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Verzweifelter Rettungsversuch gegen die Flut

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erstellt am 09.Jun.2013 | 07:43 Uhr

Dömitz/Boizenburg | Ob aus Jute oder Kunststofffasern, ob in Größe S oder XXL - der Sandsack ist dieser Tage das wohl wichtigste Hilfsmittel im Kampf gegen die Fluten. Überall dort, wo das Hochwasser der Flüsse Ortschaften sowie Leib und Leben bedroht, werden sie eingesetzt. So auch in Mecklenburg-Vorpommern entlang der Elbe.

Der Fluss ist mittlerweile zu einem riesigen Strom angeschwollen. Und die Pegel steigen weiter. Nach aktuellen Berechnungen erwartet der Landkreis Ludwigslust-Parchim am Mittwoch Pegelspitzen von über sieben Meter. So soll das Wasser in Dömitz bis auf die Marke von 7,60 Meter klettern, für Boizenburg werden sogar 7,80 Meter vorhergesagt. Das teilte der Sprecher des Landratamtes Andreas Bonin mit. Aufgrund dieser Prognosen beschloss der Krisenstab am Sonnabend die sofortige Erhöhung der Deiche auf dem 21 Kilometer langen Elbe-Abschnitt. Mit Hilfe von Sandsäcken soll das Bollwerk um 30 Zentimeter wachsen. Ausgelegt sind die Elbdeiche auf Hochwasserstände von 6,80 Meter. Darüber ist noch ein Meter Sicherheitsbereich.

Demnach laufen die Schutzmaßnahmen in den gefährdeten Gebieten auf Hochtouren. Die Behörden bereiten Evakuierungen vor allem von Alten- und Pflegeheimen vor.

Unterdessen werden erste Schäden gemeldet: Im Dömitzer Hafen-Hotel steht die Veranstaltungshalle 40 Zentimeter unter Wasser, wie der Technische Leiter Michael Kirstein sagte.

Unterstützt werden die Einsatzkräfte vor Ort durch die Bundeswehr. Seit Mittwoch sind Soldaten des Panzergrenadierbataillons aus Hagenow rund um die Uhr im Einsatz. Am großen Sandberg auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes in Lübtheen füllen sie unermüdlich einen Sandsack nach dem anderen. Bislang sind es knapp 60 000. Mehr als 40 000 konnten bereits an den Deichen verlegt werden. Ein Sack wiegt durchschnittlich rund 15 Kilogramm. "Wir füllen die Säcke ungefähr immer gleich viel mit Sand, unabhängig wie groß er ist. Das ist für die Helfer einfach handlicher", sagt Hauptmann Sven Scharnitzki. Dabei verzichten sie auf Hilfswerkzeuge wie Trichter und Co. "Wir haben festgestellt, dass die Jungs mit der Schaufel am schnellsten sind", erklärt Scharnitzki und lobt die Einsatzbereitschaft der Truppe: "Alle sind hoch motiviert". Unter den Männern ist auch Oberfeldwebel Sebastian Meißner von der 5. Kompanie. Der 32-Jährige ist in Ludwigslust zuhause und hat bereits Erfahrungen mit dem Elbe-Hochwasser. "Ich kenne das von 2002. Ich war damals zwar selbst nicht betroffen, habe aber Freunden in Dömitz beim Hochwasserschutz geholfen. Zu der Zeit war ich noch nicht bei der Bundeswehr", erzählt er. Nun ist er wieder im Einsatz. Diesmal ganz offiziell auf Bitte des Landes.

Meißner und seine Kameraden arbeiten in Schichten: Während die einen stundenlang den Sand in die Säcke schippen und palettenweise auf Lkw hieven, bleibt den anderen Zeit zum Verschnaufen. Wenn auch nur für wenige Stunden. "Wir berücksichtigen natürlich die Arbeitsbelastung und gönnen den Kräften angemessene Ruhephasen", verdeutlicht Oberleutnant Gerrit Schütt.

Seit dem Wochenende wird die Truppe verstärkt durch Soldaten des Logistikbataillons aus Stavenhagen, der Flugabwehrraktengruppen aus Sanitz und Bad Sülze, des schweren Pionierbataillons aus Minden und des Fernmeldebataillons aus Neubrandenburg. Insgesamt stehen im Landkreis Ludwigslust-Parchim und für das Amt Neuhaus somit mehr als 1000 Soldaten zur Verfügung. Weitere 300 Soldaten des Panzerbataillons aus Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen) hat die Bundeswehr bereits beordert. Familien der Soldaten bringen inzwischen Verpflegung, Brote und Kuchen, an die Deiche. Selbst Wasser in Flaschen ist mitunter knapp.

In Heiddorf, einer Ortschaft am Rande der Griesen Gegend, werden die Säcke aus Lübtheen gesammelt, ebenso in Neu Kaliß und Besitz bei Boizenburg. Von dort aus werden sie auf die Deiche verteilt.

Sorge bereitet den Heiddorfern vor allem die Elde, die in Dömitz in die Elbe mündet. Denn der Elbe-Pegel ist so hoch, dass die Elde nicht mehr richtig abfließen kann. Ein Rückstau ist die Folge. Dazu kommt das Drängwasser, das durch den hohen Grundwasserspiegel an die Oberfläche gedrückt wird. Um die Anwohner vor den Fluten zu schützen, sicherten am Sonnabend Bundeswehrsoldaten die Deiche rund um denElbe-Zufluss mit Sandsäcken. Drei Züge erhöhten vier Kilometer Deichkrone um 30 Zentimeter. Das sind 12 bis 18 Säcke pro Meter. Ob dieser Schutzwall ausreicht, wird der Mittwoch offenbaren. Dann wird der Scheitelpunkt des Elbe-Hochwassers die Region passieren, der laut Einschätzungen der Experten rund vier Tage anhalten soll.

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