Serie Meister im Handwerk : Ein Leben für die Uhr

Günter Klein, geboren in Neubrandenburg, ist seit 1956 Uhrmacher.
Günter Klein, geboren in Neubrandenburg, ist seit 1956 Uhrmacher.

Günter Klein ist Uhrmacher – seit 64 Jahren. Einen Nachfolger wird er nur schwer finden

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13. Juni 2017, 12:00 Uhr

Ticktack. Ticktack. Ticktack. Seit 64 Jahren hört Günter Klein das Klacken hunderter Uhren, beinahe jeden Tag. Eigentlich müsste es eines dieser Geräusche sein, die er mit der Zeit nur noch indirekt wahrnimmt, von Ohr und Gehirn als gegeben und nebensächlich abgespeichert. Für ihn aber ist es mehr. Es ist die Melodie seines Lebens.

Wenn Günter Klein, 78, darüber erzählt, die Stimme brüchig und leise, bekommt man eine Ahnung davon, dass hier einer spricht, der mehr Uhren repariert hat, als er noch reparieren wird. „Lange“, das sagt Klein selbst, „werde ich das nicht mehr machen.“ Vielleicht ist das der einzige Nachteil seines Handwerks: Ein Uhrmacher weiß stets, wie es um die Zeit bestellt ist.

Klein, das Haar zerzaust und der Schnauzbart gestutzt, wartet er schon vorne im Verkaufsraum, neben ihm die Uhren und der Schmuck in den Vitrinen fein säuberlich drapiert. Jede der Uhren, die ausliegt, die Ketten oder Ringe können Kunden auch woanders kaufen. Ein Klick genügt, selbst in Rehna mit seinen 3500 Einwohnern in der mecklenburgischen Provinz. Aber Klein sieht sich weniger als Verkäufer. Sondern aus Restaurator.

Eine schmale Tür führt vom Verkaufsraum nach hinten in seine Werkstatt. Dort könnte er Tage verbringen, die Zeit vergessen, selbst wenn die Sammlerstücke an den Wänden jede Sekunde mitzählen. Ticktack.

Zwei Arbeitsplätze hat er, sie sind übersät mit Lupen, Pinzetten, Zangen, Schraubendrehern, Messern. Hat etwas von einem Operationstisch. Er nickt. Das sei schon zu vergleichen, findet Klein: Die Arbeit an einer alten Uhr, manchmal 100 oder 200 Jahre alt, ist in gewisser Weise wie eine Operation. Die Uhr wird zu seinem Patienten. Und er ist der Chirurg.

Dass Klein das noch immer will, dieses präzise Arbeiten an millimeterkleinen Einzelteilen, die Geduld, das liegt an seinem Fanatismus. Er sei fanatisch nach Uhren, erzählt er; nach Taschen- und Turmuhren, Zeitmessgeräten, elektronischen und mechanischen Uhrwerken. Das hat er von seinem Vater.

In Rehna, nach dem Zweiten Weltkrieg, baute der direkt am Marktplatz einen kleinen Laden auf, ein Uhrenfachgeschäft. Handwerk gab man damals weiter. Und dennoch sagt Klein heute: „Wir hatten nicht das beste Verhältnis.“

Der Vater war es, der ihm empfahl, die Lehre zum Uhrmacher in einem anderen Betrieb zu machen; aus Angst vor zu viel Knatsch. Klein spurte, ging von Rehna nach Grevesmühlen, in die nächstgrößere Stadt, 30 Kilometer weg – und wurde nach kurzer Zeit wieder zurückgeschickt. „Ihr Sohn“, schimpfte der Ausbilder gegenüber Kleins Vater, „ist untauglich.“ Das war 1953. Heute, 64 Jahre später, steht Klein in dem Laden in Rehna, direkt am Marktplatz und blickt an die Wand. Dort hängt hinter Glas ein vergilbtes Blatt Papier mit verschnörkelter Schrift. Kleins Meisterbrief. Irgendwie funktionierte es doch mit seinem Vater, zumindest für die drei Jahre Lehre. Den Meister legte er in Hamburg ab; in dem Jahr, als die SED die Mauer hochzog. Klein blieb drüben. Die Freiheit des Westens: Selbstständigkeit in Düsseldorf, später Übernahme von zwei Geschäften. In den 80ern noch mal ein Neustart in München, Klein führte eine Werkstatt für alte, antike und historische Uhren. Bis 1999. Klein kehrte zurück nach Rehna und sanierte den Laden seines Vaters.

Einen Nachfolger sucht er noch immer. Die Leute von heute, glaubt Klein, würden Dinge wie Geduld nicht mehr so sehr beachten. Vielleicht ist das der Grund, warum er niemanden findet.

Aber an irgendjemanden weitergeben, einfach so? Schwer. „Es ist, wie eine liebe Frau zu finden: Das geht nicht an der Ecke“, sagt er und lächelt.

Der Ausbildungsberuf

Wo kann man den Beruf  erlernen?  in Hamburg

Wie lange dauert die Ausbildung?  drei Jahre

Wie gestaltet sich der Weg zum Meister?  Die betriebswirtschaftlichen, kaufmännisch-rechtlichen sowie berufs- und arbeitspädagogischen Kenntnisse (Teile 3 und 4) werden im Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Schwerin angeboten (www.btz-schwerin.de). Fachtheorie und Fachpraxis (Teile 1 und 2) können bei der Handwerkskammer Dresden oder der Handwerkskammer für Unterfranken absolviert werden.

Wie sehen die Berufschancen aus? Über die Ausbildungsmöglichkeiten und -betriebe im Land informieren die Ausbildungsberaterinnen der Handwerkskammer Schwerin unter Tel. 0385 7417-136 oder -172.

>> Die weiteren Teile unserer Serie finden Sie hier.

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