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Populismus.Positionen.Perspektiven : Große Emotionen, einfache Weisheiten

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Aus der Onlineredaktion

Von „Vom Winde verweht“ bis hin zu „Fahrenheit 9/11“: Wann beginnt Populismus im Kino, wann wird er zu Propaganda?

svz.de von
erstellt am 12.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Die Schwarzen? Im besten Falle debile Angestellte, ansonsten Vergewaltiger und Räuber. Die Nordstaatler? Ohne Traditionsbewusstsein, rein auf Kommerz aus. Und dann verschuldet der Trunkenbold aus dem Norden auch noch den Tod des geliebten Vaters der Heldin, Scarlett O’Hara!

Nein, die Welt in „Vom Winde verweht“ ist keine, die in der heutigen Zeit als politisch korrekt eingestuft würde. Trotzdem gilt der Film aus dem Jahr 1939 immer noch als einer der großen Klassiker der Filmgeschichte, seine Helden Scarlet O’Hara und Rhett Butler sind längst in die Popkultur eingegangen. Fast vier Stunden lang zeigt er in schwelgerischen Farben, wie die vermeintliche heile Welt der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg in den USA untergeht.

Er war nicht der erste Film, der einfache Sichtweisen – früher war alles besser, wir gegen die, Herren und Sklaven – äußerst populär in die Welt trug, und er wird nicht der letzte gewesen sein. Denn das Medium Film ist dank seiner Bildsprache und dem Einsatz von Schnitt und Musik hervorragend dazu geeignet, Emotionen zu erschaffen.

Mythen der Nationen auf Leinwand

Zudem hat jedes Land seine Gründungsmythen, die das tatsächliche historische Geschehen derart vereinfachen, dass sie sich wunderbar in wenige Stunden Handlung übertragen lassen. Frankreich berief sich beispielsweise in seinen klassischen, patriotischen Filmen immer wieder gerne auf die Revolution von 1789, später auf seine Widerstandsbewegung, die Resistance, im Zweiten Weltkrieg, England hingegen auf den Segen des Kolonialreiches und seine das Land von Europa trennende Insel-Existenz.

Auf der großen Leinwand können diese Mythen nun für möglichst viele Menschen so dargestellt werden, dass sich bei den Zuschauern sowohl ein gemeinsamer Nenner und zudem eine zusammenschweißende Identität gegen „die Anderen“ ergibt.

Trotzdem muss ein Film, der die Massen ins Kino locken und populär sein will, nicht automatisch populistisch sein, sagt Eckhard Pabst im Gespräch mit unserer Redaktion. Doch einige Genres, so der Filmwissenschaftler, der an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel lehrt, sind für populistische Tendenzen anfälliger als andere: „Populistisch geht es ja dann zu, wenn etwas richtig gestellt wird oder korrigiert wird oder Widerstand gegen etwas geleistet wird, und dieses Opponieren dann Züge davon trägt, ,Endlich einmal das Richtige zu tun‘. Insofern sind Action- und Kriegsfilme vielleicht häufiger populistisch als beispielsweise Tanzfilme.“

Dass Filme überhaupt einmal irgendeine Art von Einfluss haben würden, war anfangs noch gar nicht absehbar: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blickten insbesondere in Deutschland viele noch verächtlich auf das zuerst auf Jahrmärkten feilgebotene Medium Film.

Bis in die 1920-er Jahre lehnte sogar eine breite, heterogene Front von der Sozialdemokratie2 über das gehobene Bürgertum bis hin zu den Kirchen das Medium komplett ab. Doch spätestens nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten die Ersten verstanden, wie gut sich mit bewegten Bildern Geld verdienen lässt – und sie sich als Propaganda-Waffe einsetzen lassen.

In den USA war man schon weiter: In „Die Geburt einer Nation“ von David W. Griffith wurde bereits 1915 das heute als rassistisch eingestufte Buch eines Predigers über den Amerikanischen Bürgerkrieg verfilmt. In dem Film wurde unter anderem dem Ku-Klux-Klan die Rolle als moralischer Stützpfeiler der Südstaaten zugewiesen. Der Film war ein Kassenschlager und gilt immer noch als der kommerziell erfolgreichste Stummfilm aller Zeiten.

Ebenfalls kein gesprochenes Wort benötigte man für die politische Botschaft des russischen Klassikers „Panzerkreuzer Potemkin“ aus dem Jahr 1925: Frei angelehnt an den Aufstand russischer Matrosen gegen die Obrigkeit im Jahr 1905 schuf der Film der Regisseurs Sergei Eisenstein ikonische Szenen. Am meisten filmisch zitiert – sogar in einer Werbung für Bier – ist wohl die Treppenszene:

Zaristische Truppen schießen auf Demonstranten, diese fliehen die im Film als unendlich lang dargestellte Freitreppe in Odessa herunter. Eine junge Mutter wird von den Soldaten erschossen. Im Sturz stößt sie an den Kinderwagen, der ungehindert die Treppen herunter rollt. Das Baby stirbt - der junge Aufstand der einfachen Menschen, symbolisiert durch das Kind, ebenfalls. Wer konnte nach dieser Barbarei noch mit dem Zaren und den Seinigen sympathisieren?

Populismus trifft auf Propaganda

Rund zehn Jahre später sollte wiederum ein totes Kind in „Hitlerjunge Quex“ die Menschen in Deutschland von dem das Volk einenden Nationalsozialismus überzeugen. Heini Völkel, dessen Vater ein überzeugter Sozialist ist, findet Gefallen an der Hitlerjugend, weil es ihm bei der sozialistischen Jugendgruppe zu undiszipliniert zugeht. Das bringt Heini sowohl Ärger mit seinem Vater wie auch den ehemaligen Genossen ein. Von seinen neuen, rechtsnationalen Freunden anerkennend „Quex“ genannt, stirbt er schlussendlich eine Art Heldentod durch die Hände der Kommunisten.

Der Untertitel des Films lautete so pathetisch wie prophetisch: „Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend“. Wenige Jahre nach Erscheinen des Films starben Tausende junge Männer dann tatsächlich an den Fronten des von den Nationalsozialisten gestarteten Zweiten Weltkriegs.

Selbst im Jahr 2017 gilt dieser Jugendpropagandafilm aus dem Jahr 1933 immer noch als so perfide gut gemacht, dass er als sogenannter „Vorbehaltsfilm“ nur mit wissenschaftlicher Begleitung gezeigt werden darf. Seine populistische Machart ging schnurstracks in Propaganda über.

Das muss nicht immer so sein, so Filmwissenschaftler Pabst: „Propagandafilme müssen Überzeugungsarbeit leisten und Positionen vertreten, die nicht unbedingt jedem gefallen. Man denke an die Filme von Konrad Wolf (Filmregisseur der DDR, Anm. der Redaktion) – die sind teilweise populistisch, teilweise überhaupt nicht, sind aber immer ideologiekonform und mithin Propaganda.“

Ebenfalls vielschichtig ist der Einsatz populistischer Mittel im Film: Einerseits können Figuren der Filmhandlung populistisch agieren und sich innerhalb der vorgestellten Welt populistisch Gehör und Geltung verschaffen – so wie der sich selbst opfernde Hitlerjunge. Zudem können die Filme selbst populistisch funktionieren, indem sie vereinfachte, einseitige Lesarten einer komplexen Konfliktlage zeigen. „Vom Winde verweht“ ist ein Beispiel hierfür.

Darüber hinaus gibt es auch noch die Filme, die sich kritisch mit dem Thema Populismus auseinandersetzen. Interessanterweise basieren viele dieser Filme auf literarischen Vorlagen, so wie die Verfilmung des Jugendbuchklassikers „Die Welle“ aus dem Jahr 2008 oder auch die „Tribute von Panem“-Reihe, die das Entstehen faschistoider Gesellschaften und den Widerstand gegen ebendiese thematisieren.

Goldene Ära für Populismus?

Doch warum funktionierte Populismus im Film auch noch nach dem Kalten Krieg? Schließlich leben wir in einer Welt, in der eigentlich große Skepsis für allzu einseitige Welterklärungen und Lösungen herrschen müsste. Trotzdem finden sich in Filmen – angefangen von das Militär glorifizierenden Darstellungen wie „Transformers“ bis hin zu dokumentarischen Polemiken wie „Fahrenheit 9/11“ – immer wieder populistsche Stilmittel.

Letzterer ist ein Paradebeispiel für eine unterhaltsame, aber letztendlich sehr einseitige Darstellung: Michael Moores Film aus dem Jahr 2004 ist eine so kritische wie einseitige Betrachtungsweise der Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und diverser Verstrickungen der US-Außenpolitik um die Terroranschläge um den 11. September 2001. Bush, daran Moore lässt keinen Zweifel, ist der Buhmann und Quell allen Übels. Wer etwas anderes denke und dies klug erklären könne, kommt erst gar nicht zu Wort.

Ist die aktuelle Zeit sogar eine neue, goldene Ära für den populistischen Film? Dafür spräche, dass es für jede politische Ansicht und Lebenseinstellung aufgrund der Vernetzung durch das Internet eine Gemeinschaft gibt, die zusammen daran glauben will – und allein aufgrund ihrer Erreichbarkeit interessant wird für diejenigen, die Kapital aus den Weltsichten schlagen wollen.

Filmwissenschaftler Pabst sieht das jedoch anders: „Wenn das so wäre, würde es mehr populistische Filme geben. Der Populismus hat meines Erachtens seine Spielwiese im Internet, bei Bloggern und Video-Bloggern und den Seiten der entsprechenden Parteien.“

Trotzdem werden populistische Tendenzen im Kino immer wieder anzutreffen sein. Den kritischen Verstand sollte man also nicht an der Kinokasse abgeben. Denn im Grunde ist es die alte ciceronische Frage nach dem „Cui bono?“, also nach dem „Wem zum Vorteil?“, die immer im Hinterkopf herumschwirren sollte, wenn man dem ergreifenden Geschehen auf der Leinwand folgt.

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