„Christian Radich“ : Der Star vom Meeresgrund

Die “Christian Radich” hat eine lange Geschichte.
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Die “Christian Radich” hat eine lange Geschichte.

Das Segelschiff „Christian Radich“ tritt in die Fußstapfen des „Fliegenden Holländers“

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31. Juli 2018, 11:22 Uhr

Morsche Segel, verwitterte Balken und ein Bug, dessen Bretter an das gierige Maul einer Bestie erinnern: Das verwunschene Schiff des „Fluch der Karibik“-Bösewichts Davy Jones (ein englisches Idiom für das Seemannsgrab am Grund des Meeres) lässt das Blut in den Adern gefrieren. Besonders dann, wenn es unversehens aus den eisigen Fluten des Ozeans auftaucht. Gut, dass es einer alten Sage entsprungen ist. Dennoch haben wir den kleineren, harmloseren und hübscheren Bruder des „Fliegenden Holländers“ ausgemacht. Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie es uns anders formulieren: Heute schon die „Christian Radich“ am Liegeplatz 8a in Warnemünde entdeckt? Der weiße Großsegler, der dort ankert, wo sonst die großen Kreuzfahrtschiffe ihren Gästen und Besatzungsmitgliedern einen Landgang ermöglichen, ist ein lupenreines „Vollschiff“ und fährt unter der Flagge Norwegens. Erbaut im Jahr 1937 und mit einer Länge von 73 Metern (also kleiner als das ebenfalls in Warnemünde ankernde russische Schulschiff „Mir“ (zu deutsch „Frieden“)) ausgestattet, zeigt sich der eindrucksvolle Segler als Meisterwerk der Schiffbaukunst.

Was so ein „Vollschiff“ ausmacht? Dass es mindestens drei Masten besitzt und rahgetakelt ist, also mit rechteckigen oder trapezförmigen Segeln an Rundhölzern (Rah) geführt wird. Die Größe und Länge des Schiffes hat einen tieferen Sinn: die „Christian Radich“ wurde nach dem gleichnamigen norwegischen Unternehmer und Reeder (1822-1898) benannt, der eine hohe Geldsumme an eine Stiftung für den Bau des Segelschulschiffes spendete – unter der Bedingung, dass es nach ihm benannt werde. Etwa 40 Jahre nach dem Tod Radichs lief schließlich, nach allerlei Problemen in der Beschaffung eines geeigneten fahrbaren Untersatzes, der heutige Großsegler vom Stapel. Klingt alles nicht nach einem Schiff für Seemannsgräber, nicht wahr? Zumindest nicht, wenn die Geschichte der „Radich“ hier aufgehört hätte.

Die zwielichtige Sagengestalt Davy Jones (hier beim Sandskulpturenfestival auf Usedom) hätte seine Freude an der „Christian Radich“ gehabt.
Stefan Sauer

Die zwielichtige Sagengestalt Davy Jones (hier beim Sandskulpturenfestival auf Usedom) hätte seine Freude an der „Christian Radich“ gehabt.

 

In der Folge steuerte das Schiff verschiedene Häfen in Großbritannien und New York an, bis es, nur ein Jahr nach seiner Jungfernfahrt, als Depotschiff für die Kriegsmarine von Deutschland beschlagnahmt wurde. 1945 sank die „Christian Radich“ im Bombenhagel und verschwand in den eisigen Fluten vor Flensburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Norweger schließlich vor der Wahl: Das zurückgewonnene Staatseigentum entsorgen oder bergen. Da das Abwracken die Instandsetzungskosten des Schiffes deutlich überstiegen hätten, bekam die „Christian Radich“ eine zweite Chance. Der Segler wurde dem Meeresgrund entrissen und für 70 000 Pfund rekonstruiert. Wie der „Fliegende Holländer“ in „Fluch der Karibik“ wurde er 1958 zum Star eines Films. Der Dokumentarstreifen  „Windjammer“ verfolgt die Überfahrt über den Atlantik zur Karibik bis nach New York und gibt einen tieferen Einblick in das alltägliche Leben auf einer langen Schiffsreise. In den 70ern folgte der große Auftritt der „Radich“ in der britischen Fernsehserie „Die Onedin-Linie“, die das wachsende Schiffsimperium des Kapitäns James Onedin nachempfindet. Heute fährt der Segler mit einer 16-köpfigen Stammmannschaft und Platz für bis zu 100 Auszubildende wieder unter norwegischer Flagge. Ohne morsche Segel und verwitterte Balken, versteht sich.

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