Serie: Meister im Handwerk : Hier ist wahre Präzision gefragt

Sebastian Boll brennt für sein Handwerk – und die Waffen, die er komplett von Hand fertigt. Fotos: Viviane Offenwanger
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Sebastian Boll brennt für sein Handwerk – und die Waffen, die er komplett von Hand fertigt. Fotos: Viviane Offenwanger

Vielfältige Aufgaben und die künstlerische Freiheit machen das Büchsenmacher-Handwerk für Sebastian Boll zum Traumberuf

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09. Mai 2017, 12:00 Uhr

Das Handwerk des Büchsenmachers blickt auf eine lange Tradition zurück. Besonders im 19. Jahrhundert, als praktisch jeder eine Waffe besaß, war der Büchsenmacher ein vielbeschäftigter Mann. Heute hat die industrielle Massenproduktion kleine Handwerker fast gänzlich verdrängt.

Vom Aussterben bedroht sieht Büchsenmachermeister Sebastian Boll sein Handwerk dadurch jedoch nicht. Seit Anfang 2016 leitet er den seit 1990 bestehenden Familienbetrieb Richter & Co in Neukloster. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Trend zurück zum Handwerk geht – und da sind wir Büchsenmacher ganz weit vorne“ sagt er. Neben Reparaturen, Zielfernrohrmontagen und Restaurierungen, die regelmäßig anfallen, müsse man sich eine zusätzliche Nische suchen– seine ist der Neubau von Waffen nach altem Vorbild.

Am Handwerk an sich habe sich dabei in den vergangenen 100 Jahren kaum etwas verändert. „Ich nutze noch immer die Systemtechnik, die 1898 entwickelt wurde, denn das Neuere ist nicht immer das Bessere“, sagt der Jungmeister und fügt hinzu: „Bei Waffen ist es häufig so, dass man eine Reproduktion eines alten Produktes oder ein Design aus der Vergangenheit aufnimmt und tatsächlich das beste auf dem Markt erhält“. Es brauche keine Verbesserungen hinsichtlich der Funktion, Zuverlässigkeit und Schützen-
sicherheit. So lässt er das „Alte“ und Bewährte mit dem Neuen verschmelzen und kann sich kreativ austoben. „Manchmal kann ich nachts gar nicht schlafen, weil ich mir ein neues Design und Komponenten für eine neue Waffe überlege“, schwärmt der 37-Jährige. Aus dieser Kombination entstehen solide und zuverlässige Unikate, als klassische Repetierbüchse oder Kipplaufwaffe – und nicht nur im oberen Preissegment. Die Industrie greife dabei vermehrt auf Aluminium und Kunststoff als Materialien zurück. Für Sebastian Boll kommt das nicht infrage – er schwört auf Stahl und Holz. Materialien, die sich nur von Hand wirklich formschön verarbeiten lassen. Sein wohl wichtigstes Werkzeug ist dabei nach wie vor die Feile. „Egal ob ich ein Teil selbst herstelle oder vorgefertigt kaufe – überall setze ich nochmal per Hand die Feile an, um anzupassen und die Formen zu verbessern.“ So holt er auch aus vergleichsweise günstigen Modellen für seine Kunden das Maximum an Qualität heraus.

Seine dreijährige Ausbildung hat er an einer der letzten beiden Berufsfachschulen für Büchsenmacher in Suhl absolviert – und schon damals war er mit seiner Berufswahl eher ein Exot. Dabei habe es für die Ausbildung viele Interessenten gegeben, wie er sagt. „Aber von den circa 80 Bewerbern werden am Ende nur 18 genommen. Davon sind allein in meinem Jahrgang nur drei im Beruf geblieben.“ Denn der Berufsweg nach der Ausbildung gestalte sich schwierig, wenn man noch keine konkreten Ziele habe. Zudem gilt der Büchsenmacher heutzutage als Allrounder, das heißt er vereint die Fähigkeiten des Feinmechanikers, Werkzeugmachers, Tischlers, Systemmachers und Schäfters in seinem heutigen Berufsbild.

Für Boll selbst ist das Büchsenmacher-Handwerk der absolute Traumjob: „Jeder Tag ist eine Herausforderung und keine Reparatur ist wie die andere, man muss sich immer erst reindenken.“ Die Früchte seine Arbeit darf der 37-Jährige dann auf dem Schießstand begutachten. Dort führt er das Einschießen, Probe und Kontrollschießen durch. Für ihn eine Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen, denn für den Schießsport begeistert sich Boll auch privat.

Wer seinen Beruf erlernen möchte, dem empfiehlt der Neuklosteraner viel Wissensdurst, Geduld und Ehrgeiz. „Auch Mathematik ist manchmal ganz hilfreich, damit die Teile später auch zusammen passen“ sagt er. Denn zum Waffenbau sind hochpräzises Feilen, technisches Verständnis und der Umgang mit Maschinen notwendig, um am Ende mit viel Feingefühl und Sinn für Ästhetik verschiedenste Materialien zu kombinieren.

Handwerk in MV: 131 Lehrberufe

Das Handwerk ist in Mecklenburg-Vorpommern unumstritten „die Wirtschaftsmacht von nebenan“ und ein wichtiger Motor: Die mehr als 20 000 Handwerksbetriebe im Land mit über 100 000 Beschäftigten und Lehrlingen erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von rund  neun Milliarden Euro.  Das Handwerk bildet in etwa 130 Ausbildungsberufen aus – von Bauberufen über Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Anlagenmechaniker, Tischer, Metallbauer, die Nahrungsmittelhandwerke wie Bäcker und Fleischer, die Gesundheitshandwerker wie Augenoptiker oder Zahntechniker, bis hin zum Friseur, Gebäude- und Textilreiniger oder zum Bestatter. In diesem Jahr absolvieren landesweit 4868 Auszubildende eine Lehre in einem Handwerksbetrieb. voff


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