die Sehnsucht nach Düsseldorf war größer, nach der Kunstakademie und nach dem Avantgardisten Otto Pankok, der dort seit 1947 lehrte. Unter dem Eindruck des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 gelang Uecker später die Flucht, die er nicht so bezeichnet. Zunächst landete er in Westberlin, wo er Monate in einem Lager unter Beobachtung stand. Man vermutete in ihm einen Kundschafter der DDR. Doch irgendwann stand er dann doch Otto Pankok gegenüber und erzählte ihm seine Geschichte. Und was sagt der Kunstprofessor: „Junge, du bist so unverdorben, du solltest hier nicht bleiben, gehe wieder zurück.“ Uecker heute: „Da habe ich geweint.“ Bis 1958 war er noch DDR-Bürger mit DDR-Pass. Da studierte er längst bei Pankok.

Schon zu DDR-Zeiten zog es ihn immer wieder zurück. Er unterstützte die Kirche in Rerik. Nach der Wende die erste Ausstellung 1992/93 im Staatlichen Museum in Schwerin. Dort, wo jetzt ein Anbau für zeitgenössische Kunst geplant ist. Der damalige Ministerpräsident Berndt Seite bot ihm an, nach Wustrow zurückzukommen, warb um ihn. „Wir wollen, dass Uecker wieder zurückkommt.“ Der Bauernsohn aus Mecklenburg, inzwischen ein vielschichtiger Künstler, zurück auf Wustrow. 1993 beginnen die Russen, die seine Familie einst vertrieben hatten, abzuziehen. 1995 waren sie weg.

Uecker darf eine Hütte bauen, ein Atelier. „Das Ziel der Sehnsucht ist die Heimkehr“, sagt Uecker. Die Rückkehr zum Ort der Kindheit. In der Kindheit öffnet sich die Welt des Menschen. Deshalb bleibt dieser Ort prägend. Es setzt ein Schaffen ein. „Meine Füße lesen den Boden wie ein Buch, gepaart mit den Gerüchen im Kopf.“ Inzwischen ist Uecker Ehrenbürger in Rerik. Und stolz darauf. Wustrow wird für ihn eine „gegenständliche Notation der Wehmut“.

Günther Uecker erzählt gerne aus dieser Zeit, gerne aus seinem Leben. Am Tisch am Fenster in seinem Düsseldorfer Atelier am Rhein im Gründerzeit-Speicher. Große Segeltücher dämpfen das Licht. Immer wieder unterbricht sein explosives Lachen das Gespräch. Über seine Bilder, seine Erlebnisse, das, was die Welt zusammenhält. „Eigentlich sind meine Bilder Liebeserklärungen an etwas, das nicht existiert“, denkt er laut und lacht lauter. Die Idee, in Schwerin ein Museum für zeitgenössische Kunst zu schaffen, begeistert ihn. Er wird dazu beitragen. Und wieder erinnert er sich: „Ich sehe mich noch immer mit sechs Jahren bei Peterchens Mondfahrt im Schweriner Theater.“

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erstellt am 05.Jun.2014 | 18:30 Uhr

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