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Populismus.Positionen.Perspektiven : Kampf der Signale

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Aus der Onlineredaktion

Signet, Zeichen, Symbol: Wie mit optischen Zeichen Krieg geführt und Solidarität demonstriert werden kann.

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 08:00 Uhr

Sie tragen Helme und Schilde. Manche haben Knüppel in den Händen. Die Rechtsradikalen, die am 11. und 12. August 2017 im eigentlich beschaulichen Universitätsstädtchen Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia aufmarschieren, wirken wie Krieger aus dem Mittelalter. Die Zeichen auf den Schilden unterstreichen den furchterregenden Eindruck. Sie gleichen auf den ersten Blick den Signets von vorzeitlichen Clans. Die Träger dieser Schilde zeigen grimmig entschlossene Mienen, ihr Vorgehen während der Ausschreitungen, die von offizieller Seite später als terroristisch eingestuft werden, ist klar gewaltorientiert. Gewalt geht von den Männern aus. Und von den Zeichen, die sie zeigen.

Ob die runenhaften Signets der Rechten von Charlottesville, die schwarze Fahne des „Islamischen Staates“ oder die Fahnen, mit denen Pegida-Marschierer auftreten – fundamentalistisch eingefärbte Konflikte unserer Zeit werden nicht nur mit verbaler und körperlicher Gewalt ausgetragen. Auch Signets und Bilder werden als Waffen in einem neuen Krieg der Symbole eingesetzt.

Mit den an germanische Runen erinnernden Zeichen auf ihren Schilden haben die Rechtsradikalen von Charlottesville ihre Reihen auch auf symbolischer Ebene fest geschlossen. Mit Signets, die an Feldzeichen von Kampfverbänden denken lassen, senden ihre Träger ein doppeltes Signal – eines der bedingungslosen Verbundenheit nach innen, eines der rückhaltlosen Aggression nach außen. Das Signet markiert eine Grenze. Und es sendet ein Signal martialischer Entschlossenheit.

Kollektive Funktion

Dabei ist diese Funktion von Zeichen und Signets erst in den letzten Jahren wieder so deutlich hervorgetreten. In einer Mediengesellschaft ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Wer Aufmerksamkeit auf sich und sein Anliegen ziehen möchte, muss erkennbar, also unterscheidbar sein. Das funktioniert gut mit Signets, Labels, Icons, überhaupt Zeichen aller Art. Sie sollen eine klare Botschaft vermitteln und gewünschte Adressatenkreise erreichen. Für Fachleute der Medien und des Marketings ist klar: Zeichen mit Irritationspotenzial stören da eher. Zeichen müssen kommunikativ funktionieren. Anders gesagt: Sie müssen populär sein. Berühmte Markenzeichen wie das gelbe M der Fastfoodkette McDonalds, der Mercedes-Stern oder die Adidas-Blume erfüllen genau diese Funktion. Im kollektiven Bildgedächtnis westlicher Industriegesellschaften nehmen sie einen festen Platz ein.

Solche Signets bündeln Botschaften, kanalisieren Vorlieben und Abneigungen, verfestigen Kommunikationen. Kaum eine Firma, Stadt oder Region, die noch auf ein Logo verzichtet und damit signalisiert, in der Mediengesellschaft einen Platz haben zu wollen. Signets und Logos müssen einfach konstruiert sein, um eindeutig verstanden werden zu können. Mit dieser Erwartung werden sie eingesetzt.

Das gilt übrigens nicht nur für Experten der Kommunikation, sondern schlicht für jedermann. Ein Smiley ist schnell verschickt, wenn es darum geht, einer E-Mail oder SMS noch eine zusätzliche Note verbindlicher Freundlichkeit zu verleihen. Emojis bilden längst einen eigenen Zeichenkosmos, in dem sich so gut wie jeder Mensch, der digital kommuniziert, ganz selbstverständlich bewegt. Die kleinen Zeichen mit Gesichtern, Händen und Objekten signalisieren Wünsche, Gefühle, Absichten, kurz Emotionen aller Art. Sie machen Kontakt und Kommunikation gängig, weil sie als kleine, smarte Bildbotschaften die Ebene der Schrift um eine weitere Dimension ergänzen.

Wir gehen mit Signets und Zeichen, mit Symbolen und Emojis ganz selbstverständlich um. Diese Zeichen sind Instrumente für das mediale Routinehandeln und Alltagsverstehen von Millionen. Perioden gesellschaftlicher Konflikte zeigen aber auch, wie die anscheinend problemlos zu verstehenden Zeichen zu Streitfällen werden können. Das gilt auch für die Kultur. Vor der Berliner Volksbühne sollte das berühmte „Räuberrad“, Wahrzeichen des ausgeschiedenen Intendanten Frank Castorf, abmontiert werden. Die Theatermacher wollten es auf keinen Fall Castorfs Nachfolger Chris Dercon überlassen. Der Ausstellungsmacher gilt vielen als Abwickler der Volksbühne und steht in der Kritik. Das Rad signalisiert die Eigensinnigkeit der Bühne und avanciert so zum Protestfanal.

Verfälschte Zeichen

Nicht immer sind Botschaften, die sich mit dem Gebrauch von Zeichen verbinden, so klar lesbar wie im Fall des Rades vor der Volksbühne. In anderen Kontexten werden Zeichen auch umgedeutet und verfälscht, um einen neuen, aggressiv zugespitzten Sinn tragen zu können. Bestes Beispiel: Auf Pegida-Kundgebungen tauchte immer wieder eine Flagge mit schwarz-goldenem Kreuz auf rotem Grund auf. Deutsches Reich? Reichskriegsflagge? Nationalistische Splittergruppe? Nichts von alledem. Die Rechtspopulisten zeigten die sogenannte „Wirmer-Flagge“, die der katholische Zentrumspolitiker und Widerständler Josef Wirmer 1944 entworfen hatte. Wirmer verband mit dem Flaggenentwurf die Hoffnung auf ein neues, christlich grundiertes Nationalsymbol. Pegida-Aktivisten machten daraus ein Signal von diffus nationalistischer Ausstrahlung. Nachfahren Wirmers zeigten sich entsetzt. Ihre Möglichkeiten, solcher Entfremdung Einhalt zu gebieten, sind aber juristisch begrenzt.

Signets, Zeichen, Symbole – sie alle setzen in der Medienwelt intensive, sekundenschnell wirkende Signale. Das gilt erst recht für jene Wahrnehmungsbeschleunigung, für die digitale Medien sorgen. Gerade Extremisten aller Lager setzen diesen Mechanismus ein. Die vermummten Kämpfer des „Islamischen Staates“ marschieren unter der schwarzen Fahne der Dschihadisten. Über eroberten Städten hissten sie dieses Banner im Riesenformat. Martialischer lässt sich kaum einschüchtern.

Verblüffend ähnlich agieren auch die Mitglieder des Schwarzen Blocks. Zuletzt bei den Krawallen rund um den G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli 2017 in Hamburg traten sie in uniformem Schwarz auf. Damit signalisierten die sinistren Randalierer fanatische Entschlossenheit und machten sich zugleich als Individuen unerkennbar. Der Einzelne verschwindet hinter dem Zeichen, das er verkörpert – auch eine Variante im Umgang mit Signets und Symbolen.

Radikale aller Lager setzen Zeichen im Kampf um Deutungshoheiten ein. Zum Glück bezeichnet das aber nicht das ganze mediale Szenario der Gegenwart. Menschen, die sich für Freiheit und Respekt, für Toleranz und Solidarität einsetzen, setzen ihre Signale gegen die Bilder des Hasses. Bei den Kundgebungen der für die Einheit Europas eintretenden Pulse-of-Europe-Bewegung versammeln sich Demonstranten unter dem Sternenbanner der Europäischen Union, einem Zeichen der Verbundenheit in Freiheit. Menschen, die gegen Terror und Gewalt aufstehen, bilden Menschenketten oder kommen schweigend zusammen. Mit Blumen und Kerzen verwandeln sie Orte von Attentaten in temporäre Mahnmale gegen menschenverachtende Aggression. Längst sind daraus eigene Bildwelten entstanden, die sich zu medialen Zeichen verdichtet haben. Diese Zeichen signalisieren Wärme und Mitgefühl und mobilisieren damit genau jene Energien des Zusammenhalts und der Zuwendung, die allen radikalen Gewalttätern das Terrain streitig machen – unter welch finsterem Feldzeichen sie auch immer zu ihrer barbarischen Mission antreten mögen.

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