Serie Meister im Handwerk : Im Sturm der Globalisierung

Segelmacher-Meisterin Kati Jäger-Froese in ihrer Werkstatt am Schweriner Innensee
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Segelmacher-Meisterin Kati Jäger-Froese in ihrer Werkstatt am Schweriner Innensee

Segelmacher-Meisterin Kati Jäger-Froese produziert Segel in Schwerin, doch ihr Handwerk ist vom Aussterben bedroht

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23. Mai 2017, 12:00 Uhr

Warme Sonnenstrahlen glitzern auf den Wellen, der Wind rauscht durch die Baumkronen am Ufer und am Horizont gleiten weiße Dreiecke über das Wasser. Segelboote gehören zu dem Bild einer malerischen Seelandschaft. Doch die wenigsten Romantiker kennen den harten Wettbewerb um Segel, Bootsverdecke und Persenninge in den Zeiten der Globalisierung. Ein Konkurrenzkampf, der still geführt wird.

Eine Handwerksmeisterin, die mitkämpft, ist Kati Jäger-Froese. Sie gründete 1998 die Segelmacherei Schwerin, zusammen mit ihrem Mann Gunther Froese. Die Werkstatt des Ehepaars befindet sich hinter roten Backsteinmauern und blauen Fensterrahmen am Ufer des Schweriner Innensees.

Ein regionaler Arbeitsplatz, der sich global behaupten muss. Die Werkstatt gehört zur letzten ihrer Art in Deutschland. Nur noch wenige Segelmacher produzieren hierzulande, die meisten deutschen Betriebe konzentrieren sich auf Beratung, Verkauf und Reparaturen. „Ich schätze, es gibt noch fünf Unternehmen in ganz Deutschland, die eigene Segel produzieren“, sagt Jäger-Froese.

Mitarbeiter Stefan Hilbert arbeitet an einem Verdeck.
Mitarbeiter Stefan Hilbert arbeitet an einem Verdeck.
 

Wie viele ihrer Kunden, träumte Kati-Jäger Froese als Jugendliche von einer Karriere als Profi-Seglerin. Bereits im Alter von 13 Jahren begann sie mit dem Leistungssport. Die Lehre machte sie in einer Segelmacherei bei Fehmarn. Doch Handwerkerin wollte sie nur werden, um Segelsportlerin zu bleiben

Heute gehören Profi-Sportler zu ihrer Stammkundschaft. Manche kommen nach jeder zweiten Regatta. Sie erwarten individuelle Beratung und perfekte Leistung der Segel. Jäger-Froeses Produktion beginnt im Keller. Dort steht ein langer Tisch mit unzähligen Löchern, durch die ein Kompressor Luft ansaugt und so das Tuch glatt hält. Ein Plotter zeichnet, wie ein überdimensionaler Drucker, die Segeldesigns auf den Stoff. 45 Berufsjahre im Segelgeschäft, die dort unten vom Computer auf das Tuch übertragen werden. Komprimierte Erfahrungswerte, von denen sich Jäger-Froeses Kundschaft viel verspricht.

In der zweiten Etage der Werkstatt beginnt danach eine Puzzle-Arbeit, die auf riesigen Tischen stattfindet. Mitarbeiter nähen und kleben die Einzelteile zu einem großen Segel zusammen. Damit sich der Wind optimal in das Segel legt, muss der Stoff besonders kleinteilig sein. Die Aerodynamik und Form gleicht daher nicht zufällig einem Flugzeugflügel. „Über die Form regulieren wir die Windgeschwindigkeit und den Druck auf der Oberfläche, um so eine optimale Leistung zu erzeugen“, so Jäger-Froese.

Die Schweriner Segelmacher wollen mit Qualität punkten, im Gegensatz zur Billigkonkurrenz in Asien. Wie bei dem jungen Mann, der plötzlich in der Tür der Werkstatt steht. Er habe einen Riss im Verdeck seines Bootes. Sie erklärt ihm, dass er den Stoff in die Werkstatt bringen müsse, denn die großen Nähmaschinen würden auf kein Boot passen. „Wir machen immer Einzelanfertigungen, die mit unseren Kunden abgestimmt werden. Keine Serienproduktion, wie in China und auf den Philippinen“, sagt sie.

Obwohl die High-Tech-Segel aus Schwerin eine feste Stammkundschaft haben, wuchs der Druck aus der Globalisierung unaufhaltsam. Etwa bei der „Optimist-Bootsklasse“. Die kleineren „Opti-Segel“ kommen auf Booten zum Einsatz, mit denen Kinder und Jugendliche fahren. Sie sind oft auf Schweriner Gewässern zu sehen. Um die „Optis“ tobt ein ein besonders harter Preiskampf. Viele Menschen bestellen die kleinen Segel mittlerweile im Internet. Es sei schwer, bei den niedrigen Preisen mitzuhalten. „Bei der Segelherstellung bekommen wir nur die reine Arbeitszeit bezahlt. Aber so eine Beratung kann über zwei Stunden dauern. Hinzu kommen bei großen Segeln noch die Testfahrten auf dem Wasser“, sagt sie.

Vor vier Jahren traf das Segelmacher-Paar eine Entscheidung, um in diesem Konkurrenzkampf zu überleben. Mit fast 40 Segelmachereien schlossen sie sich der Verkaufsgemeinschaft „Ullman Sails“ an. Die Gruppe besitzt eine eigene Produktionsstätte in Südafrika, durch die die Mitglieder ihren Kunden die hart umkämpften „Opti-Segel“ anbieten können. Die Schweriner Segelmacher wurden selbst Teil der Globalisierung, um darin überleben zu können. Nicht nur weltweit, auch direkt vor der Haustür investieren Jäger-Froese und ihr Mann in die Zukunft. Vor der Werkstatt entsteht eine blaue Halle, unterstützt durch das Landesförderinstitut MV. Hier sollen Bootsverdecke entstehen, die bisher nur im Freien und bei gutem Wetter hergestellt werden konnten. Die Halle bekommt eine breites Schaufenster in Richtung Straße, offen für alle Blicke. Wie einer bedrohten Spezies, können dann Spaziergänger durch das Glas den Segelmachern bei der Arbeit zuschauen.

Wenn Katrin Jäger-Froese heutzutage ein Schiff betritt, dann nur noch, um ihre Kunden zu beraten. „Sobald es Frühling wird, kommen die Aufträge rein. Und im Herbst, wenn die Segelsaison vorbei ist, wird das Wetter bereits wieder schlechter. Zum Segeln komme ich dann nicht mehr,“ sagt die Handwerksmeisterin.

Der Ausbildungsberuf Segelmacher

  • Wo kann man den Beruf erlernen?: Lübeck (S-H)
  • Wie lange dauert die Aisbildung? drei Jahre
  • Wie gestaltet sich der Weg zum Meister? Die betriebswirtschaftlichen, kaufmännisch-rechtlichen sowie berufs- und arbeitspädagogischen Kenntnisse (Teile 3 und 4) werden im Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Schwerin angeboten. Fachtheorie und Fachpraxis (Teile 1 und 2) können bei der Handwerkskammer Lübeck absolviert werden.
  • Wie sehen die Berufschancen aus? Über die Ausbildungsmöglichkeiten und -betriebe im Land informieren die Ausbildungsberaterinnen der Handwerkskammer Schwerin unter Tel. 0385 7417-136 oder -172.
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