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Befreiung, Freiheit und Verantwortung

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erstellt am 18.Mär.2011 | 12:06 Uhr

Letztes Jahr, als wir die Jahrestage feierten, die uns an die friedliche Revolution in Deutschland und an die Neugestaltung der Verhältnisse im Osten unseres Landes erinnerten, hätte wohl kaum einer gedacht, dass die Botschaft der Freiheit ausgerechnet in den arabischen Ländern so mächtig werden würde.

Ja, sage ich, wir können uns heute nicht nur freuen im Rückblick auf die Tage, in denen wir unsere Freiheit gewonnen haben, sondern wir können diese Freude teilen mit den Menschen in Ägypten, in Tunesien und hoffentlich bald auch in den anderen Ländern, in denen die Menschen auf die Straße gehen.

Ja, mich haben die Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo an die aus dem Herbst 1989 bei unseren Demonstrationen erinnert. Wenn ich in die Gesichter dieser Menschen dort in Ägypten sehe, spüre ich wieder etwas von dem Gefühl von damals - das ist noch immer wundervoll. Es ist schön, wenn Menschen ihre Angst verlieren, die schon Teil ihrer Persönlichkeit geworden war. Es ist dieses wunderbare Gefühl, das wir damals entdeckten und das dort wieder entdeckt wird - dieses Gefühl, ein Bürger zu sein, Rechte zu haben und das eigene Schicksal selbst in die Hände nehmen zu können.

Aber natürlich habe ich auch Angst. Die Menschen dort stehen ja erst am Anfang. Sie haben beispielsweise noch diesen bedeutsamen Tag vor sich, an dem sie zum ersten Mal frei wählen werden können. Diesen Tag, der bei uns im März 1990 kam und an den ich mich so gut erinnere, weil ich damals als 50-Jähriger zum allerersten Mal in meinem Leben eine wirkliche Wahl hatte.

Ich weiß nicht, ob es in Ägypten und Tunesien genügend Menschen gibt, die dem Neuen, das entstehen muss, Gestalt geben können. Bei uns, im ganzen Osten Europas gab es das zum Glück und fast überall ist der Übergang zur Demokratie gelungen.

Wir selbst haben jetzt gut 20 Jahre hinter uns gebracht in der neuen Bundesrepublik und zuweilen scheint dies manchem schon eine unendlich lange Zeit. Im Leben eines Menschen ist das 21. Lebensjahr bei den allermeisten allerdings immer noch Anfang, manche haben zwar schon das erste Geld verdient und die erste Liebe hinter sich. Viele haben alles noch vor sich - mehr Zukunftswünsche als gestaltetes Leben prägen die 20-Jährigen. Alle behaupten sie mit gutem Grund, sie seien erwachsen. Und gleichzeitig fürchten sie sich davor, zu werden wie die Eltern, von Arbeit aufgefressen zu werden und tägliche Verantwortung zu übernehmen.

Einigen erscheint in diesem Alter die Zukunft wie eine dunkle Drohung oder zumindest als endlose Unsicherheit. Anderen, den meisten, erscheint sie als Versprechen: so vieles wartet darauf, besucht oder gemeistert und gestaltet zu werden - Spannung, Erwartung.

Wir in den neuen Bundesländern haben immer von allem etwas. Und so verbanden sich die vielen unterschiedlichen Töne zu einem Klangteppich, aus dem nur zu besonderen Zeiten eine deutlich dominierende Melodie zu vernehmen ist. Tatsächlich war das vor gut einem Jahr so, als das Gedenken an 20 Jahre Mauerfall und friedliche Revolution die Menschen hier zum Innehalten und zur Freude brachten. Wir haben mit all unseren Gästen aus der weiten Welt und mit vielen Jungen, die erst nach 1989 geboren waren, erfüllte Erinnerungstage erlebt.

Jetzt ist bei uns wieder der Alltag eingekehrt - auch wenn wir an den Gestaden des Mittelmeeres etwas wiederzuerkennen glauben und damit auch diese Melodie der freudigen Erinnerung wieder erklingen mag. Und mit diesem Alltag sind auch die alltäglichen Sorgen und Klagen wieder zurück.

Dennoch hat sich in den letzten Jahren einiges geändert bei uns. Der fast schon traditionelle Missmut ist mehrheitlich einer gewissen Zufriedenheit mit dem Erreichten gewichen. Das war nicht immer so. Man konnte gerade in den Jahren nach 1990 zuweilen den Eindruck gewinnen, die neuen Bundesbürger würden immer demokratiemüder, sehnten sich nach einer Rückkehr in die sozialistische Wärmestube. Da hat sich dann aber im Laufe der Zeit doch einiges geändert. Und jetzt, nach dieser großen Wirtschaftskrise haben wir in Ost wie in West etwas an einer wirklich gemeinsamen Erfahrung im erfolgreichen Durchschreiten von Schwierigem hinter uns.

Dennoch, der Alltag aber, den wir hier zu gestalten haben, bringt andere Aufgaben als die Zeiten, in denen es darum geht, die Freiheit zu gewinnen. Eine dieser Aufgaben ist es, das Gewonnene zu verteidigen. Und wenn ich heute bei meinen Veranstaltungen rede, so spreche ich gerne auch darüber. Wir sind gut beraten, wenn wir nicht das, was wir schon können und erlernt haben, für ausreichend halten, für alle Zukunft gewappnet zu sein. Auch, gerade für Demokraten ist das beständige Lernen ein Erfordernis. Und dieses Lernen, das heißt für mich in einem Land der Freiheit vor allem ein stetiges Ringen um ein größtmögliches Maß an Eigenverantwortung. Dieses stetige Ringen ist notwendigerweise immer auch ein Meinungsstreit - an den zu gewöhnen manchem von uns Älteren noch schwer fällt.

Zu diesem Erfordernis des Lernens gehört es, sich der Tatsache zu stellen, dass unser Land für viele Zuhause geworden ist, die selbst oder deren Vorfahren aus ganz anderen Kulturkreisen kommen. Wir stecken mitten in einer zuweilen überaus erregten Debatte darüber, was sich denn konkret hinter dem verbirgt, was Integration genannt wird, was wir anstreben und doch zu oft nicht erreichen.

Wir hören dazu eine Vielzahl von Ratschlägen und nicht immer aus berufenem Mund. Aber wir erleben auch Menschen, die zeigen, welch lernfähiges und handlungswilliges System die freiheitliche Gesellschaft sein kann. Der Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, eines Problemstadtteils, ist solch ein Beispiel. Er benennt nicht nur Defizite, er stellt nicht nur Forderungen. Er müht sich ab und seine Bemühungen zeigen in bescheidenem Maße auch Erfolge.

Die Bürgergesellschaft ist nicht dann am interessantesten, wenn Ängste und Vorurteile die Debattentemperatur anfachen, sondern wenn Bürgerinnen und Bürger selbst aktiv werden und mithelfen, Menschen einzuladen. Es gibt überall Beispiele dafür - etwa in Form kostenloser Nachhilfe oder anderer Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen oder der freiwilligen Feuerwehr beispielsweise. Dies ist die einladende Gesellschaft, die ich mir wünsche. Ich erwarte aber auch von denen, die hier eingewandert sind, dass sie sich anstrengen.

Es sind allerdings, zumal in Ostdeutschland mit seiner großen Zahl an Langzeitarbeitslosen, nicht nur bestimmte Emigrantengruppen, die von der Solidarität der Gemeinschaft leben, ohne selbst aktiv zu werden, oft auch aktiv werden zu können für die Gemeinschaft. Angesichts der Debatten um diese Abgehängten unserer Gesellschaft muss eine Politik stärker ausgebaut werden, die Hilfen zur Selbsthilfe, zum Wiedererlangen eines selbstbestimmten Weges betont.

Es ist unmenschlich, Schwachen etwas abzuverlangen, was sie überfordert. Es ist unbarmherzig, ihnen die erforderlichen Hilfen zu verweigern. Aber es ist auch gedankenlos und zynisch, so zu tun, als könnten alle die Menschen, die im Moment nichts haben, auch nichts tun. Von ihnen nichts zu fordern, kann ebenfalls sehr menschenfeindlich sein.

Vor gut 20 Jahren haben wir erfahren, wie wir einst Ohnmächtigen uns ermächtigen konnten. Aber diese Ermächtigung zur Bürgerexistenz muss eben wieder und wieder neu erlernt werden. Denn Ohnmacht gibt es auch ohne Diktatur. Sie ist nicht ausgestorben in einer freien Gesellschaft. Sie zu überwinden, schafft in aller Regel der Staat nicht. Und dort, wo kommunikationsscheue und ängstliche Politiker agieren, wo sie Informationen über die Wirklichkeit portionieren, aufhübschen oder gar verschleiern, wird aus Ohnmacht schnell der Politikverdruss. Davon haben wir heute immer noch zu viel, viel zu viel erneut.

Und doch bin ich zuversichtlich, dass wir - die 20-Jährigen wie die 70-Jährigen gleichermaßen, die gewonnene Freiheit nutzen und weiter entwickeln werden. Sicher, wir leben heute in einer wahrlich nicht einfachen, in einer hochkomplizierten Welt. Wir mögen zuweilen getrieben sein von dem Gedanken an eine Erlösung von der Fülle all der Probleme. Aber dieser Gedanke an die alles erklärende, einfache Antwort ist schädlich.

Wir sollten uns auf etwas anderes verlassen, das wir insbesondere in den Tagen und Wochen der Jahre 1989 und 1990 so eindringlich erleben durften. Wir haben damals zunächst gespürt und dann erfahren, dass die Menschen die hinlänglichen Begabungen zum Meistern ihres Schicksals haben. Dazu gehört vor allem das geheimnisvolle Lebensprinzip, das uns belohnt, wenn wir uns in Beziehung setzen zu anderen Menschen.

Wir wissen heute, nach diesen 20 Jahren, dass wir Freiheit können. Und wenn wir diese errungene Freiheit nicht verwandelt sehen wollen in billige Beliebigkeit, wenn sie nicht erstickt werden soll in der Asche der Gleichgültigkeit, dann werden wir gut daran tun, sie mit all unserer Kraft weiter zu entwickeln. Diese Freiheit hat ja einen Namen, dem wir Vieles abgewinnen können und der eine gute Zukunft verspricht. Sie heißt Verantwortung! Wer Ja sagt zu seiner Verantwortung, wer sie nicht nur will, sondern lebt, dem fließen Kräfte zu, die ihn und diese Welt verändern.

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