zur Navigation springen

Gipfel der Extreme : Merkels Allianzen, Trumps Blockaden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Kanzlerin und der Problemgipfel von Hamburg: Die Schwierige Suche nach G20-Kompromissen in letzter Minute

von
erstellt am 07.Jul.2017 | 20:55 Uhr

Kurz nach 13 Uhr heißt es gestern: Vorhang auf für das große Familienfoto der Staats- und Regierungschefs der G20 vor der blauen Wand. Lächeln für die Fotografen aus aller Welt, die das Bild der Mächtigen festhalten. Gute Miene zum ernsten Spiel. Donald Trump steht ganz außen, weit weg von der Kanzlerin. Angela Merkel im roten Blazer sticht aus dem übrigen Grau, Schwarz und Blau heraus. Über ihren Köpfen leuchtet das Logo des Gipfels, ein Kreuzknoten als maritimes Symbol für Vernetzung und Zusammenhalt.

„Je größer die Belastung, umso fester wird der Knoten“, sagt Gipfel-Gastgeberin Merkel und gibt bei der offiziellen Begrüßung der Staatsgäste in Hamburg die Parole für die entscheidenden Stunden der Verhandlungen aus und heißt ihre Gäste „herzlich willkommen“. Ganz sicher sei sie, dass sich jeder am Tisch anstrengen werde, „ein gutes Ergebnis“ zu erreichen, erklärt Merkel, und es klingt wie das Pfeifen im Walde.

Der Gipfel startet mit Verspätung. Merkel hat es nicht eilig, will Zeit schinden, damit die Beratungen über den Klimawandel später beginnen und US-Präsident Trump und der russische Präsident Putin vielleicht doch noch nach ihrem Vier-Augen-Treffen dazustoßen, sich nicht drücken können. Schließlich stahlen die beiden dem Rest der Staatsmänner gestern mit ihrem Mini-Gipfel die Schau.

Er wolle Angela Merkel helfen, dass der Gipfel ein Erfolg werde, hatte der US-Präsident noch vor dem Auftakt des Treffens angekündigt. Wer jedoch auf ein unverhofftes Gastgeschenk, auf Kompromissbereitschaft im Klimastreit gehofft hatte, wurde enttäuscht. Bereits beim Treffen am Vorabend mit der Kanzlerin sei deutlich geworden, dass es keine Bewegung geben werde. Auch über Handelsfragen und Stahl wurde heftig gestritten. „Wir sind in gehobener Kamp-fesstimmung“, verkündete EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und zielte damit auf Trump, der mit Strafzöllen auf Importe aus Europa droht.

„Lösungen können nur gefunden werden, wenn wir kompromissbereit sind und uns aufeinander zubewegen“, appelliert die Gipfel-Chefin unverdrossen an alle Teilnehmer. Doch das gehe nur, „wenn wir uns dabei nicht zu sehr verbiegen“, stellt Merkel klar, dass ihre Kompromissbereitschaft nicht grenzenlos ist.

Jeder im großen Saal unter dem Messedach weiß, dass die Botschaft vor allem dem amerikanischen Präsidenten gilt. Gelingt am Ende vielleicht doch noch ein Kompromiss in Sachen Klimaschutz und kann damit das Scheitern noch in letzter Minute abgewendet und eine gemeinsame Erklärung präsentiert werden, die ihren Namen verdient? Oder steht Merkel am Ende bei ihrem Heimspiel keine drei Monate vor der Bundestagswahl mit leeren Händen da? Die Chefunterhändler der Regierungen, versuchen, die ganze Nacht hindurch zu retten, was vielleicht noch zu retten ist, die Gipfel-Pleite abzuwenden. Dass die „Sherpas“ noch mal eine Nacht durcharbeiten müssten, sagt Merkel, „das gehört nun mal dazu“. Die Welt stehe vor großen globalen Herausforderungen. „Wir wissen, dass die Zeit drängt“, erklärt Merkel.

Küsschen hier und Händeschütteln da am Rande des Verhandlungstisches und jede Menge Smalltalk vor den Kameras. Seht her, wir verstehen uns, so die Symbolik. Doch hinter den verschlossenen Türen wird weiter hart gerungen. Bis zum Abend besteht nur Einigkeit darüber, dass man beim Thema Klimawandel und Freihandel nicht einig ist.

Kommentar: Trotzdem ein Erfolg

Willkommen in der Hölle – das Motto der flammenden Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg ist Programm. Drinnen am Verhandlungstisch tobt Donald Trump, kämpft gegen Freihandel, Klimaschutz und eine multilaterale offene Welt. Draußen auf der Straße wütet der gewalttätige Mob gegen das vermeintliche Unrecht in der Welt, gegen die Reichen und Mächtigen. Hass, Gewalt und Zerstörung anstelle eines legitimen friedlichen Protests – für diese Schneise der Verwüstung gibt es keinerlei Rechtfertigung. Den Polizeikräften sei Dank, dass hier noch Schlimmeres abgewendet wurde. Nicht sie haben hier Grenzen überschritten, sondern die linksextremen Provokateure und Gewalttouristen.

Mag die Gewalt auch einen Schatten auf das Treffen werfen, so ist es allein schon ein Erfolg, dass dieser Gipfel stattgefunden hat. Die erste Begegnung zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Trump macht Hoffnung, dass Fortschritte bei der Krisenbewältigung in der Ukraine und eine gemeinsame Linie gegenüber Nordkorea möglich werden können. Dass es weder beim Klimaschutz noch beim Freihandel eine Wende Trumps geben wird, war im Vorfeld klar. Doch zeigt die Geschlossenheit der großen Mehrheit der G20-Staaten, dass es kein Zurück geben wird, weder eine Abkehr vom Klimaabkommen noch eine Welle des Protektionismus. Sicher hat sich Kanzlerin Merkel ihren Gipfel anders vorgestellt, ohne den unberechenbaren Gast aus Washington und ohne brennende Luxuskarossen. Doch wenn der Gipfel dazu beiträgt, dass ein weltweiter Handelskrieg nur ein Stück unwahrscheinlicher wird, war es schon ein nicht zu unterschätzender Erfolg.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen