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In Breese liegen die Nerven blank

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erstellt am 11.Jun.2013 | 08:36 Uhr

„Wir wohnen seit 2005 hier – so schlimm war es noch nie. Es ist alles kaputt.“ Die Bilanz von Annette Fürst und ihrem Mann Andrejs Rusmann-Fürst fällt ernüchternd aus. Die Breeser wohnen in der Trift/Ecke Perleberger Straße, aus aktueller Sicht also vor dem Deich, den man in der vergangenen Woche eilig auf dem Damm der Landesstraße errichtet hatte. Er soll den Großteil des Ortes vor der Flut schützen und den immer noch fehlenden Hochwasserschutz kompensieren. Ihre Rettungsaktion für Möbel, Geräte und Hausrat verpuffte. Die Familie hatte alles in ihrer 2012 neu hergerichteten Scheune auf erhöhter Position abgestellt. Nicht hoch genug, wie sich herausstellte. Auch die hölzerne Innenverkleidung der Scheune ist hinüber, ebenso wie die Fußbodenheizung im Haus und noch viel, viel mehr. Privat ist die Familie bei Verwandten in Groß Breese untergekommen. „Morgens, mittags und abends schauen wir nach dem Rechten. Mehr können wir im Moment nicht tun“, sagt Annette Fürst.


Ihren Nachbarn geht es nicht anders. Mehr oder weniger tatenlos müssen sie derzeit mit anschauen, wie ihr Hab und Gut in Ermangelung des seit langem geforderten Deiches von der Stepenitz geflutet wird. Die Nerven liegen aber nicht nur hier blank, sondern auch im „Rest“ des Dorfes, der bislang von der Katastrophe weitgehend verschont blieb. Noch. Denn sicher ist sich in Breese kaum jemand. Aus der Stepenitzniederung drückt es gewaltig. Das kann man gut am Ortseingang aus Richtung Wittenberge beobachten. „Wenn der Sandsackdeich bricht, sind wir weg. Aber: Man muss optimistisch bleiben“, meint Bettina Hoppe. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Scheiblich betreibt sie in Breese das Eiscafé. Während sie den Betrieb in Breese aufrecht erhält und versucht, die unzähligen Helfer nach besten Kräften zu unterstützen, kämpft ihr Mann im Restaurant in Sandkrug mit dem Elbwasser. Das Lokal dort ist vorübergehend geschlossen. „Wie lange, wissen wir nicht. Wenn die Wasserstände in der Elbe weiter hoch bleiben, dann kann das dauern“, so Bettina Hoppe. Der Sandsackwall, von dem sie spricht, drohte am Montag abzurutschen. Freiwillige Helfer ackerten, bis die Stelle gesichert war. Mit dabei auch Ramona Böllstorf und ihr Mann Thomas. „Man hat einfach keine Ruhe“, beschreibt die Breeserin die Stimmungslage im Ort. Jedes noch so vage Gerücht über die Hochwassersituation im Umland macht ihr Angst - und nicht nur ihr. Seit 1999 wohnt die Familie im Dorf, hat seither alle Fluten durchlebt. Dass zahlreiche Projekte zum Hochwasserschutz es bisher nicht über die Planung hinaus geschafft haben, ärgert Thomas Böllstorf. „Es muss einfach auch mal was angefangen werden, selbst wenn es so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie ein Deichrückverlegungsprojekt“.


Das neue politische Zauberwort dafür lautet: Hochwasserschutz-Beschleunigungsgesetz. Die Freistaaten Sachsen und Bayern wollen gemeinsam mit anderen Ländern jetzt eine entsprechende Initiative starten. „Ich unterstütze das“, sagte gestern der Prignitzer Landtagsabgeordnete Thomas Domres (Die Linke) im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Zweifel hätte dann der Hochwasserschutz Vorrang vor Bürgerprotesten oder Naturschutz. Ein durchaus sensibles Thema auch in der Prignitz, wie Thomas Domres deutlich macht. Man sollte in der Region offen und ehrlich mit dem Thema umgehen, genauer darauf schauen, warum sich im Einzelnen Projekte hinauszögern, wie beispielsweise der Stepenitzdeich in Breese. Landtagsabgeordneter Gordon Hoffmann (CDU) stammt aus Breese. „Ich wohne selbst inzwischen nicht mehr dort, aber meine Eltern“, sagt er. Sie seien momentan nicht unmittelbar betroffen, das Ganze ist aber inzwischen keinem Menschen mehr zu vermitteln. „Es muss was passieren, ehe hier in Kürze wieder Politiker mit langen Gesichtern stehen und sich die Katastrophe anschauen.“


In einer etwas komfortableren Lage ist der Nachbarort Weisen. Aber auch hier ist, trotz des nach der Flut 2002 erfolgten Deichneubaus, nicht alles Gold, was glänzt. Von der Chaussee nach Breese bis zum Weisener Sportplatz sei der Hochwasserschutzwall nicht gesichert. Und durch den Sommerdeich, auf dem sich der Radweg befindet, sickert’s durch. „Die Deichhöhe ist okay, aber die Qualität?“, fragt Bürgermeister Berndt Wiechert. Sandsäcke sind auch hier das probate Mittel, um Schlimmeres zu verhindern. Rund 1000 Tonnen Kies wurden in Weisen in den vergangenen Tagen geschippt, zirka 120 000 Säcke gefüllt. Von Entspannung kann allerdings nicht die Rede sein – nicht für die Deiche und nicht für die Nerven.

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