Polizist: Vater sah Leiden von Lea-Sophie und blieb dennoch passiv

svz.de von
21. Januar 2009, 10:49 Uhr

Das Leiden der qualvoll verhungerten kleinen Lea- Sophie aus Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern war nach Überzeugung eines Polizisten zumindest dem Vater bewusst. In einer Vernehmung am Tag nach dem Tod der Fünfjährigen im November habe der Mann zu Protokoll gegeben, die Probleme des Kindes erkannt zu haben. Doch habe er nicht den Mut aufgebracht, einen Arzt zu rufen oder Bekannte um Hilfe zu bitten. „Er hat das Leiden und Sterben des Kindes gesehen und ist dennoch passiv geblieben“, sagte der Kriminalbeamte am Mittwoch als Zeuge vor dem Schweriner Landgericht.

Die Eltern von Lea-Sophie sind wegen gemeinschaftlichen Mordes durch Unterlassen und der Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagt. Das Mädchen war im November vorigen Jahres verhungert und verdurstet. Das von Liegegeschwüren gezeichnete Kind starb kurz nachdem es in eine Klinik gebracht worden war. Ein halbherziges Vorgehen des mehrfach alarmierten Jugendamtes hatte Untersuchungsberichten zufolge den Tod des Kindes begünstigt. Der Fall hatte auch politische Konsequenzen: Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) musste nach einem Bürgerentscheid seinen Stuhl räumen.

In der Vernehmung habe der 26-jährige Vater immer wieder von seiner „Prinzessin“ gesprochen, sagte der Polizist weiter. Das habe völlig im Widerspruch zu dem schlimmen Zustand des Kindes gestanden. Irritiert hätten ihn Anweisungen des Mannes zur Fütterung von zwei in der Wohnung gehaltenen Molchen am Ende der Vernehmung. „Ich dachte, wie kann man in dieser Sekunde an die Versorgung der Tiere denken, wo doch gerade Lea-Sophie so elendiglich gestorben war.“

Ein zweiter Polizeibeamter berichtete, die Eltern hätten am Abend der Einweisung Lea-Sophies ins Krankenhaus auf ihn einen eher „unbeteiligten Eindruck“ gemacht. „Jede Mutter würde doch verrückt werden, wenn ihr Kind ins Krankenhaus kommt.“ Die Wohnung der Familie habe einen sehr aufgeräumten Eindruck gemacht. „Das Kinderzimmer sah aus wie ein Museum: schmuck und steril, es fehlte nichts an Spielzeug“, sagte der Beamte. Doch habe dort offenbar seit Wochen kein Kind mehr gespielt. Als letzter Gast hatte den Ermittlungen zufolge der Großvater ein halbes Jahr vor dem Tod des Kindes die Wohnung betreten. Er hatte sich mehrfach hilfesuchend an das Jugendamt gewandt. Dessen Mitarbeiter nahmen Lea-Sophie aber nicht in Augenschein.

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