Sozialdezernent Junghans wieder im Rathaus Schwerin

svz.de von
16. Juli 2008, 10:57 Uhr

Drei Monate nach dem grausamen Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin ist der vormals für das Jugendamt zuständige Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU) wieder im Dienst. Der Kommunalpolitiker, dem schwere Versäumnisse in Amtsführung und Krisenmanagement vorgeworfen werden, kehrte am Dienstag in das Rathaus der Landeshauptstadt zurück. Am Abend zuvor war ein Abwahlantrag gescheitert, obwohl sich zuvor alle Fraktionen darauf verständigt hatten.

Abgeordnete von SPD, Grünen, Links- und Bürgerfraktion werteten das Ergebnis als dramatischen Vertrauensverlust, der die künftige Zusammenarbeit erheblich belaste. In Schwerin stellen CDU, SPD und Linke Dezernenten. Bärbel Schirrmacher vom Kinderschutzbund sprach von einem verheerenden Signal. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn Politiker nicht zu ihren Fehlern stünden und selbst Konsequenzen zögen. Junghans hatte einen Rücktritt abgelehnt.

Das Abstimmungsergebnis war offenbar auch für Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) überraschend gekommen. Noch vor vier Wochen hatte er festgestellt, dass das Vertrauensverhältnis zwischen einem Großteil der Stadtvertreter und Junghans „irreparabel gestört“ sei, und den Dezernenten beurlaubt. Schon zuvor hatte er seinem Parteikollegen die Zuständigkeit für das Jugendamt entzogen. Dabei soll es auch bleiben. Doch müsse die Aufgabenverteilung zwischen den drei Dezernenten neu geregelt werden, sagte Claussen, der ebenfalls in der Kritik steht. Er hatte den Hungertod des Mädchens unter anderem als „Pech“ bezeichnet, das jede Stadt treffen könne. Ende März wird die Stadtvertretung darüber abstimmen, ob ein Bürgerentscheid zur Abwahl des Oberbürgermeisters eingeleitet wird.

An diesem Donnerstag tritt erneut der zur Aufklärung des Falls Lea-Sophie gebildete Sonderausschuss der Stadtvertreter zusammen. Dabei sollen zwei Gutachter gehört und der Entwurf eines Abschlussberichtes beraten werden, hieß es. Die bisherigen Nachforschungen haben bereits erhebliche Defizite in der Arbeit des Jugendamtes offengelegt. So hatte es keine ordnungsgemäße Dokumentation gegeben. Warnhinweisen von Lea-Sophies Großvater war nicht konsequent nachgegangen worden. Er hatte sich mehrfach an das Jugendamt gewandt.

Die fünfjährige Lea-Sophie war am 20. November verhungert und verdurstet. Ihre Eltern sollen sie über Monate nicht mehr richtig versorgt haben. Die Staatsanwaltschaft Schwerin hat Mordanklage gegen die 24 Jahre alte Mutter und den 26-jährigen Vater erhoben.

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