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Populismus.Positionen.Perspektiven : Echokammern auf dem Vormarsch

vom
Aus der Onlineredaktion

Menschen organisieren sich in Gruppen. Wer sich allzu stark mit der eigenen Gruppe identifiziert, pflegt schnell Feindbilder – ein Nährboden für Populisten.

svz.de von
erstellt am 19.Aug.2017 | 07:25 Uhr

Für Peter B. ist die Sache klar. „Die Pharmaindustrie erfindet Krankheiten, die es nicht gibt. Hat aber nichtsbringende Medikamente dafür“, wütet er in einer Kommentarspalte auf der Seite „bewusst-vegan-froh.de“: „Der Rubel muss rollen. […] Nur ein kranker Patient ist ein guter Patient.“ Anlass für die Tirade: Ein Artikel über einen todkranken Jungen, dessen Krebserkrankung angeblich auf wundersamerweise geheilt werden konnte – mit Cannabis-Öl. Praktischerweise bietet der Artikel auch gleich einen Link zu einem Amazon-Angebot für das angebliche Wundermittel.

Klingt nach einem weiteren unter zahllosen Beispielen gängiger Verschwörungsrhetorik. Es zeigt aber noch mehr: nämlich dass die Grundmechanismen des Populismus – Vereinfachung komplexer Sachverhalte, Deutungshoheit in bestimmten Themenfeldern, Pflege von Feindbildern – auch außerhalb des politischen Diskurses greifen. Motto: Krebs? Kein Problem, Cannabis-Öl beseitigt ihn, schließlich gibt es ja sogar Bücher darüber. Und wenn die bösen Schulmediziner Zweifel daran hegen, dann muss es ja stimmen. Man ersetze Cannabis-Öl durch eine populistische Partei, Bücher durch Internetseiten und Schulmediziner durch Medien – schon ist aus der Randdebatte um bizarre Heilmethoden politisches Wählerpotenzial geworden.

Evolutionäres Prinzip

Denn B. ist nicht allein. In Internetforen oder Netzwerken sind Nutzergruppen tagtäglich damit beschäftigt, sich gegenseitig in ihrem Weltbild zu bestärken, sich untereinander zu solidarisieren, sich argumentative Bälle zuzuspielen – und, viel wichtiger, gegen das gemeinsame Feindbild zu wüten. Wir gegen die. Das muss, zumindest anfangs, nicht viel mit Politik zu tun haben. Es handelt sich vielmehr um ein tief verwurzeltes Verhalten: „Wir Menschen haben evolutionär das eigentlich wunderbare Prinzip entwickelt, uns in Gruppen organisieren zu können, um all die anderen Unzulänglichkeiten auszugleichen, die wir als Spezies so haben“, sagt der Sozialpsychologe Sebastian Bartoschek: „Das führt aber auch zu dem Bedürfnis, jeden vermeintlichen Gruppenangriff abzuwehren.“

Als einen solchen Angriff empfanden es zweifellos die Fans der Südtiroler Band „Frei.Wild“, als die Gruppe wegen nationalistischer Texte in die Kritik geriet. Als die Jury des Musikpreises „Echo“ im Jahr 2013 die Nominierung der Band zurückzog, machten deren Anhänger mobil und keilten im Internet los: gegen die Ausrichter der Preisverleihung, gegen andere Bands und den Mainstream an sich, gegen die Medien. In vielen Wutbeiträgen schien es auch weniger um den Vorwurf der Rechtslastigkeit der Band zu gehen, sondern vielmehr um persönliche Kränkung. „Bands und Stars sind ja auch Projektionsflächen für eigene Wünsche oder für eigene Identitäten, bei Freiwild wie auch bei der klassischen Boy-Band“, erklärt Bartoschek. Der Soziologe Gunther A. Pilz erklärt, wenn sich Fans „in der Öffentlichkeit so dargestellt sehen, dass sich das mit dem Bild, das man von sich selbst hat, nicht deckt, dann ist das eine Provokation – und dann muss man dagegenhalten“. Die logische Konsequenz daraus sei: „Wenn ich mich ganz stark identifiziere, dann reagiere ich auch ganz stark.“

Mitunter sogar so stark, dass der Begriff „Angriff“ auch wörtlich zu nehmen ist. „In meiner Jugend hat sich meine Schulklasse in zwei Fraktionen aufgespalten: Rolling Stones oder Beatles“, erinnert sich Pilz. „Da hat man sich gerne provoziert, und in der Regel endete das in Schlägereien.“

Zum Fäusteschwingen muss es natürlich nicht immer kommen. Die Fußballfankultur etwa basiert auf starker Gruppenidentifikation, auch die Pflege lieb gewonnener Feindbilder gehört letztlich dazu – ohne sie wäre eine Partie zwischen Dortmund und Schalke ja bloß ein normales Spiel. Aber es gibt auch andere, ernstere Feindbilder, etwa den Deutschen Fußball-Bund oder wiederum die Medien – Feindbilder, auf die sich alle einigen können und die wiederum den Widerstandswillen nicht nur der Ultras anstacheln.

Der Verein als Familie

Wie tief das reicht, erklärt Fanforscher Pilz am Beispiel eines Fans, der schrieb: „Der Verein ist für mich wie Familie.“ Sprich: Verliert der Verein, leidet man mit. Und wird der Verein kritisiert? „Das ist so, als wenn an Ihrer Frau oder Freundin Kritik geübt wird: Dann bleiben Sie auch nicht ruhig, sondern setzen sich entsprechend zur Wehr“, sagt Pilz. Vermutlich würde sich allerdings manche Frau oder Freundin freuen, würde ihr die gleiche Aufmerksamkeit zuteil werden wie dem Verein. Aufkleber wie „VfL – Ich würde alles für Dich tun“ findet man selten mit Frauennamen.

Wütende Naturheilfreaks, angesäuerte Musikfans, halbstarke Rock ’n’ Roller – sind all das nicht Randthemen, die außerhalb ihrer jeweiligen Filterblase eigentlich niemanden zu interessieren bräuchten?

Wer die Wirkungsmacht wutschnaubender Feindbildpflege als eher gering einschätzt, verkennt allerdings die Macht sozialer Netzwerke. In ihrem Buch „Connected“ gehen die US-Soziologen Nicholas A. Christakis und James H. Fowler den Wechselwirkungen und gegenseitigen Beeinflussungen innerhalb sozialer Netze – Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen bis hin zu Onlinekontakten – auf den Grund. Ergebnis: Der Einfluss, den andere auf unsere Entscheidung nehmen, ist immens. „Wie wir uns fühlen, wen wir kennen, wen wir heiraten, ob wir krank werden, wie viel Geld wir verdienen und wen wir wählen – das alles hängt von unseren Beziehungen ab“, schreiben die beiden Wissenschaftler. Dass soziale Interaktion Auswirkungen auf das eigene Wahlverhalten haben, zeigen mehrere Untersuchungen.

Auch, dass es selten zu fruchtbaren Diskussionen zwischen Menschen mit verschiedenen Anschauungen kommt – auch im digitalen Zeitalter bewegen sich die meisten Menschen nach wie vor in einem ähnlich gestrickten sozialen Umfeld. Wer diesbezüglich allzu positive Erwartungen an das Internet gesetzt hat, weil es den persönlichen Tellerrand zu erweitern geeignet ist, wurde enttäuscht: „Online-Netzwerke sind extrem homophil und polarisiert“, heißt es in dem Werk. „Das heißt, dass politische Information eher der Verstärkung bestehender Standpunkte dient als einem differenzierten Meinungsaustausch.“ Das erklärt auch, dass Medien so gut als übergeordnetes Feindbild funktionieren: „Sie haben in einem freiheitlichen Staat wie dem unseren immer die Möglichkeit, ein Medium zu finden, das es genau für Ihre Perspektive falsch gemacht hat“, sagt Bartoschek. Und: „Je radikalisierter man ist, desto mehr wird Wahrheit zum Schwarz-Weiß-Konzept.“

Gemeinsamer Unmut auf der einen, ständige gegenseitige Bestätigung auf der anderen Seite – das Kochen im eigenen Süppchen lässt sich leicht in politisches Gewicht umwandeln. Der Erfolg populistischer Heilslehren basiert schließlich auf dem Gefühl, dass einem etwas weggenommen werden soll – der Arbeitsplatz, das Sicherheitsgefühl, die Heimat; vielleicht aber auch bloß die Leidenschaft für einen Sport, die Begeisterung für eine Band, das Überzeugtsein von einer Pseudolehre.

Alles ist politisch

Und am Ende ist eh alles politisch – oder lässt sich bei Bedarf so hinbiegen: Da wird die Pharmabranche von der Regierung hofiert, werden die Medien von ihr gelenkt, steht der DFB symbolhaft für etablierte, quasibürokratische Strukturen. Letztlich wird aus dem „Wir gegen die“ schnell ein „Wir gegen die da oben“. Zwar muss übersteigertes Gruppendenken nicht zwangsläufig mit erhöhter Anfälligkeit für populistische Botschaften einhergehen, der Keim ist aber da. „Kern jedes Extremismus ist die Gruppenidentität“, sagt Bartoschek. „Wenn Sie die übersteigern und über die Identitäten anderer stellen, dann machen Sie genau das, was wir vom Faschismus kennen. Sie haben eine mehr oder minder willkürlich definierte Gruppe, im zweiten Schritt definieren wir dann, die eine oder andere Gruppe sei weniger wert.“

Der Totalitarismusforscher Uwe Backes warnt zwar vor Verallgemeinerungen bezüglich der Klientel der Populisten – es gebe eine „große Vielfalt von Befindlichkeiten, Gefühlen oder Überzeugungen, die zur Wahl einer solchen Partei führen“. Aber: „In der Wählerschaft populistischer Parteien dürften Anhänger einfacher Freund-Feind-Schemata oder auch Verschwörungstheorien stärker repräsentiert sein als in der etablierter demokratischer Parteien.“ Und ein gewisser Teil der Bevölkerung sei immer anfällig: „Es gibt ein autoritäres Potenzial in der Gesellschaft, das sich in Wellenbewegungen je nach Krisenlage mal stärker, mal weniger stark äußert. Aber es scheint einen Sockel zu geben, der bleibt.“

Eine Destabilisierung Deutschlands sieht Backes zwar unmittelbar nicht. Aber: „Langfristig gesehen kann man das aber nie ausschließen. Es gibt keine Garantie, dass etablierte Demokratien es auf Dauer bleiben.“

 

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