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Demo gegen G20 : Reportage: So war „Welcome to hell".

vom

Wasserwerfer und Kapitalismus-Kritik: So erlebte unser Reporter die Demo, die in Gewalt eskalierte.

von
erstellt am 07.Jul.2017 | 02:05 Uhr

Gegen Mittag haben Polizisten und Demonstranten auf dem Fischmarkt einen gemeinsamen Feind: die knallende Sonne. Während sich Polizisten in den spärlichen Schatten stellen, lassen die Aktivisten noch auf sich warten. Zum offiziellen Beginn der Kundgebung um 16 Uhr sind vielleicht 1000 da. 10.000 hatte der Veranstalter der Demo erwartet. Die sollten dann auch kommen, aber nach und nach.

Vor der Kundgebung: Die Polizei fährt Wasserwerfer auf.
Vor der Kundgebung: Die Polizei fährt Wasserwerfer auf.

Die Polizei hatte gegen 14 Uhr das schwere Gerät schon aufgefahren: ein halbes Dutzend Wasserwerfer, mindestens 40 Mannschaftswagen, mehrere Räumfahrzeuge. Die Stimmung dennoch okay. Aktivisten und Polizisten standen einträchtig nebeneinander.

Der Schwarze Block stellt sich auf.
Der Schwarze Block stellt sich auf.

Gegen halb sieben formierte sich dann der Schwarze Block. Innensenator Andy Grote (SPD) hatte im Vorfeld von mehreren tausend Gewaltbereiten gesprochen, dem größten Schwarzen Block aller Zeiten. Rund 1000 Vermummte formierten sich dann. Mitgebracht hatten sie einen riesigen "Black Block" zum Aufblasen, daneben etwas kleinere silberfarbene Kuben aus Ballon-Material, die wohl Pflastersteine darstellen sollten.

Ab 18:45 Uhr standen sie sich dann gegenüber: Demonstranten, vermummt und unvermummt, und eine vierstellige Zahl von Polizisten mit insgesamt einem Dutzend Wasserwerfern im Bereich Fischmarkt.

Es geht los mit den Wasserwerfern.
Es geht los mit den Wasserwerfern.
 

Die Demonstranten gingen los, Polizisten  liefen ihnen entgegen, die Wasserwerfer rollten an. Der Demonstrationszug bewegte sich 150 Meter. Und dann: Stillstand. Eine Stunde lang ging das so: Demonstrations-Mikado. Niemand bewegt sich zuerst. Niemand rührte sich. Tausende Schaulustige beobachteten die Szenerie. Aber weder Polizei noch Schwarzer Block schienen es auf eine schnelle Konfrontation angelegt zu haben.

Dann um 19:45. Es kommt Bewegung in die Sache. Auch für die Reporter vor Ort ist es nicht möglich zu sagen, ob zuerst Wasser gespritzt oder Gegenstände geworfen wurden. Die Polizeitaktik ist jetzt klar: keine Vermummung. Der Schwarze Block und der Rest der Demo sollen getrennt werden.

Viele Vermummte rennen nun an mir vorbei. Die Polizei versucht, Ketten zu bilden und mutmaßliche Straftäter dingfest zu machen. Einige entwischen durch das Gestrüpp an der Elbe. Das Geschehen im eigentlichen Demonstrationszug wird nun unübersichtlich. Barrikaden sollen jetzt errichtet worden sein. Aus der Entfernung lässt sich das nicht beurteilen. Die Demo wird von den Veranstaltern offiziell abgeblasen.

Gegen 20:30 Uhr beginnt die Polizei dann, die Wasserwerfer der zweiten Reihe rückwärts rollen zu lassen, die Hafenstraße entlang Richtung Landungsbrücken.  Die Polizei konzentriert sich dort.

Nach dem zwischenzeitlichen Abbruch formiert sich die Demo neu.
Nach dem zwischenzeitlichen Abbruch formiert sich die Demo neu.

Irgendwann geschieht dann ein kleines Wunder. Es hat sich ein Demonstrationszug gebildet, mit antikapitalistischen Sprüchen, die skandiert werden, aber ohne Vermummte. Die Veranstalter verkünden: Wir melden die Demo wieder an. Es soll weitergehen.

Beide Seiten bewegen sich jetzt. Die Demo geht ohne Vermummte und ohne offensichtliche Provokationen weiter. Wasserwerfer (ohne Wasser zu werfen) vorne, Mannschaftswagen hinten. Es geht über die Reeperbahn. Dort gibt es wohl Scharmützel, von denen Reporter per Twitter berichten. Gesehen habe ich sie nicht. Mit anderen Demonstranten geht es jetzt auf den Weg. Zehntausend sind das wohl.

Die Deom zieht vorbei an den Puffs der Reeperbahn.
Die Deom zieht vorbei an den Puffs der Reeperbahn.

Es geht die Reeperbahn Richtung Westen, an den Puffs und Laufhäusern vorbei. Und an Touristen, die in den Straßenrestaurants essen. Rechts in die Holstenstraße, dann in die Max-Brauer-Allee. Alles friedlich.

Friedlicher Demonstrationszug Richtung Schanze. Dort eskaliert die Lage dann wieder.
Friedlicher Demonstrationszug Richtung Schanze. Dort eskaliert die Lage dann wieder.

Aber das Schanzenviertel rückt näher. An der Ecke Stresemannstraße es es dann vorbei mit dem Frieden. Aus 150 Metern Entfernung sehe ich Wasserwerfer in Aktion. Die Polizei twittert, zuerst seien Flaschen geflogen. Dann zerbrechen Schaufenster in der Schanze. Dann lodern Flammen vor der Roten Flora. Die Polizei stürmt nach eigenen Angaben. Kurz vor Mitternacht ist es vorbei. An anderen Stellen berichtet die Polizei von Straftaten. Die Nacht ist noch lang.

 

Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter der Grünen, twittert am frühen Morgen, er sehe eine Situation wie in Genua beim G8-Gipfel 2001. Damals kam ein Demonstrant durch Schüsse der Carabinieri ums Leben. Als Beobachter muss ich sagen: Ich habe keine Polizei gesehen, die aggressiv oder provozierend auf Beobachter oder Unbeteiligte zugegangen ist. Andere Reporter berichten, es sei gegen Presse vorgegangen worden.

Wer hat nun den ersten Stein geworfen, auf den ersten Wasserwerfer-Knopf gedrückt? Keine Ahnung. Der Staat wollte zeigen, dass er sich nicht vorführen lässt. Geschafft. Gewalttätige Demonstranten wollten Präsenz zeigen: Geschafft, aber ohne ganz schlimme Vorkommnisse. Friedliche Demonstranten wollten demonstrieren. Angesichts der Umstände ist sogar das gelungen, wenn auch nur zwischenzeitlich.

Das war nicht schön. Aber es war kein Genua. Ich hoffe, das bleibt so. G20 in Hamburg ist noch nicht vorbei. "Welcome to hell" ist es.

 

 

 

 

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