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Populismus. Positionen. Perspektiven : Hype und Hysterie liegen nah beieinander

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Es braucht nicht immer Populismus, um Hysterie zu erzeugen. Immer wieder schwappen epidemische Meinungswellen aus anderen Gründen durch die Republik. Prüfen Sie sich selbst.

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Mal gut gemeint, mal schlecht: Bei vielen Themen führen sich die Menschen freiwillig und ganz von selbst in die Irre. Jeder einzelne Fall sollte Warnung genug sein, dem nächsten Hype nicht so schnell aufzusitzen - und doch geschieht es immer wieder. Machen Sie den Populismus-Check und prüfen Sie Ihre Widerstandskraft: Wie haben Sie in den folgenden Fällen gedacht?

Christian Wulf fgeht es wieder gut. Die Vorwürfe gegen ihn als Bundespräsidenten – ier mit seiner Frau Bettina vordem Freispruch im Landgericht Hannover – wird er
trotzdem nie vergessen.
Christian Wulf fgeht es wieder gut. Die Vorwürfe gegen ihn als Bundespräsidenten – ier mit seiner Frau Bettina vordem Freispruch im Landgericht Hannover – wird er trotzdem nie vergessen.
 

Die Affäre Wulff

Am Ende wurde die Affäre Wulff zu einer Affäre der Medien. Der frühere Bundespräsident mag prahlende Freunde gehabt haben, mag sein Verhältnis zum Bild-Chefredakteur falsch eingeschätzt haben, mag sich zu sehr nach einer Welt des unbeschwerten Glamours gesehnt haben. Doch Vorteilsnahme und Korruption waren nicht nur übertriebene, sondern falsche und ehrverletzende Vorwürfe. Sie gipfelten 2012 in einer Hysterie von Journalisten, die voneinander abschrieben, altbekannte Gerüchte immer wieder aufgriffen und als vermeintlich neu verkauften. Sogar die Tatsache, dass sie nichts fanden, galt manchem als Beleg dafür, dass da etwas war: Der Politiker und seine Kumpanen hätten alle Spuren mühsam vertuscht. In Wahrheit lagen sie alle falsch. Wulff wurde Opfer einer sich selbstverstärkenden Spirale aus Jagdlust der Medien, moralischer Selbstgerechtigkeit und digitaler Öffentlichkeit, deren Wirkungsmechanismen damals noch nicht hinreichend bekannt waren.

„Unsere Lisa“

Ein junges Mädchen, vergewaltigt von Flüchtlingen? Dieser Fall machte vor allem deshalb Schlagzeilen, weil er in der russlanddeutschen Gemeinschaft spielte und solche Wellen schlug, bis sogar Russlands Außenminister von den deutschen Behörden Aufklärung verlangte. Seither gilt der Fall als Musterbeispiel von Fakenews, da das Mädchen eben nicht von Flüchtlingen vergewaltigt worden war. In Wahrheit aber stimmte noch etwas anderes nicht in vollem Umfang, nämlich dass der Fall politisch wider besseren Wissens skrupellos ausgeschlachtet worden wäre. Der Eindruck vom Hergang der Tat ging zum einen auf das Mädchen selbst zurück: Es hatte gelogen. Zum anderen informierte die Polizei nicht umfassend, wenn auch in bester Absicht, weil sie die Minderjährige schützen wollte. Sex hatte das Kind mit volljährigen Männern durchaus, nur eben ohne entführt worden zu sein. Gegen den Mann, bei dem es während der Zeit seines Verschwindens war, läuft ein Verfahren wegen Missbrauchs. Der Fall ist also denkbar kompliziert. Weder taugte er also damals zur Stimmungsmache gegen Flüchtlinge noch heute.

Mein Freund der Baum

Waldsterben, Ozonloch, Rinderwahnsinn, Glyphosat: Wenn es um den Schutz vor giftigen Stoffen und bösen Machenschaften geht, glaubt der Mensch besonders gerne, dass er ohne entschlossenes Handeln verloren ist. Viele aufgeregte Wellen aber brechen von alleine zusammen und verlaufen im Sand, ohne dass die Welt ein bisschen schlechter geworden wäre. Man mag drüber streiten, ob die guten Folgen solcher epidemischen Ängste die schlechten überwiegen; immerhin zeugen sie von einem gewissen Umweltbewusstsein, immerhin haben sie zu wichtigen Schritten im Naturschutz geführt. Schaden entsteht durch übersteigerte Dramatik aber ebenfalls. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Will heißen: Wie ernst werden Warnungen noch genommen, wenn es einmal wirklich wichtig wäre und entschlossenes Handeln gefragt ist?

Doch nicht nur Ärzte: Sowohl Euphorie als auch Ängste waren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle übertrieben.
Doch nicht nur Ärzte: Sowohl Euphorie als auch Ängste waren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle übertrieben.
 

Flüchtlinge

Aus Syrien kommen lauter Ärzte und Ingenieure? Eher nicht. Das aber interessierte im Willkommensrausch des Jahres 2015 nur wenige, und wenn, galten die Skeptiker schnell als latent rechtsradikal. Heute stellt kaum noch jemand in Frage, dass der massenhafte, unregistrierte und mindestens rechtsbeugende Zuzug von Flüchtlingen kein Ruhmesblatt staatlichen Handelns war, sondern neben der lange unter der Decke gehaltenen Eurokrise maßgeblich zum Zerfall der EU beigetragen hat. Ein hoher Preis für eine kurzes Phase der kollektiven Euphorie. Auch die These, man könne Grenzen nicht effektiv schließen, hat sich als Fakenews erwiesen, wie sich in anderen Ländern ringsum gezeigt hat – nur eben als eine der „guten“ Seite. Etwas mehr Maß hätte der Debatte damals gut getan (und die AfD kleiner gehalten), wiewohl es natürlich auch stimmt, dass ebenso wie die Euphorie die Ängste vor dem Fremden dramatisch übertrieben wurden und Hass.

Maidan

Glaubt noch jemand, dass jeder, der am Sturz der Regierung Janukowitsch in der Ukraine 2014 beteiligt war, ein lupenreiner Demokrat gewesen ist? Seither wird die russische Minderheit benachteiligt, grassieren Korruption und Behördenwillkür, bleiben politische Reformen aus, hält auch Kiew das Abkommen von Minsk nicht ein, rotten sich rechte Banden zusammen. Nur noch wenige stricken weiter an der Legende, hier strebe ein Land mustergütig nach Demokratie und sozialem Ausgleich. Vielmehr werden Nebelkerzen geworfen, die den eigenen Anteil am Desaster – und das Interesse des Westens am Schüren eines des Regimewechsels – kaschieren sollen. Die Russen mögen an ihren Interessen festhalten, wohl wahr. Es gibt aber auch jede Menge andere, die mit schmutzigen Mitteln arbeiten.

Brüderle und der Aufschrei

Holz vor der Hütte und so – da war doch was? Der FDP-Politiker Rainer Brüderle hatte einer Journalistin gesagt, sie könne ein Dirndl gut ausfüllen. Ein unpassender Spruch, gewiss, zumal im beruflichen Umfeld. Aber eine Beleidigung? Eine, die es rechtfertigte, dass bundesweit eine „Aufschrei“-Kampagne losbrach, die ihresgleichen sucht und Sexismus im Alltag anprangerte? Das Thema ist es sicherlich wert, sensibler bewertet und klarer benannt zu werden als in vergangenen Zeiten. Brüderle aber widerfuhr mit der vernichtenden Verachtungswelle, die ihm nach seinem ungeschickten Kompliment 2013 entgegenschlug, wohl weit mehr traumatisierendes Unrecht als dem Objekt seines Spruchs.

DerKampfum Aleppo warfraglos furchtbar. Aber wer warschuld? Die staatliche Armee und Russland oder die Terrormiliz IS? Und was genau außer der Deutungunterschied die Eroberung Aleppos von der Mossuls durch die Iraker und Amerikaner?
DerKampfum Aleppo warfraglos furchtbar. Aber wer warschuld? Die staatliche Armee und Russland oder die Terrormiliz IS? Und was genau außer der Deutungunterschied die Eroberung Aleppos von der Mossuls durch die Iraker und Amerikaner?
 

Aleppo

Die Bombardierung und Befreiung von Aleppo galt im vergangenen Winter als verachtenswert, brutal, erbarmungslos. Sie war auch furchtbar. Zivilisten litten beträchtlich. Aber warum eigentlich genau? Die syrische Stadt stand unter der Vorherrschaftder Terrororganisation IS. Was sprach dagegen, sie zu erobern? Ob es wirklich stimmt, dass ein gleiches Mädchen als ziviles Opfer scheinbar mehrfach gerettet wurde oder Rettungsszenen mit „Weißhelmen“ vielleicht doch gegen Bezahlung in Industriegebieten in Kairo gedreht worden sind – man weiß es nicht. Augenfällig aber war: Was im Fall Aleppo als schändlich dargestellt wurde, war im fastidentischen Konstrukt Mossul eine heldenhafte Befreiung. Der Hauptunterschied lag in den Akteuren. In Aleppo kämpften syrische Regierungstruppen mit Hilfe der Russen, in Mossul waren es irakische Soldaten mit Hilfe der Amerikaner. Ihr Ziel aber war das gleiche, auch die Mittel unterschieden sich nicht wesentlich. Mit zivilen Opfern kennt sich das US-Militär ebenfalls bestens aus. Wie also erklärte sich die kampagnenartige Verachtung des Sturms auf Aleppo, wie die romantische Verklärung des Kampfes um Mossul? Alleine durch Fakten jedenfalls nicht.

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