"Nur noch Haut und Knochen"

Erklärungsnot: Jugendamtsleiterin Heike Seifert und Sozialdezernent Hermann Junghans gestern Nachmittag auf der Pressekonferenz    Foto: Reinhard Klawitter
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Erklärungsnot: Jugendamtsleiterin Heike Seifert und Sozialdezernent Hermann Junghans gestern Nachmittag auf der Pressekonferenz Foto: Reinhard Klawitter

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16. Juli 2008, 10:39 Uhr

Selbst hart gesottenen Rettungskräften bietet sich ein Bild des Grauens, als die kleine Lea-Sophie in die Kinderklinik eingeliefert wird. Ihr Körper - ausgemergelt bis auf die Knochen. Gerade einmal sieben Kilogramm bringt die Fünfjährige auf die Waage. So viel wie einjährige Kinder. Die langen blonden Haare, die einst zu niedlichen Zöpfen gebunden waren, sind büschelweise ausgefallen. Offene Wunden haben auf dem Gesäß fausttellergroße Spuren hinterlassen. Ihr Körper ist verdreckt. Tagelang muss sie in ihren Fäkalien gelegen haben.
So sehr sich die Ärzte auch bemühen, in der Nacht verlieren sie den Kampf um die Kleine.

Die Nachbarn
"Es ist so schrecklich", sagt eine Seniorin aus der Kieler Straße im Schweriner Plattenbauviertel Lankow. "So was sieht und hört man ansonsten doch nur im Fernsehen. Und jetzt stirbt hier ein kleines Mädchen, das gleich nebenan gewohnt hat." So wie der Rentnerin geht es vielen Nachbarn. "Das ist eine gute Wohngegend hier", sagt ein Mann. "Die jungen Leute haben keinen Krach gemacht, das war alles ganz normal." Dass sich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine solche Tragödie abgespielt hat, haben sie nicht bemerkt.

Die kleine Lea-Sophie haben allerdings selbst die unmittelbaren Nachbarn nur selten gesehen. "Da war mal ein kleines Mädchen beim Einzug der Familie dabei. Aber ansonsten haben wir Frau G. immer nur mit ihren Hunden spazieren gehen sehen. Und zuletzt eben mit dem Neugeborenen im Buggy", berichten Nachbarn.

Die Familie
Lea-Sophie G. hatte mit ihrer 23-jährigen Mutter G. und ihrem Vater S. - die Eltern sind nicht verheiratet - und ihrem erst im vergangenen Monat geborenen Brüderchen Justin seit Januar 2006 in der Kieler Straße gewohnt. Die Kleine hatte bis 2004 eine städtische Kinderkrippe besucht und sei ein lebenslustiges, normales Mädchen gewesen, berichten Kita-Mitarbeiterinnen.

Der Vermieter
Probleme mit den vier Mietern im Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses in der Kieler Straße habe man als Vermieter nicht gehabt, sagte SWG-Vorstandsvorsitzender Wilfried Wollmann. Lediglich der kleine Hund der Familie G. sei ab und an zu laut geworden. Als ein zweiter Hund angeschafft wurde, gab es Probleme mit den Nachbarn, bestätigt Wollmann. "Wir hatten im Frühjahr ein Gespräch mit der Familie. Die Tochter machte damals einen sehr artigen und gut erzogenen Eindruck", erinnert sich der Vorstandschef und ergänzt: "Sie war zwar ein schmächtiges Mädchen, machte aber keinen unterernährten Eindruck." Umso betroffener sei die Mitarbeiterin vom sozialen Management der SWG, dass das Mädchen jetzt tot sei.

Laut Wollmann habe auch die Wohnung einen gepflegten Eindruck gegeben. Familie G. sei zudem stets um Lösungen von Problemen bemüht gewesen. Einen weiteren Kontakt zwischen der SWG und seinen Mietern habe es vor wenigen Wochen gegeben: Die Betriebskosten-Nachzahlung für 2006 habe Familie G. offenbar vor finanzielle Probleme gestellt. Bei einem Gespräch mit der Genossenschaft wurde darum nach Zahlungsmöglichkeiten gesucht. Die kleine Lea-Sophie sei bei diesem Gespräch allerdings nicht dabei gewesen.

Die Mediziner
In den Schweriner Helios-Kliniken war Lea-Sophie in den vergangenen Jahren des Öfteren behandelt worden. Auffälligkeiten habe es nicht gegeben, war aus dem Schweriner Klinikum zu erfahren. Doch als die Mediziner die Fünfjährige am Dienstagabend gesehen haben, seien sie an fürchterliche Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert worden, schildert ein Augenzeuge: "Das Mädchen war nur noch Haut und Knochen."

Die Klinikärzte konnten in der Nacht zu Mittwoch auf der Intensivstation das Leben von Lea-Sophie nicht mehr retten. Die Beteiligten sprachen von "erheblicher Unterernährung und starkem Flüssigkeitsverlust" bei dem Kind.

Das Jugendamt
"Solange die Staatsanwaltschaft die Untersuchungen zum Fall nicht abgeschlossen hat, werden wir uns zum Fall nicht äußern, um die Ermittlungen nicht zu gefährden", reagierte Hermann Junghans auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Der Dezernent für Jugend und Soziales in der Landeshauptstadt bestätigte vor der außergewöhnlich großen Medienschar lediglich, dass vor 14 Tagen zwei Mitarbeiter seiner Behörde nach einem anonymen Hinweis in der Kieler Straße gewesen seien.

"Beim Verdacht der Kindeswohlgefährdung haben wir ein konkret geregeltes Verfahren, das abgearbeitet wird", so Junghans weiter. Es gäbe keine Hinweise, dass seine Mitarbeiter etwas anders gemacht hätten, als es dieses Verfahren vorschreibe. Und: "Ich sehe auch im konkreten Fall keinen Anlass dafür, dass wir unser Verfahren verbessern müssten."

Über den Aufenthalt von Lea-Sophies kleinem Brüderchen Justin wollte Junghans ebenfalls keine Auskunft geben: "Sie können aber davon ausgehen, dass es keinerlei Gründe für eine Gefährdung des Kindes gibt." Wie unsere Zeitung später erfuhr, ist das Kind von der Polizei aus der Wohnung geholt und Pflegeeltern übergeben worden.

Dass die fünfjährige Lea-Sophie stark unterernährt und dehydriert war, als sie ins Krankenhaus kam, wollte Hermann Junghans nicht kommentieren. "Ich sage nichts zum konkreten Fall", so der Politiker. "Die Todesursache zu klären, ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft."

Die Ermittler
Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler war die dramatische Unterernährung der kleinen Lea-Sophie vermutlich nicht die Todesursache gewesen. Genauen Aufschluss soll es aber erst im heutigen Tagesverlauf geben, wenn das tote Mädchen durch die Gerichtsmedizin obduziert wurde.

Weil die Fünfjährige am Dienstagabend offenbar keine Luft mehr bekommen hatte, alarmierte der 26-jährige Vater den Notarzt. Es ist unklar, ob er zu diesem Zeitpunkt erst in die Wohnung gekommen war.

Was tatsächlich vorgefallen war - darüber gibt es verschiedene inoffizielle Varianten. Es ist sogar von einer Strangula tion des Mädchens die Rede. Innenminister Lorenz Caffier sprach gestern von "Rötungen im vorderen Halsbereich".

Die Eltern von Lea-Sophie und Justin wurden nach Angaben von Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick gestern Abend vorläufig festgenommen. Sie sollen heute dem Haftrichter vorgeführt werden. Gegen die 23-jährige G. und den 26-jährigen S. werde nun wegen "Tötung durch Unterlassen" ermittelt.

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